Standort: science.ORF.at / Meldung: "Hirnbilder zeigen Selbstmordrisiko "

Leuchtender Mandelkern im Gehirnschnitt

Hirnbilder zeigen Selbstmordrisiko

US-Psychologen haben bei EEG-Analysen an depressiven Patienten eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Möglicherweise kann man mit dieser Technik Selbstmordgedanken erkennen, noch bevor sie aufgetreten sind.

Psychologie 26.04.2010

Unerwünschte Nebenwirkungen

Eigentlich ist es absurd: Antidepressiva sollten das Gemüt aufhellen, doch bei Kindern und Jugendlichen könnten sie mitunter zu Selbstmordgedanken führen. Eine Überblicksstudie aus dem Vorjahr kam etwa zu dem Schluss, dass Antidepressiva in der Altersgruppe über 25 Jahren einen positiven Effekt hätten, am stärksten ausgeprägt sei er bei Senioren der Klasse 65 plus.

Anders sehe es allerdings in der Alterskohorte unter 25 Jahren aus. Da zeige die statistische Analyse: Medikamente gegen Depressionen verhindern Selbstmordgedanken nicht, sondern machen sie wahrscheinlicher. Mediziner erklären das mit einem Aktivierungseffekt, der sich nach der Einnahme einstellt. Er gibt den Patienten die Energie, ihren inneren Impulsen zu folgen. Und diese Wirkung tritt offenbar früher auf als die Anhebung der Stimmungslage - zumindest bei jungen Menschen.

Die Suizid-Signatur

"Nachdem so viele Medien über Nebenwirkungen von Antidepressiva berichtet hatten, machte ich mich auf die Suche", sagte Aimee Hunter kürzlich gegenüber der Zeitschrift "Technology Review". "Ich wollte Veränderungen im Gehirn finden, die mit diesen Gedanken einhergehen."

Wie die Psychologin von der University of California in Los Angeles berichtet, kann man den Hang zum Suizid in der Tat an Signaturen im Gehirn erkennen, und zwar erstaunlich früh: Typische Veränderungen im Gehirn manifestieren sich bereits Wochen, bevor die morbiden Gedanken ins Bewusstsein der Patienten treten.

Durch frühere Untersuchungen wussten Hunter und ihre Kollegen, dass in diesem Zusammenhang vor allem der mittlere sowie der rechte vordere Teil der Hirnrinde interessant ist. Dort kommt es laut EEG-Analysen nach Einnahme von Antidepressiva zu einem leichten Abfall der Neuronenaktivität.

Diese Analyse haben Hunter und ihr Team nun auf einen größeren Zeitraum ausgedehnt sowie mit einem psychologischen Fragebogen kombiniert - wodurch ein deutlicher Effekt sichtbar wurde: Patienten, die später unter Selbstmordgedanken litten, zeigten 48 Stunden nach Einnahme des Medikaments ein sehr deutliches Minus im EEG-Muster. Patienten ohne solche Nebenwirkungen wiesen nur einen viel kleineren Abfall der Aktivität auf, er betrug lediglich ein Sechstel. Nach einer Woche verschwand der Unterschied zwischen beiden Gruppen spurlos.

"Personalisierte Behandlung"

"Es war sehr eigenartig", sagt Hunter. "Zuerst ein großer Ausschlag nach unten. Und dann: ... nichts. Die Selbstmordgedanken treten nämlich nicht nach 48 Stunden auf, sie entstehen in der Regel erst in den folgenden acht Wochen."

Barry Lebowitz von der University of California in San Diego beurteilt die Studie durchweg positiv. "Sie haben etwas Wichtiges entdeckt. Das ist ein erster Schritt in Richtung Personalisierung der Depressionsbehandlung ", so der Psychiater in der letzten Ausgabe der "Technology Review". "Außerdem ist die Methode preiswert. EEG-Maschinen hat heutzutage jeder Doktor in seiner Ordination."

Gleichwohl wirft die Studie noch viele Fragen auf. Nachdem Selbstmordgedanken (und erst recht konkrete Versuche) nach Einnahme von Antidepressiva selten auftreten, blieb auch die Stichprobengröße in Hunters Studie beschränkt. Ob der Effekt ein Artefakt ist oder nicht, ist daher noch nicht endgültig geklärt. "Es sind noch weitere Untersuchungen notwendig", relativiert Hunter. "Aber wir hoffen, dass daraus ein Werkzeug entsteht, ein Werkzeug, das Antidepressiva sicherer macht."

science.ORF.at

Mehr zum Thema: