Standort: science.ORF.at / Meldung: "Das Geheimnis der eingemauerten Schuhe"

Einige der eingemauerten Schuhe

Das Geheimnis der eingemauerten Schuhe

Eigentlich sollte ein mittelalterliches Schloss in der Nähe von Mönchengladbach nur gründlich saniert werden. Doch aus dem Routinefall wurde ein Mysterium: In alten Balkenlöchern in schwindelerregender Höhe fanden Arbeiter acht säuberlich eingemauerte Schuhe.

Geschichte 12.04.2010

Die Art und Weise, wie die Schuhe vor gut drei Jahrhunderten verborgen worden waren, "zeugt davon, dass sie eigentlich nie wieder entdeckt werden sollten", erklärten Denkmalpfleger des Landschaftsverbands Rheinland am Montag.

Zur Abwehr von Zauber?

Die wohl im 14. Jahrhundert von den Kölner Erzbischöfen errichtete wehrhafte Burg wurde 1708 zu einem kleinen Barockschlösschen (Schloss Liedberg) umgebaut. Hierbei, so fanden die Forscher heraus, wurden die ersten der insgesamt acht Männer-, Frauen- und winzigen Kinderschuhe aus rätselhaften Gründen zwölf Meter über dem Boden eingemauert.

dpa/Julian Stratenschulte

Schuhe dem 19. Jahrhundert liegen im Schloss Liedberg in Korschenbroich (Rhein-Kreis Neuss) auf einem Tisch.

Da die heute grau-braun vergammelten und stark abgenutzten Schuhe damals durchaus kostbar waren, könnten sie der vornehmen barocken Schlossbesitzerfamilie gehört haben.

Grund für die eingemauerten Schuhe sei vielleicht ein heute vergessener "Abwehrzauber", über den es nirgendwo Berichte gebe, sagte Bauforscherin Kristin Dohmen. Auffällig sei, dass alle rund 1.000 Vergleichsfunde aus ganz Europa zumeist in der Nähe von Fenstern oder Kaminen eingemauert gewesen seien. An diesen "Schwachstellen" sei wohl der Schutz vor bösen Mächten als besonders nötig angesehen worden.

Ein Brauch, der heute in Vergessenheit geraten ist

Die "Mumie" eines mit der Maschine genähten und deswegen vergleichsweise neuen Männerschuhs aus dem Liedberger Turm zeige, dass die rätselhafte Sitte noch bis in das 19. Jahrhundert ausgeübt worden sei, erklärte die Expertin. "Uns wundert, dass der Brauch heute so komplett vergessen ist."

Der älteste bekannte Schuhfund stamme aus der Wand hinter dem Chorgestühl der Kathedrale im englischen Winchester und sei rund 600 Jahre alt, sagte Dohmen. Möglicherweise gehe der auch im Saarland und am Neckar belegte Brauch auf Quellen aus England zurück, wo ein volkstümlicher Heiliger im 13. Jahrhundert den Teufel mit seinem Stiefel gefangen haben soll. "Aber das sind Vermutungen, wissenschaftlich belegt ist nichts", meinte die Bauforscherin.

Aus Achtung vor den Ahnen sollen die Schuhe nun wieder in den alten Balkenlöchern eingemauert werden, sagten die Denkmalpfleger. Und auch der heutige Schlossbesitzer will ein ausgetretenes Exemplar dazufügen, dessen Größe 44 zukünftigen Entdeckern vom Längenwachstum moderner Menschen erzählt.

Gerd Korinthenberg, dpa