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Aimé Civiale, Bloc erratique du serpentine

Das Versprechen der Fotografie

Seit ihrer Entdeckung vor über 170 Jahren war die Fotografie für die Wissenschaft verlockend. Objektive und naturgetreue Bilder sollten die Beschreibung der Wirklichkeit beflügeln. Das galt auch für die Geologie, die um 1860 enthusiastisch auf die ersten systematischen foto-geologischen Projekte reagierte.

Wissenschaftsforschung 08.04.2010

Der konkrete Nutzen der Bilder war den zeitgenössischen Geologen eher unklar, meint der Wissenschaftsforscher Jan von Brevern. Die moderne Fotografie war vor allem ein Medium des Versprechens, schreibt er in einem Gastbeitrag. Weniger die konkrete Ergebnisse faszinierten als die Hoffnung auf unerwartete Entdeckungen.

Neue Bilder für die Geologie im 19. Jahrhundert

Von Jan von Brevern

Porträtfoto des Wissenschaftsforschers Jan van Brevern

IFK

Jan von Brevern studierte Kunstgeschichte, Philosophie und italienische Literatur in Hamburg, Neapel und Berlin. Von 2005 bis 2009 war er Assistent an der Professur für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich, derzeit ist er Junior Fellow am IFK in Wien.

Vortrag in Wien

Am 8.4.10 hält von Brevern einen Vortrag mit dem Titel "Das Versprechen der Fotografie. Neue Bilder für die Geologie im 19. Jahrhundert".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften
Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
Zeit: 18 Uhr c.t.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war man in den Erdwissenschaften auf neue Bilder angewiesen. Geografen wie Carl Ritter wollten den Erdball nicht länger der "neptunischen und plutonischen Dictatur" überlassen, für die sie die bisherigen "schwachen Abbilder" der Erdoberfläche verantwortlich machten. Und Geologen wie Leonce Élie de Beaumont versicherten nervös, dass die Berge – entgegen dem Augenschein – nicht zufällig verteilt seien wie die Sterne am Himmel, sondern im Gegenteil regelmäßige Strukturen ausbildeten.

Was man brauchte, waren neue Repräsentationen, die diese Strukturen und damit die Entstehung der Gebirge sichtbar machten. Wie in anderen Wissenschaften auch war es dabei besonders die Fotografie, die auf die Forscher einen großen Reiz ausübte.

Fotografien der Alpen

Kein Wunder also, dass der Franzose Aimé Civiale viel Aufmerksamkeit erhielt, als er 1859 eine fotografische Kampagne in den Alpen begann. In den nächsten zehn Jahren versuchte er sich an einer "vollständigen Reproduktion der großen Alpenketten". Es war der erste systematische Einsatz der Fotografie in der Geologie.

IFK/Jan von Brevern/Aimé Civiale

Aimé Civiale: Bloc erratique du serpentine (Findling), 1862. Albuminabzug von einem Wachspapiernegativ.

Aber was genau erhoffte man sich von den hunderten Detailaufnahmen und Panoramen, die Civiale in den Alpen aufnahm? Bei allem Lob, das die Geologen seiner Unternehmung spendeten, fiel ihnen zu den konkreten Anwendungsmöglichkeiten der Fotografien allerdings erstaunlich wenig ein. Neue wissenschaftliche Ergebnisse zumindest scheinen durch sie nicht gewonnen worden zu sein. Und auch die von Civiale vorgeschlagene Vermessung von Gipfelhöhen an den Bildern blieb zunächst ein Wunschtraum.

Der Fotografie mochte man zutrauen, objektiv, exakt und naturgetreu zu sein. Aber wenn es darum ging, diese Eigenschaften in harte wissenschaftliche Währung umzumünzen, tat man sich schwer.

Fotografie - eine Geschichte der Hoffnungen

Zwischen dem Enthusiasmus, der der wissenschaftlichen Fotografie in ihren ersten Jahrzehnten entgegengebracht wurde, und den spärlichen Erkenntnissen, die sich aus ihrem Einsatz ergaben, besteht also eine Kluft. Ich schlage daher einen Perspektivwechsel vor: Weniger die tatsächlichen Ergebnisse, als vielmehr die Erwartungen und Hoffnungen, die man mit dem neuen Bildmedium verband, möchte ich in den Blick nehmen.

Tatsächlich fällt auf, dass man der Fotografie von Anfang an sehr viel zutraute. Schon als François Arago sie 1839 der französischen Öffentlichkeit vorstellte, schlug eine ganze Reihe zukünftiger Anwendungen vor: Von der Reproduktion ägyptischer Schrifttafeln über die Erfassung historischer Monumente bis zur Messung der Lichtintensität von Sternen reichte das Spektrum.

Doch das waren, wenn man Arago Glauben schenken durfte, nur einige bescheidene Beispiele; tatsächlich könne man sich noch gar nicht vorstellen, was durch das neue Bildmedium alles möglich werden würde. Es sei das Unvorhergesehene, so Arago, mit dem man rechnen müsse. Noch bevor die Fotografie ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt hatte, war sie so bereits mit einem unwiderstehlichen Versprechen ausgestattet.

Das Unvorhergesehene sehen

Wer sich in der Folgezeit über Fotografien beugte, begann unweigerlich, nach dem Unvorhergesehenen zu suchen. Mit Lupen bewaffnet – was besonders bei den kleinformatigen und enorm detailreichen Daguerreotypien der ersten Jahre angebracht schien – wurde man dabei nicht selten fündig: Eine Person an einem offenen Fenster, ein weit entferntes Ladenschild, ein Schuhputzer am Straßenrand – alles Dinge, die einem während der Aufnahme entgangen waren, die nun aber durch die Fotografie sichtbar und beschreibbar wurden.

Den Wissenschaftlern machten diese unvorhergesehenen Entdeckungen deutlich, dass die Fotografie tatsächlich ein veritables Erkenntnisinstrument sein konnte. Es hielt Details fest, die man normalerweise nicht beachtet hätte, die aber zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal wichtig werden konnten. Zugleich legitimierte das Versprechen auf das Unvorhergesehene fast jede Form der fotografischen Anwendung. Schließlich konnte man ja noch nicht wissen, welches Wissen man einmal aus Fotografien von Fröschen, Kirchen oder Felsblöcken würde ziehen können.

Und so schien es sich zu lohnen, die Welt erst einmal möglichst vollständig abzulichten. Wenn man die Fotografie als ein Medium der Versprechungen versteht, wird daher auch ihr früher Einsatz in der Geologie besser verständlich.

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