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Modell eines Gehirns.

Forscher legen die Moral lahm

Meist versuchen Gehirnforscher aus Bildern zu schließen, welcher Teil des Gehirns wofür zuständig ist. Mittels Magnetstimulation kann man auch den umgekehrten Weg gehen. Sie verändert direkt die Aktivität und folglich unser Denken. Auf diese Weise ist es Forschern nun gelungen, Teile unserer moralischen Urteilsfähigkeit außer Kraft zu setzen.

Gehirnstudie 30.03.2010

Schon die Absicht macht schuldig

Auch wenn niemand zu Schaden kommt, können Handlungen unmoralisch sein. Das heißt, die Absicht hinter einer Tat sowie der geistige Zustand des Täters sind ebenso wesentlich; der tatsächliche Ausgang einer Tat beeinflusst im Strafrecht in der Regel lediglich das Strafmaß. Schlägt ein Mordversuch fehl, trägt man trotzdem Schuld. Fährt man schwer betrunken Auto, ist es immer moralisch verwerflich und strafbar, selbst wenn niemand dabei verletzt wird.

Für ein derartiges Urteil braucht es allerdings eine bestimmte geistige Reife. So beurteilen z.B. kleine Kinder Taten nur anhand ihrer Konsequenzen. Schuld ist der, der etwas kaputt gemacht hat - egal, ob er das wollte oder nicht. Laut den Forschern rund um Rebecca Saxe vom Massachusetts Institute of Technology entwickelt sich diese Fähigkeit erst im Lauf des Erwachsenwerdens, in der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang auch von einer "Theory of mind", die einem erlaubt, Annahmen über die Bewusstseinsvorgänge anderer zu treffen.

Ein Platz für die Moral

Untersuchungen mittels funktionaler Magnetresonanztomographie (fMRI) legen nahe, dass bei gesunden Erwachsenen bestimmte Gehirnregionen für dieses Erfassen "geistiger" Schuld zuständig sind. Besonders in einem Bereich oberhalb des rechten Ohrs, zwischen Scheitel- und Schläfenlappen - der "temporoparietal junction", zeigten Studien einen besonders hohen Stoffwechsel, wenn Testpersonen über die Ansichten von Menschen in moralischen Kontexten nachdenken.

Die Studie in den Proceedings of the National Academy of Science": "Disruption oft he right temporoparietal junction with transcranial magnetic stimulation reduces the role of beliefs in moral judgment" (sobald online) von Liane Young et al.

Ob diese Region tatsächlich verantwortlich ist, die Vorsätzlichkeit von Taten zu erfassen, haben die Forscher nun mit einer ungewöhnlichen Methode untersucht. Mittels Transkranieller Magnetstimulation haben die Forscher die Gehirnregion gewissermaßen lahmgelegt. Dies geschieht mit Hilfe starker Magnetfelder. In diesem Zustand mussten die Teilnehmer dann moralische Urteile fällen.

Was ist moralisch verwerflich?

Die zu lösende Aufgabe beschrieb ein Szenario mit wahlweise neutralen oder negativen Absichten und Ausgängen: In der ersten Variante gibt Grace ihrer Freundin Zucker in den Kaffee, von dem sie auch annimmt, dass es Zucker ist. In der zweiten vermutet sie, es ist Gift, zum Glück ist es aber Zucker und die Freundin bleibt am Leben. Bei der dritten Kombination, denkt sie, es ist Zucker, aber leider: das Gift tötet die Freundin. In der vierten Variation ist sowohl die Absicht von Grace als auch der Ausgang tödlich.

Die Teilnehmer mussten nun bei allen Kombinationsmöglichkeiten auf einer Skala von eins bis sieben bewerten, ob das moralisch verboten oder zulässig ist. Im ersten Durchlauf wurde die Gehirnregion bereits 25 Minuten vor der Entscheidung mittels magnetischer Stimulation gehemmt, in der zweiten direkt während des Fällens des Urteils, um mögliche Auswirkungen auf verbundene Gehirnbereiche zu minimieren.

Absichten schwer einzuschätzen

In beiden Settings zeigte sich vor allem in einer Variante ein wesentlicher Unterschied zur Kontrollgruppe, nämlich bei der schlechten Absicht ohne negative Konsequenzen. Die durch die Magnetstimulation manipulierten Probanden hielten es moralisch viel eher für zulässig, wenn jemand zwar Böses wollte, aber niemand dabei zu Schaden gekommen ist. Daraus schließen die Forscher, dass der Ausfall des temporoparietalen Übergangs sie der Fähigkeit beraubt, die Absichten anderer einzuschätzen. Daher müssten sie ihr Urteil in erster Linie anhand der Folgen einer Handlung fällen.

"Dass eine einfache magnetische Manipulationen einer bestimmten Gehirnregion tatsächlich das moralische Urteil einer Person verändert, ist doch erstaunlich", so Rebecca Saxe. Der untersuchte Aspekt sei natürlich nur ein Teil unserer Moral, aber die Ergebnisse seien ein wichtiges Puzzlestück, um zu begreifen, wie sie in unserem Gehirn entsteht.

Es könnten sich auch neue Ansätze bei neuronalen Entwicklungsstörungen, wie etwa dem Autismus, ergeben. Denn betroffene Kinder hätten häufig Schwierigkeiten, die Absichten anderer einzuschätzen und zu beurteilen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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