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Körperausschnitt (Seite von hinten), Yogapositon vor Bergpanorama

Unser Körper denkt mit

Alles, was wir von der Welt mitbekommen, verdanken wir letztlich unserem Körper. Aber dass selbst abstrakte Denkkonzepte auf unsere physische Präsenz zurückgehen sollen, klingt doch erstaunlich. Genau dafür sammeln sich in jüngster Zeit aber vermehrt Belege.

Kognitionsforschung 26.03.2010

Geist und Materie

Das "Leib-Seele" oder "Körper-Geist"-Problem beschäftigt die Philosophie seit der Antike: Wie verhält sich unser Denken und Fühlen zu unserem Körper und der Materie? Gemäß René Descartes handelt es sich dabei um zwei voneinander getrennten Substanzen; wie Geist und Materie in diesem dualistischem Modell miteinander in Austausch stehen sollen, blieb allerdings ungeklärt.

In den letzten vierhundert Jahren hat sich allerdings einiges getan - in der Gesellschaft und in den Wissenschaften. Mainstream ist mittlerweile der materialistische Ansatz. Dabei gelten physische bzw. neuronale Vorgänge als Basis allen Denkens, Fühlens und Handelns. Nicht zuletzt die Neurobiologie hat einiges zu dieser Sicht beigetragen. Über den Körper mit seinen Sinnesorganen befindet sich das Gehirn sozusagen im Austausch mit der Welt, durch welchen wir Laufen, Sprechen und vieles mehr lernen.

Höheres Denken spielt sich hier zwar nicht mehr im Immateriellen ab - wie noch zu Descartes' Zeiten, aber das Gehirn als dominantes Organ hat sozusagen die Rolle des über allem schwebenden flüchtigen Geistes übernommen. Die radikalen Konstruktivisten gehen sogar davon aus, dass unser Gehirn die externe Welt gewissermaßen erst erzeugt. "Viele meinen, unser abstraktes Denken basiert ausschließlich auf kognitiven Prozessen, unabhängig von Körper und Raum", wie Tobias Loetscher von der University of Melbourne gegenüber dem "New Scientist" erklärt.

Zählen in Blickrichtung

Bereits vor dreißig Jahren hat der kognitive Linguist George Lakoff eine davon abweichende These entwickelt. Gemäß seiner Metapherntheorie verwenden wir in unserer Sprache und unserem Denken abstrakte Konzepte, die auch unsere körperliche Interaktion mit unserer Umwelt abbilden. Konkrete Experimente versuchen, diese theoretische Vermutung nun mit empirischen Belegen zu untermauern.

Die Studie in "Current Biology": "Head turns bias the brain's internal random generator" von T. Loetscher et al.

So haben Loetscher und sein Team unter anderem den Zusammenhang zwischen Zählen und Körperbewegungen untersucht. Dafür mussten zwölf Rechtshänder 40 zufällige Zahlen zwischen eins und 30 nennen. Während die Probanden im Takt eines Metronoms die Zahlen aufzählten, zeichneten die Forscher die Augenbewegungen der Probanden auf. Es zeigte sich, dass man anhand dieser die Größe der nächsten Zahl vorhersagen konnte. Blickte etwa einer der Teilnehmer nach links oder hinunter, wählte er üblicherweise eine kleinere Zahl als die vorhergehende, beim Blick nach rechts oder hinauf folgte eine größere. Zudem korrelierte der numerische Abstand der beiden mit der Abweichung der Augen.

Wie Lakoff gegenüber dem "New Scientist" meint, ist dies ein sehr schönes Beispiel für "körperliches Denken". Es zeige, wie sich abstraktes Denken entwickelt. Zwei häufige Metaphern liegen diesem Zusammenhang ihm zufolge zugrunde: "Nach oben" und "nach rechts" entspricht üblicherweise "mehr", "nach unten" und "nach links" in der Regel "weniger". Schon in jungen Jahren würden Menschen derartige Bilder verinnerlichen: Wenn der Turm durch mehr Bauklötze immer höher wird, vermittle das, dass Höhe auch "mehr" bedeutet. Was Loetschers Versuche allerdings offen lassen, ist, ob die Augenbewegung die Auswahl der Zahl veranlasst oder umgekehrt.

Höhe vermittelt Hochgefühle

Die Studie in "Cognition": "Motor action and emotional memory" von Daniel Casasanto et al.

Um diesen Aspekt zu untersuchen, befasste sich Daniel Casasanto vom niederländischen Max-Planck-Institut für Psycholinguistik mit räumlichen Metaphern, die unsere Gefühle beschreiben: Hochgefühle liegen, wie das Wort schon vermuten lässt, in der Höhe; Niedergeschlagenheit hingegen bewegt sich eher tief unten.

Für die Studie mussten 24 Studenten Murmeln aus einer höher gelegenen Schachtel in eine tieferliegende räumen oder umgekehrt. Gleichzeitig sollten sie ein negativ oder positiv besetztes Ereignis erzählen, bei dem sie entweder sehr stolz oder sehr beschämt gewesen waren. Wie sich zeigte, waren die Probanden deutlich schneller, wenn ihre Nacherzählung der körperlichen Bewegung entsprach. Sprich: Wenn sie die Murmeln nach oben bewegten, konnten sie die positiven Geschichten flüssiger erzählen und umgekehrt.

Um zu überprüfen, ob körperliche Bewegungen mehr als nur die Sprechgeschwindigkeit verändern können, führte das Team weitere Experimente durch. Sie sollten klären, ob sie unter Umständen sogar beeinflussen, worüber wir reden oder denken. Während die Studenten die Murmeln entweder nach oben oder nach unten schlichteten, mussten sie neutrale Fragen beantworten, wie etwa "Was hast du gestern gemacht?". Jene Teilnehmer, die die Murmeln aufwärts bewegten, erzählten deutlich positivere Geschichten als jene mit der Abwärtsbewegung.

Außerirdische Mathematik

In einer weiteren Studie untersuchte das Team um Casasanto in einer anderen Form, ob Körperbewegungen unsere Gedanken prägen. Dabei mussten 286 Studenten, 40 davon Linkshänder, paarweise angeordnete Comicfiguren bewerten. 210 von ihnen zeigten eine klare seitliche Präferenz, 65 Prozent der Linkshänder bevorzugten die linke Figur, 54 Prozent der Rechtshänder die rechte. Offenbar wird Positives eher mit der dominanten Seite assoziiert.

Was würden wir also denken, hätten wir völlig andere Körper? Laut Lakoff hätten Außerirdische nicht nur einen anderen Körper, sondern auch ein anderes Denken. "Man meint, dass abstraktes Denken - wie etwa in der Mathematik - objektiv sei und daher für jeden gleich", so der Linguist. Es gebe aber Indizien, dass dem gar nicht so ist.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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