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Drei Kleinkinder, zwei davon reißen die Arme in die Höhe

Nachahmen zahlt sich aus

Menschen und Tiere lernen vieles durch Beobachten und Imitieren. Offenbar ist diese Strategie allen anderen überlegen, wie ein Wettbewerb am Computer nahelegt. Ein weiterer Beleg dafür, dass der Mensch seine kulturelle Entwicklung vor allem seinem Leben in der Gruppe verdankt.

Lernstrategien 12.04.2010

Lernen in der Gruppe

"Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich plötzlich in einer völlig neuen Umgebung. Sie haben keine Ahnung, wo Sie Nahrung herbekommen, wie Sie Feinden entkommen oder von A nach B kommen sollen. Würden Sie sich selbst eine Lösung ausdenken oder einfach andere Individuen beobachten und kopieren? Wen würden Sie imitieren, den Erstbesten oder das häufigste Verhalten? [...] Was würden Sie tun?" - Mit diesen Worten startete der Evolutionsbiologe Kevin Laland von der britischen University of St. Andrews 2007 einen Aufruf auf seiner Webseite zu einem internationalen Wettkampf. Damit wollten er und seine Kollegen herausfinden, was die erfolgversprechendere Strategie ist: soziales Lernen oder innovatives Vorgehen?

Unsere Fähigkeit, von anderen zu lernen, war und ist wesentlich in der menschlichen Evolution. Manche Studien legen sogar nahe, dass wir unsere komplexe Kultur diesem Faktor verdanken. Nur ein Leben in großen Gruppen ermögliche die Entwicklung sowie die Weitergabe von immer mehr Wissen und somit den Fortbestand unserer Kultur.

Soziales Lernen erscheint schon auf den ersten Blick recht sinnvoll; man vermeidet überflüssigen Aufwand und Risiken, die ein "Trial-and-error"-Ansatz birgt. Aber laut den Forschern ist es auch ziemlich fehleranfällig, denn durch reines Beobachten erhält man oft ungeeignete oder veraltete Informationen, besonders in einer uneinheitlichen oder sich verändernden Umgebung.

Welche Strategie führt zum Erfolg?

Gemeinsam mit Experten aus den Bereichen soziales Lernen, kulturelle Evolution und Spieltheorie entwarf die Arbeitsgruppe von Laland den Wettkampf, der den Erfolg der Strategien vergleichen sollte. Das dafür ausgewählte Lernproblem nennt sich in Anlehnung an einarmige Banditen "ruheloser mehrarmiger Bandit".

Die Arme entsprechen dabei unterschiedlichen Verhaltensweisen, 100 waren es in diesem Entwurf insgesamt, jede davon hatte einen bestimmten Gegenwert. Langfristig sollte dieser Gewinn maximiert werden. "Man kann das mit einer einsamen Insel vergleichen, auf der man ausgesetzt wurde. Dort gibt es unzählige Möglichkeiten, an Nahrung zu kommen", wie Luke Rendell, Koautor der Studie in einem begleitenden Artikel von Elisabeth Pennisi in "Science" meint. Man könne die verschiedenen Optionen ausprobieren oder anderen zusehen, wie sie das Problem lösen. Letztlich sollten einige nützliche Verhaltensweisen herauskommen.

Zudem gabe es im Spiel 100 virtuelle Indidividuen, die unter den Verhaltensweisen wählen mussten. Dafür gab es in jeder Runde des Computerspiels drei Optionen: "Beobachten", "Änderungen einführen" und "Verwerten". Die erste entspricht sozialem Lernen, die zweite dem Versuch- und Irrtum-Vorgehen, bei der dritten werden bereits erprobte Verhaltensweisen angewandt. Allein dieser Weg bringt immer einen Gewinn, bei den zwei Lernvarianten kann es hingegen eine Weile dauern, bis sie sich als nützlich erweisen. Die Individuen handeln nach bestimmten Regeln, die die Teilnehmer für sie programmieren sollten.

Der Wettkampf

Mehr als 100 Teams aus 16 Ländern bewarben sich für das Spiel, dem Sieger winkte ein Preisgeld von 10.000 Euro. Paarweise mussten die programmierten Strategien dann gegeneinander antreten, wobei sich manche Parameter - wie etwa der Gewinn der einzelnen Optionen - im Lauf der 10.000 Spielrunden auch immer wieder ändern konnten.

Laut Spielregeln vermehren sich Individuen mit größerem Gewinn häufiger - siegreich war am Ende jene Strategie, die die meisten Individuen ins Ziel brachte. Das Finale erreichten zehn Teams, die wiederum gegeneinander antreten mussten. Nach insgesamt 65.000 Stunden Rechnerzeit stand der eindeutige Sieger fest: die "Diskontmaschine" - so haben die zwei siegreichen kanadischen Studenten ihre Strategie getauft.

Ihr Grundprinzip: Neues auszuprobieren, zahlt sich nicht aus. Beobachten ist immer die bessere Option. Dieser einfache Ansatz ist laut dem Koautor Robert Boyd von der University of California außerordentlich klug: "In einer sich ständig ändernden Welt ist die Imitation die beste Strategie." Sie parasitiere gewissermaßen an den Bemühungen anderer, Neues ausprobieren. Wichtig für den Sieg war zudem, nicht zu viel Zeit mit Lernen zu verschwenden. D.h. bei einem Großteil der Spielzüge setzte man auf die Verwertung erprobter Verhaltensweisen und verdiente damit wertvolle Punkte, nur etwa zehn Prozent wurden für Lernoptionen verwendet.

Imitation als Grundsäule der Evolution

"Unterm Strich bedeutet das, es zahlt sich aus, Erfolg zu imitieren, außer wenn es Anzeichen gibt, dass diese Strategien nicht mehr funktionieren", meint dazu der bekannte Kooperationsforscher Robert Axelrod von der University of Michigan. Neue Ideen und Fortschritt passieren nicht ausschließlich im stillen Kämmerlein, es braucht immer jemand der die Dinge weiterverbreitet.

Natürlich zeigen derartige Simulationsspiele immer nur eine abstrahierte Wirklichkeit, und in alltäglichen Settings könnten unter Umständen auch ganz andere Verhaltensweisen sinnvoll sein. Dennoch sind die Ergebnisse der Studie laut dem Wirtschaftswissenschaftler Samuel Bowles vom Santa Fe Institute hinsichtlich der kulturellen Evolution von großer Bedeutung. "Unser Erfolg als Spezies beruht in erster Linie auf sozialen Fähigkeiten und dem Wissen, wem wir wann was nachmachen sollen", so Bowles.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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