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Schematische darstellung eines Chromosoms.

Das Humangenomprojekt: Nur eine Blase?

Der Begriff der Blase war bisher auf die Ökonomie beschränkt, drei Schweizer Forscher wenden ihn nun auch auf die Forschung an. Ihre These: Die Entzifferung des menschlichen Genoms wurde von einer Welle kollektiver Euphorie begleitet - der Nutzen des Projekts habe sich indes als bescheiden erwiesen.

Soziologie 24.03.2010

Was haben der Bau britischer Eisenbahnlinien in den 1840er Jahren, die Demokratisierung der Mode und Dolly, das erste geklonte Säugetier, gemeinsam? Alle drei haben nach Ansicht der Schweizer Historikerin Monika Gisler strukturelle Ähnlichkeiten, sie hätten extrem hohe Erwartungen hervorgerufen, doch der anfängliche Enthusiasmus habe sich später verflüchtigt.

"Soziale Blasen" nennen Gisler und ihre Kollegen von der ETH Zürich, Didier Sornette und Ryan Woodard, solche Ereignisse. Den Begriff der Blase aus der Finanz zur Beschreibung des sozialen Felds zu übernehmen erscheint auf den ersten Blick vernünftig. Denn auch Ökonomie ist letztlich ein soziales Unternehmen, und es ist nicht einzusehen, warum sich der kollektive Glaube in anderen, wirtschaftsfernen Gebieten nicht ebenfalls mitunter verselbstständigen sollte.

"Übertriebener Hype"

Die These mit historischen Belegen zu unterfüttern ist allerdings eine andere Sache. Gisler und Sornette haben das vor zwei Jahren in Bezug auf das Apollo-Programm ("die große NASA-Show") versucht, nun stellen sie entsprechende Belege zum Humangenomprojekt (HGP) vor.

"Exuberant Innovations: The Apollo Program" ist im Fachblatt "Society" erschienen, von der Folgestudie "Exuberant innovation: The Human Genome Project" gibt es zurzeit nur eine Preprintversion.

Sukkus der neuen Arbeit: Das HGP sei von vollmundigen Prognosen begleitet worden, nicht zuletzt um die enormen Kosten des Projekts zu legitimieren. Nach dessen Abschluss hieß es aber: Bitte warten. Der US-Biologe Gerald Rubin sieht das ähnlich. Er sagte im Jahr 2000, drei Jahre vor dem offiziellen Ende des Projekts: "Nach vorherrschender Ansicht wird das Genom die Biologie revolutionieren. Ich finde, das ist ein übertriebener Hype. Letztlich stammen die wahren Einsichten von Einzelpersonen, die einzelne Gene in allen Details untersuchen."

Anstieg und Fall der Börsenkurse

Gisler und ihre Kollegen hielten nach Zahlenmaterial Ausschau, das ihre These belegen sollte, und wurden an der Börse fündig, nämlich beim AMEX Biotechnology Index sowie bei den NASDAQ Composite Indices. Beide summieren die Kurse börsennotierter Biotech-Unternehmen und sollten, so zumindest die Annahme der Schweizer Forscher, das Vertrauen in Genetik und Biotechnologie widerspiegeln.

Beide Indizes stiegen von 1997 bis 2000 - jenem Jahr, in dem die erste Arbeitssequenz des menschlichen Erbguts veröffentlicht wurde - rasant an. So rasant, dass selbst die Wachstumsrate im Verlauf dieser Zeit kräftig zulegte. Mathematiker beschreiben solch stürmische Entwicklungen mit Potenztürmen, die Türme blieben aber nicht lange stabil. Ab 2001 ging es wieder bergab, die Kurse verloren massiv an Boden.

Zahl der Patente als Grafik.

Monika Gisler, Didier Sornette, Ryan Woodard

Zugelassene Patente mit Genomik-Bezug seit 1985.

Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Patenten in diesem Fachbereich. Auch hier lag der Gipfel im Jahr 2001, danach fiel deren Zahl wieder auf das Ausgangsniveau.

Katalysator des Fortschritts

Im Gegensatz zur Spekulationsblasen, die von Tulpenzwiebeln bis hin zu Immobilien negativ konnotiert sind, möchte Gisler soziale Blasen nicht so einseitig verstanden wissen. Sie hätten zumindest in der Wissenschaft eine positive Seite, sagte sie gegenüber science.ORF.at - nämlich als Katalysatoren des Fortschritts: "Beim Humangenomprojekt haben renommierte Forscher ihre Arbeitskraft, ihr Wissen und ihre Reputation für eine Idee zur Verfügung gestellt, deren Zukunft sie nicht kannten. Ohne diesen Überenthusiasmus wären so große Projekte wie das HGP gar nicht möglich."

Gleichwohl sei dabei vieles versprochen worden, was man nicht, zumindest nicht so schnell habe einlösen können. "Die Entwicklung von neuen Medikamenten und Therapien wurde zu Beginn oft als Argument für das HGP verwendet. Das hat sich bisher noch nicht bewahrheitet", so Gisler. "Aber das ist ein Problem jeder Grundlagenforschung: Inwieweit und wie schnell muss sie zu Anwendungen führen? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten."

Bücher, Codes und Proteine

Die US-amerikanische Wissenschaftstheoretikerin Lily E. Kay hat bereits vor zehn Jahren in ihrem Buch "Who wrote the Book of Life?" eine ähnlich gelagerte Kritik geäußert, besonders in Bezug auf die Sprache der Molekularbiologen und deren PR-Abteilungen. Kay wies etwa darauf hin, dass der Begriff "Buch des Lebens", der gerne für die DNA-Sequenz im Zellkern verwendet wird, äußerst unangemessen sei. Ein Text sei das Ganze eben nicht, solange man darin nicht lesen könne.

Oder anders gesagt: Entziffern und Entschlüsseln sind zwei grundverschiedene Dinge - ein Fehler, der im Übrigen auch den Übersetzern von Craig Venters Autobiografie ("Entschlüsselt. Mein Genom, mein Leben") passiert ist. Wobei der Titel der englischen Ausgabe ("A Life Decoded. My Genome. My Life") auch nicht besser ist: "Code" ist das Genom, sei es von Venter oder jemand anderem, nämlich auch keiner - siehe Kay.

Vor dem Hintergrund der Hypothese sozialer Blasen kann man derlei Sprachver(w)irrungen auch als Werbemaßnahmen betrachten, dem Motto folgend: "Besser dick als dünn auftragen". Das soll wohl Finanziers überzeugen und die Öffentlichkeit gewogen machen, sofern staatliche Gelder verwendet wurden.

Ob sich diese Strategie abnützt oder nicht, müsste man an anderen Großprojekten untersuchen. Ein möglicher Kandidat wäre etwa das Human Proteome Project, der HGP-Nachfolger auf Proteinebene. Gibt es auch hier eine Inflation der Hoffnungen? Gisler: "Sagen wir es so: Der Enthusiasmus der Beteiligten weist zumindest auf eine Blase hin."

Robert Czepel, science.ORF.at

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