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Mutterschaft schützt vor Selbstmord

Eigene Kinder mögen zwar mitunter recht anstrengend sein, aber sie machen das Leben auch lebenswerter. Eine aktuelle Studie fügt dieser Aussage eine weitere Facette hinzu: Mutterschaft schützt demnach vor Selbstmord - das entsprechende Risiko sinkt mit jedem Kind weiter ab.

Sozialmedizin 22.03.2010

Alte Hypothese

Der Soziologe Émile Durkheim äußerte bereits 1897 in seinem Buch "Le suicide" (Der Selbstmord) die Vermutung, dass nicht die Ehe selbst der Grund dafür ist, warum sich verheiratete Frauen weitaus seltener selbst töten als unverheiratete. In Wahrheit sei es die Mutterschaft, die sie gewissermaßen lebenstüchtiger macht.

Diesen Umstand empirisch zu untersuchen, ist allerdings relativ aufwändig. Selbstmord gehört in der Regel nicht zu den häufigsten Todesarten. Das heißt, um einen statistischen Zusammenhang zu finden, muss man sehr große Gruppen über einen längeren Zeitraum untersuchen und die Daten dann mit den durchschnittlichen Selbstmordraten in der Gesellschaft vergleichen.

Das ist laut Chun-Yuh Yang von der Kaohsiung Medical University in Taiwan auch der Grund dafür, dass es zu Durkheims Hypothese bis heute nur sehr spärliche, statistisch kaum signifikante Belege gibt.

Häufige Todesart bei asiatischen Frauen

Die Studie im "Canadian Medical Association Journal": "Association between parity and risk of suicide among parous women" von Chun-Yuh Yang

Für seine aktuelle Studie verwendete der Forscher Daten aus seinem Heimatland Taiwan. Dort ist die Selbsttötung die achthäufigste Todesart bei Männern und die neunhäufigste bei Frauen, das sind 19,7 Todesfälle von Männern pro 100.000 Einwohner, 9,7 von Frauen. Die Selbstmordrate ist verglichen mit manchen westlichen Industrieländern relativ hoch und steigt seit 1999 stetig.

Auch das Geschlechterverhältnis sieht hier etwas anders aus: In den meisten Ländern bringen sich Männer deutlich öfter um, in der Regel mindestens dreimal so häufig wie Frauen, in Taiwan sind es "nur" doppelt so viel. Es scheint laut Yang eine Besonderheit chinesischer Gesellschaften zu sein, dass die Rate auch bei Frauen recht hoch ist. Außerdem ist die Zahl diagnostizierter geistiger Krankheit bei Selbstmördern hier generell viel geringer als in westlichen Gesellschaften.

Mehr Kinder, weniger Selbstmorde

Der Forscher hat nun Daten von knapp 1,3 Millionen taiwanesischen Frauen erhoben, die zwischen Jänner 1978 und Dezember 1987 ihr erstes Kind zur Welt gebracht haben. Seit damals werden alle Geburten mittels eines zentralen Registrierungssystems erfasst. Das Leben der Frauen wurde - in Bezug auf Daten über ihre Gesundheit und die Anzahl der Geburten - bis in den Dezember 2007 weiterverfolgt, unter Berücksichtung von Status, Erziehung, Alter und Wohnort der Frauen wurden die Daten dann ausgewertet.

Dabei zeigte sich laut Yang eine klare Tendenz: Die Selbstmordrate fällt mit der Anzahl der Kinder. Deutlich wird dieser Zusammenhang ab dem zweiten Kind, hier sank das Risiko um 39 Prozent, bei drei und mehr Kindern sogar um 60 Prozent.

Glückliche Frauen ...

Für diesen schützenden Effekt gibt es laut dem Forscher verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. So seien Frauen mit psychiatrischen Erkrankungen oder Depressionen unter Umständen weniger fähig, stabile Beziehungen einzugehen und aufrecht zu erhalten, was ihre Möglichkeiten für Nachwuchs einschränkt. Auch hätten diese vielleicht gar kein Bedürfnis, Kinder zu bekommen.

Glückliche und gesunde Frauen hingegen hätten möglicherweise generell einfach mehr Kinder; in diesem Fall hätten Frauen mit vielen Kindern schon von vornherein eine geringere Neigung zur Selbsttötung. Es ist also schwer festzustellen, ob die Kinder tatsächlich die Ursache der Schutzwirkung sind.

... oder schützende Kinder?

Andere Forscher vermuten laut Yang zudem, dass dieser Effekt nur greift, solange die Kinder in der Obsorge der Eltern sind und verschwindet, sobald diese das Haus verlassen. Die Sorge um den noch unselbstständigen Nachwuchs könnte auch die mütterliche Sorge um sich erhöhen, den Selbstwert steigern und das Gebrauchtwerden vor Selbstmord schützen.

Oft seien es auch gerade die Kinder, die der Mutter emotionalen Rückhalt geben, wenn es ihr schlecht geht. Außerdem ist Muttersein laut dem Studienautor in der Gesellschaft positiv besetzt, ein Vorteil für zahlreiche Sozialkontakte - ein Faktor, der ebenfalls das Selbstmordrisiko senkt.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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