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Überraschende Sprachverwandtschaften

Die Struktur von Sprachen kann möglicherweise einen weit zurückreichenden Blick auf den Ursprung und die Verwandtschaft von Sprachen liefern. Bisher wurde sie jedoch nur ansatzweise verglichen. Jetzt haben Wissenschaftler den bisher umfangreichsten Stammbaum auf Basis der Sprachstruktur erstellt.

Linguistik 07.04.2010

Suche nach dem Ursprung der Sprachen

6.000 bis 10.000 Jahre: Das gilt für Linguisten im Allgemeinen als das Zeitfenster in die Vergangenheit, in dem sie untersuchen können, woher Sprachen kommen und welche Sprachen miteinander verwandt sind. Dazu vergleicht man meist den Sprachschatz, ähnliche Wörter und Laute.

Die Studie “The shape and tempo of language evolution” ist in der aktuellen Ausgabe der “Proceedings of the Royal Society B” erschienen (Abstract, sobald online).

Ein weiterer Blick zurück war damit jedoch nicht möglich. Ab einem gewissen Zeitpunkt ließ sich nicht mehr unterscheiden, ob ähnliche Begriffe auf eine gemeinsame ältere Sprache zurückgehen, rein zufällig entstanden sind oder ob sich unsere Vorfahren einen Begriff aus einer anderen Sprache ausgeborgt haben.

Nun haben englische und neuseeländische Wissenschaftler um Simon Greenhill von der Arbeitsgruppe für "Computational Evolution" an der Universität Auckland in Neuseeland ein neues Verfahren getestet, in dem sie die Strukturen von 99 Sprachen miteinander verglichen haben.

7.000 Sprachen weltweit

Bestimmte Strukturen oder grammatikalische Muster gelten als stabiler und verändern sich langsamer als einzelne Begriffe, schreiben die Autoren. Dadurch könnte ein weiter zurückreichender Stammbaum der Sprachen erstellt werden als beim Blick auf ähnliche Wörter. Zu solchen Strukturen zählen etwa Zahlwörter und Fälle (wie z. B. der Ergativ), die nur in bestimmten Sprachen vorkommen. Insgesamt haben die Forscher 138 solcher Merkmale miteinander verglichen.

Laut Greenhill und seinen Kollegen gab es bis vor kurzem jedoch kein vollständiges Verzeichnis vergleichbarer Daten zur Struktur von Sprachen - bis im Jahr 2005 der Weltatlas der Sprachstrukturen erschien. 2.561 der weltweit etwa 7.000 gesprochenen Sprachen sind darin erfasst. Aus diesem Verzeichnis haben die Autoren ausreichend belegte Sprachen ausgewählt und einander gegenübergestellt.

Schwierige Verwandtschaftsverhältnisse

Der auf Basis der Sprachstrukturen erstellte Stammbaum.

Simon Greenhill

Der auf Basis der Sprachstrukturen erstellte Stammbaum.

Der entstandene Stammbaum der Sprachen liefert den Autoren zufolge Hinweise für bisher diskutierte hypothetische Sprachfamilien. So gebe es aufgrund der untersuchten Strukturen etwa Hinweise auf die Existenz einer indo-uralischen Sprachfamilie, zu der neben indogermanischen Sprachen die uralischen wie etwa Finnisch und Ungarisch gehören.

Ein Detail des Sprachstammbaumes.

Simon Greenhill

Ein Detail des Sprachstammbaumes.

Die indo-uralischen Sprachen wiederum zeigen ähnliche Strukturen wie altaische Sprachen wie zum Beispiel Türkisch und Sprachen des Kaukasus. Damit ließen sie sich zu einer weiteren hypothetischen Sprachfamilie zusammenfassen: der nostratischen Sprachfamilie. Dass sich in diese Familie aber auch Sprachen aus Papua Neuguinea, Kolumbien und Ecuador durch ähnliche Strukturen einschleichen und damit mit dem Indogermanischen verwandt wären, spricht laut den Studienautoren hingegen wieder gegen die vorgeschlagene nostratische Sprachfamilie.

Halbwertszeit der Wörter

Viele Fragen zur Sprachgeschichte dürften also trotz des umfangreichen neuen Ansatzes offen bleiben. Zudem räumen die Autoren auch Schwachstellen ihrer Analyse ein: So würde die durchgeführte Netzwerkanalyse Deutsch eher mit Französisch verbinden, obwohl bisherige Studien dieses näher an Englisch sehen. Auch konnten keine klaren strukturellen Eigenschaften entdeckt werden, die sich langsamer entwickeln würden als Änderungen im Wortschatz – ein wesentlicher Punkt, um die frühe Entwicklung der Sprachen anhand der Struktur zu erklären.

Um mehr Licht in die Frühgeschichte mancher Sprachen zu bringen, schlagen die Forscher daher einen weiteren Weg vor: Wörter besitzen eine lexikalische Halbwertszeit – jene Zeitspanne, in der die Wörter mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent durch andere ersetzt werden. Einige Wörter haben den Autoren zufolge eine Halbwertszeit von mehr als 20.000 Jahren. Diese langlebigen Begriffe näher zu untersuchen könnte damit ein praktischer Ansatz sein, um die Ursprünge von Sprachen zu untersuchen.

Mark Hammer, science.ORF.at

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