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Ausgrabungen am Monte Albán in Mexico

Ausbreitung braucht Bürokratie

Staaten mitsamt ihrer bürokratischen Regierungsform sind aus unserer heutigen Welt nicht wegzudenken. Dabei lebte die Menschheit die längste Zeit weitaus weniger organisiert. Warum sich Staaten entwickelt haben, versucht eine Analyse früher Kulturen zu klären. Demnach war die räumliche Ausbreitung der Motor der ersten Staatsbildungen.

Staatenbildung 13.04.2010

Von der egalitären Gesellschaft zum Staat

In seiner Theorie der Staatsbildung unterscheidet Max Weber drei Typen der Autorität: die charismatische, die traditionelle und die rationale. Letztere entspricht dabei dem bürokratischen Staat, also einer komplexen Hierarchie von Verwaltungseinheiten, die von Spezialisten besetzt sind. Laut Charles Spencer vom American Museum of Natural History haben Anthropologen in den 1960er und -70er Jahren versucht, diese politischen Theorien auf die soziopolitische Evolution zu übertragen.

Diese hat sich demnach in mehreren Phasen abgespielt: von der egalitären Gesellschaft über Stammes- oder Führerkulturen bis zum Staat. Bei ersterer gibt es keinerlei zentrale politische Autorität. Die Führerschaft wird wenn, dann nur kurzfristig von außergewöhnlichen Persönlichkeiten übernommen, entsprechend Webers charismatischen Typus. Entscheidungen werden im Rahmen von gemeinschaftlichen Feiern oder Ritualen getroffen.

In Stammesfürstentümern hingegen gibt es bereits eine zentralisierte Autorität, die unabhängig von der jeweiligen ausführenden Person ist. Nach ihrem Ausscheiden oder Ableben wird sie von jemand gleicher Herkunft besetzt. Das heißt, der Status vererbt sich. Hier kann man von traditioneller Autorität im Weberschen Sinne sprechen. Entscheidungen können deutlich schneller gefällt werden, die Organisationsform kostet aber mehr. Meist gibt es auch Handel oder Kämpfe mit anderen ähnlich organisierten Gesellschaften.

Räumliche Grenze für Einzelführer

Der Übergang von dieser Gemeinschaftsform zu einer Gesellschaft mit zentralisierter, aber gleichzeitig intern spezialisierter Verwaltung - also zu einer rationalen Autorität - gilt in der Anthropologie als der Ursprung der Staatsbildung.

Laut einer Studie des Anthropologen H.T. Wright aus den 1970er Jahren gibt es eine räumliche Grenze, bis zu der die Einzelführerschaft überhaupt möglich ist: in vorindustrieller Zeit war diese etwa 25 bis 30 Kilometer vom Machtzentrum entfernt. Die Distanz, die man damals innerhalb eines Tages hin und zurück schaffen konnte.

Wird das Reich größer, muss ein Anführer also Macht aus der Hand geben, dadurch steigt natürlich auch das Risiko für Aufstände oder Abspaltungen. Untergebene werden an entfernte Plätze entsandt, wo sie lokale Angelegenheiten vor Ort regeln können. Gut funktionieren kann das laut Wright nur, wenn die Führungsmacht in möglichst viele Hände gelegt wird und es regulierende Strategien gibt.

Ausbreitung als Antrieb

Die Studie in den "Proceedings of the National Academy of Sciences": "Territorial expansion and primary state formation" von Charles S. Spencer

Wollen Gemeinschaften also ihr Territorium ausweiten, müssen sie die Macht intern aufteilen und mit geeigneten administrativen Prinzipien kontrollieren. Die territoriale Ausbreitung könnte so gesehen ein wesentlicher Antrieb zur Staatsbildung gewesen sein, wie Charles Spencer in seiner aktuellen Studie argumentiert. Dies stehe im Widerspruch zu der verbreiteten Meinung, Staaten hätten in ihrer Gründungsphase oft imperialistisch agiert und deswegen so große Gebiete erobert.

Ist Spencers Annahme korrekt, müsste es eine zeitliche Nähe zwischen plötzlicher räumlicher Vergrößerung und dem Auftauchen staatlicher Institutionen geben. Zur Überprüfung hat der Forscher archäologische Funde von sechs frühen Staaten in Mittelamerika, Peru, Ägypten, Mesopotamien, Indien und China analysiert und verglichen.

Überregionale Funde und Institutionen

Der früheste Fall von Staatsbildung in Mittelamerika findet sich im Oaxaca-Tal in Mexiko, um die archäologische Fundstelle von Monte Albán. Keramikfunde, die alle von einer einzige Quelle stammen, zeigen laut Spencer, dass sich die Kultur rund um Christi Geburt über das ganze Tal ausgebreitet hatte.

Aus derselben Zeit stammen Überreste der ersten Herrschaftspaläste und großer Tempelanlagen - Zeichen einer staatlichen Organisation. Auch weitere Funde deuten auf eine Parallelität in der Entstehung von Staatsstrukturen und der räumliche Ausdehnung.

Für das peruanische Moche-Reich gibt es vergleichbare Ergebnisse: Untergeordnete Verwaltungszentren entstanden etwa zeitgleich mit seiner Ausbreitung an der Küste.

Ausbreitung führt zu Bürokratisierung

In Ägypten gab es im 4. Jahrtausend vor Christus mindestens drei Fürstentümer am oberen Nil. Eines davon - Hierakonpolis konnte seinen politischen Einflussbereich auf das gesamte Oberägypten ausdehnen, das zeigen weit verbreitete Töpferwaren. Gleichzeitig kam es zum Bau großer Tempelanlagen. Etwa um 3100 v.Chr. bildete sich daraus der erste ägyptische Staat mit der Hauptstadt Memphis unter König Narmer. Scheinbar hat auch hier die territoriale Ausbreitung wesentlich zur Bürokratisierung beigetragen.

Die gleiche Schlussfolgerung lassen laut Spencer auch die Analysen von Funden aus Uruk (3.500 v. Chr.) in Mesopotamien, der Harappa-Kultur (3. Jahrtausend v. Chr.) in Indien sowie der chinesischen Erlitou-Fundstätte (1800-1500 v. Chr.) zu.

Jedenfalls deute alles darauf hin, dass sich Urstaaten zeitgleich mit ihrer politischen und wirtschaftlichen Ausbreitung gebildet haben. Die erfolgreiche Aneignung von Gebieten, die weiter als eine Tagesreise entfernt waren, konnte laut Spencer eben nur gelingen, indem die Macht verteilt und delegiert wurde sowie die Verwaltung entsprechend spezialisiert, sprich bürokratisiert wurde. Und je ausgefeilter das System, desto besser konnten sich die Kulturen weiter ausbreiten.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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