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Schädel des neuen Menschenvorfahren Australopithecus sediba

1,9 Millionen Jahre alter Menschenvorfahr

Wenn die Geschichte nicht wahr ist, ist sie gut erfunden: 2008 entdeckte der neunjährige Sohn eines US-Anthropologen in Südafrika Knochen, die sich nun als spektakulärer Wissenschaftsfund entpuppen. Hinter den rund 1,9 Millionen Jahre alten Fossilien könnte sich der direkte Vorfahr der Gattung Homo verbergen.

Anthropologie 08.04.2010

Das jedenfalls berichten Forscher um Lee Berger von der University of the Witwatersrand in Johannesburg in zwei aktuellen Studien. Bergers Sohn Matthew hatte dem Magazin "Science" zufolge in einer Höhle namens Malapa nördlich von Johannesburg das Fragment eines Schlüsselbeins entdeckt.

Cover von "Science" mit dem neuen Menschenvorfahren Australopithecus sediba

Brett Eloff courtesy of Lee Berger and the University of the Witwatersrand

Das aktuelle Cover von "Science".
Die entsprechenden Studien in der Fachzeitschrift (sobald online):
- "Australopithecus sediba: A New Species of Homo-like Australopith from South Africa"
- "Geological Setting and Age of Australopithecus sediba from Southern Africa"

Australopithecus sediba - "natürliche Quelle"

In der Folge wurden zahlreiche weitere Knochen zweier Individuen - eines Buben und einer Frau - gefunden, darunter Teile des Kiefers, des Skeletts und des Schädels. Die Skelette sind vollständiger als jene des bekannten, eine Million Jahre älteren Vormenschen Lucy und passen zu keiner bisher bekannten Art der Früh- und Vormenschen. Die Forscher ordnen die neue Art der Gattung Australopithecus zu. Diese Hominiden tauchten vor etwa vier Millionen Jahren auf und starben vor etwa 1,4 bis 1,5 Millionen Jahren aus. Sie lebten nur in Afrika.

Die bisher unbekannte Art bekam den wissenschaftlichen Namen Australopithecus sediba. Sediba ist das Wort für "natürliche Quelle" in der südafrikanischen Sprache Sesotho. Kind und Frau waren zum Zeitpunkt ihres Todes vor 1,95 bis 1,78 Millionen Jahren beide etwa 1,3 Meter groß, die Frau war knapp 30 Jahre, das Kind rund zehn Jahre alt. Die Frau wog etwa 33 Kilogramm und der Bub etwa 27 Kilogramm.

Das Gehirn des Buben, von dem der Schädel erhalten ist, sei mit 420 bis 450 Kubikzentimetern im Vergleich zum modernen menschlichen Gehirn (etwa 1.200 bis 1.600 Kubikzentimeter) relativ klein gewesen, aber deutlich entwickelter als das Gehirn des älteren Australopithecus afarensis.

Kandidat für direkten Homo-Vorgänger

Der Fund könne "unser Verständnis der menschlichen Evolution revolutionieren", meinen die Forscher. Die Fossilien wiesen sowohl bereits Merkmale des Homo habilis auf als auch von affenartigen Vormenschen der Gattung Australopithecus. Wissenschaftler hätten nun angesichts der weitgehenden Vollständigkeit des Kinderskeletts die Chance, weit besser als bisher das Aussehen der menschlichen Vorfahren nachzuzeichnen.

"Ich glaube, dass dies ein guter Kandidat für die Übergangsspezies zwischen dem südlichen afrikanischen Affenmenschen Australopithecus africanus und dem Homo habilis ist oder sogar ein direkter Vorfahre des Homo erectus", erläuterte Berger in einer Aussendung.

Die Ahnengalerie des Menschen

Als Homo sapiens ist der Mensch heute die einzige lebende Art aus der Familie der Hominiden. Die meisten Hominiden sind jedoch keine direkten Vorfahren des Menschen, sondern starben wie der Neandertaler als Seitenlinie der Evolution aus. In der folgenden Auflistung einige spektakuläre Ausgrabungen samt Alter der Fundstücke:

7 bis 6 Mio. Jahre - Sahelanthropus tchadensis: Der Fund namens Toumai könnte aus der Zeit der Trennung der Affen- und Menschenartigen (Hominiden) stammen.

4,4 Mio. Jahre - Ardipithecus ramidus: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Hominiden) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet.

3,2 Mio. Jahre - Australopithecus afarensis: Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Hominiden gilt.

2,5 bis 2,3 Mio. Jahre - Homo rudolfensis: Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge.

1,8 bis 2 Mio. Jahre - Australopithecus sediba: Die in Südafrika gefundenen Fossilien könnten eine Übergangsform zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den Frühmenschen darstellen.

1,8 Mio. bis 300.000 Jahre - Homo erectus (Javamensch) : Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien.

500.000 bis 780.000 Jahre - Homo heidelbergensis: Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben.

160.000 Jahre - Homo sapiens: Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien.

120.000 bis 10.000 Jahre - Homo floresiensis: Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 gefunden worden. Es gilt als umstritten, ob er eine eigene Art ist oder ein kleinwüchsiger Homo sapiens.

40.000 Jahre - Homo neanderthalensis: Ein Fund von 1856 im Neandertal stellt den Beginn der Forschung zur Evolution des Menschen dar. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen.

Video: Rekonstruktion eine Schädels von Australopithecus sediba

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Merkmale von Homo und Australopithecus

An den Grabungen war auch ein Team um Peter Schmid vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich beteiligt. Die neue Art besitzt ihm zufolge einen für den Australopithecus typischen, relativ kleinen Schädel.

Auch die Körpergröße und die kräftigen Arme und Hände stimmen überein mit dem Bauplan der Australopithecinen. Sprunggelenk und Fersenbein sind so geformt, dass der Fuß gut nach innen gedreht werden konnte, was beim Klettern von Vorteil ist. Andere Merkmale passen eher zur Gattung Homo, zu der Homo sapiens, der moderne Mensch, gehört.

Der Australopithecus sediba habe wohl aus Sicherheitsgründen noch auf Bäumen geschlafen, sagte Schmid. Auf dem Boden habe er sich auf zwei Beinen fortbewegt. Auch er spekuliert, dass er ein Urahn des Menschen sein und die bisher fehlende Verbindung zwischen den Gattungen Australopithecus und Homo darstellen könnte. Andere von "Science" befragte Forscher zeigen sich noch zurückhaltender.

Einmaliger Fund in einer idealen Höhle

Die Höhle, in der die Vormenschenskelette entdeckt wurden, lag vor zwei Millionen Jahren etwa 50 Meter unter der Erdoberfläche. Durch ein Loch fielen die Frau und der Bub hinein, vermuten die Forscher. Die Frau und das Kind lagen bloß 40 bis 50 Zentimeter auseinander. Für die Archäologen deutet das auf eine enge Beziehung der beiden hin. Die hervorragende Konservierung der Gebeine führt Berger darauf zurück, dass die Höhle unzugänglich war: Fleisch- und Aasfresser konnten sich nicht über die Leichen hermachen.

Die Höhle hat sich auch als wahres Massengrab erwiesen: Neben den Vormenschen fanden die Forscher Fossilien von mindestens 25 Tierarten - darunter Säbelzahnkatzen, Antilopen und ein Pferd.

In Labors in Bern und in Melbourne nahmen die Forscher zwei Datierungen nach der Uran-Blei-Methode vor. Mit ihrer Hilfe schätzte sie das Alter der beiden Skelette auf 1,78 bis 1,95 Millionen Jahre.

science.ORF.at/sda/dpa

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