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Der Gitarrenerfinder Les Paul hält eine seiner Gitarren in der Hand.

Die Konservativen und die Rockmusik

Vietnam-Krieg, Woodstock, freie Liebe: Die 1960er Jahre waren eine Zeit, in der sich die Gesellschaft dramatisch veränderte. Dahinter stand eine Jugend- und Gegenkultur, die den Konservativen gar nicht passte. Sie haben sich aber einige Dinge von diesen Kulturen abgeschaut und konnten diese später zu ihren Gunsten nutzen.

Cultural Studies 23.04.2010

Es war die Rockmusik, die die sehr unterschiedlichen Gruppen der 1960er Jahre verbunden hat, meint Lawrence Grossberg, einer der bekanntesten Vertreter der Cultural Studies.

Ihr auf Emotionen und Affekten basierender Erfolg hat das Interesse der Konservativen in Amerika erregt. In einer neuen "Politik der Gefühle" haben sie diese Elemente übernommen und in Wahlerfolge umgemünzt.

Der bekennende Rockfan Lawrence Grossberg hat dies in seinem 1992 veröffentlichten Buch "We gotta get out of this place" beschrieben, das vor kurzem auf Deutsch erschienen ist.

science.ORF.at: Rockmusik gibt es seit 50 Jahren, Sie sind noch ein bisschen älter, sind Sie immer noch ein Rock'n Roller?

Porträtfoto des Cultural Studies Professors Lawrence Grossberg

University of North Carolina at Chapel Hill

Lawrence Grossberg ist Professor und Direktor des Universitätslehrgangs für Cultural Studies an der University of North Carolina in Chapel Hill. Mit dem Zusammenhang von Rockmusik und Politik hat er sich in seinem Buch "We gotta get out of this place" beschäftigt, das 1992 erschienen und vor kurzem auf Deutsch im Löcker-Verlag erschienen ist.

Das Buch wurde bei einer Veranstaltung des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften IFK, der Universität für Angewandte Kunst, der Universität Wien und des Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds präsentiert.

Lawrence Grossberg: Ja, ich bin immer noch Fan von populärer Musik und versuche mich auch am Laufenden zu halten. Ich bin aber kein Rockkritiker oder -gelehrter mehr, dazu kenne ich mich in der Gegenwart zu wenig aus. Aber es ist nach wie vor der Rock'n Roll, der mich gesund hält.

Einer der profundesten Rock-Theoretiker kennt sich nicht mehr aus ...?

Lawrence Grossberg: Ich habe in meinem Leben viel Zeit damit verbracht nachzudenken, was Musik mit ihren Fans macht, wie sie funktioniert. Ich glaube etwa nicht, dass man sie mit Theorien von Ideologie oder Literaturanalyse verstehen kann. Für die USA der 1950er bis 1970er Jahre habe ich untersucht, was die Musik für die Fans bedeutet hat. Der soziale Zusammenhang heute ist aber ein anderer, deshalb müsste ich meine Studien von neuem beginnen. Gut, dass es Kollegen gibt wie Simon Reynolds, der über Dance Music und Trance geschrieben hat, oder Jeremy Gilbert von der University of East London, die gute Ansätze für die Gegenwart bieten.

Woher kommt Ihre Faszination für die populäre Musik?

Lawrence Grossberg: Populärmusik ist machtvoll wie nichts anderes, weil sie direkt die Emotionen und Affekte der Menschen anspricht. Wir summen ein Lied, wenn wir auf der Straße gehen, wir singen unter der Dusche. Man kann einen Film sehen oder ein Buch lesen, das verfolgt einen aber nie so wie ein Lied, das man gerade im Kopf hat. Ein Wiegenlied wird in jedem Land der Welt als Wiegenlied verstanden. Musik ist also etwas Universales, funktioniert anders als Sprache und ist deshalb so wirkungsvoll. Es gibt keine Kultur ohne Musik, sehr wohl aber Kulturen ohne Fotografien, Film oder Malerei.

Ö1 Sendehinweis

Lawrence Grossberg und der Frage, wie Rockmusik und Konservative zusammenhängen, widmet sich auch ein Beitrag im Ö1 Dimensionen Magazin: Freitag, 23.4., 19.06 Uhr.

Geht es bei Rockmusik nur um Gefühle?

Lawrence Grossberg: Emotionen sind ein Teil davon, was ich unter Affekten verstehe, über die Rockmusik funktioniert. Es geht aber auch darum, wie man sein Leben organisiert, wie man es bunt macht, wie man entscheidet, was wichtig ist im Leben und wohin man sich orientiert. Das sind Funktionen, die Rock'n Roll für seine Fans hat. In der Gegenkultur ("Counterculture") der 60er Jahre ist das sehr gut gelungen, sie hat Menschen organisiert, mobilisiert und bestimmte Haltungen gefördert, die sich gegen die dominante Mainstream-Kultur richteten. Und sie hat dazu beigetragen, dass viele Menschen an eine andere, bessere Zukunft geglaubt haben.

Die Gegenkultur hat den Konservativen in den USA nicht gerade behagt. Ihr Buch legt den Schluss nahe, dass sie sich Elemente der Rockmusik danach als Vorbild genommen haben?

Lawrence Grossberg: "Vorbild" ist zu streng. Die Konservativen haben nicht bewusst gesagt: Ok, jetzt gründen wir auch eine Gegenkultur. Aber sie haben sich diese Gegenkultur sehr genau angesehen und von ihr gelernt. Bürgerrechtler, Feministinnen und andere Aktivisten haben Amerika ziemlich verändert. Die Konservativen haben das gesehen und gesagt: Zum einen müssen wir sie bekämpfen, zum anderen aber auch verstehen, warum sie so erfolgreich waren. Wie konnte es sein, dass die Gegenkultur so viele Menschen mobilisieren konnte für die Utopie einer besseren Welt?

Die Rechte hat einige Elemente ausfindig gemacht und als Bestandteile für ihre eigenen Strategien übernommen. Als etwa Ronald Reagan 1981 an die Macht kam, hatte dies nicht zuletzt damit zu tun, dass er eine Alltagssprache verwendet hat. Er sprach die Hoffnungen und Ängste der Menschen direkt an, wofür die populäre Kultur zumeist ein Ausdruck war. Ich denke, die Konservativen haben das verstanden, während die Linke in den USA die Popkultur immer sehr kritisch betrachtet hat - das gilt bis heute.

Woher kommt diese Skepsis?

Lawrence Grossberg: Das hat mit zwei Dingen zu tun. Zum einen mit dem Glauben an eine authentische Kultur der Arbeiterklasse. Die Populärkultur galt als verdächtig, als Ausdruck von "falschem Bewusstsein", wie es hieß, produziert einzig aus kommerziellen Interessen. Demgegenüber stand ein marxistischer Elitismus, die Vorstellung einer Avantgarde, die immer weiß, was richtig ist.

Der andere Grund, warum es die Linke nicht schafft, Populärkultur ernst zu nehmen, liegt in ihrem höheren Bildungsgrad. Bildung bringt einem bei, sich rationaler zu verhalten. So funktioniert Politik aber nicht. Sollte sie jemals rational gewesen sein, so ist sie es heute mit Sicherheit nicht. Es war eine Lektion von Antonio Gramsci, dass Politik auf dem Terrain des Populären operieren muss. Obama war eine bedeutende Ausnahme dieser linken Tradition: Auch er hat eine populäre Sprache in seinem Wahlkampf gesprochen und Populärkultur verwendet.

Stimmt mein Eindruck, dass Sie Gegenkulturen für einzigartig halten und immer für "fortschrittlich"?

Lawrence Grossberg: Nein. Die vorgelagerte Frage lautet: Was ist überhaupt eine Gegenkultur? Der Ausdruck wurde erfunden von Theodore Roszak. In seinem Buch "The Making of a Counterculture", beschrieb er, was Mitte der 1960er Jahre geschehen ist, für ihn war das etwas Einzigartiges in der Geschichte. Andere haben gemeint, Gegenkultur gehöre zu einer Tradition der Bohemiens, die auch Situationisten, Dadaisten enthält. Ich denke, das ist falsch. Das würde nur einen Aspekt der Gegenkultur charakterisieren. Ich glaube, die Gegenkultur war ein Feld der Einheit sehr unterschiedlicher - politischer, spiritueller, kommunaler, surrealistischer - Gruppen. Es gab aber etwas, dass diese sehr heterogenen Gruppen zusammengehalten hat, und das war die Musik.

Musik diente in der Gegenkultur Ihrer Ansicht nach als Erkennungsmerkmal Gleichgesinnter und zur Rekrutierung für die Politik. Wenn wir an Nazi-Gruppen denken, die mir ihrer Musik versuchen, Jugendliche anzuwerben: Ist das nicht das gleiche? Haben Sie Ihnen sozusagen eine Anleitung zum Erstellen einer Gegenkultur in die Hand gedrückt?

Lawrence Grossberg: Das ist nicht das gleiche. Was Gegenkulturen einzigartig macht und von einer faschistischen Rechten komplett unterscheidet, ist, dass sie Diversität zulässt, dass sie sehr unterschiedliche Gruppen toleriert. Die Students for a Democratic Society haben etwa in den 60er Jahren die Hippies gar nicht gemocht, und auch nicht die Yippies, aber sie haben sich dennoch als gemeinsame Bewegung begriffen.

In den letzten Jahren ist eine andere, sehr angsterregende Bewegung sichtbar geworden, der Fundamentalismus. Der Fundamentalismus wendet einige gegenkulturelle Techniken an, unterscheidet sich aber in einem Punkt klar: in der Frage der Diversität. Fundamentalisten wollen immer nur Homogenität, sie tolerieren keine Unterschiede, gleichgültig ob es islamische, christliche oder marxistische Fundamentalisten sind. Das sind alles Gruppen, die sich ihrer Sache so sicher sind, dass sie keine Zusammenarbeit mit anderen wollen.

Nichtsdestotrotz haben Sie recht: Einige der Gruppierungen haben die Rolle von populärer Musik verstanden, selbst die historischen Nazis haben das getan. Das Phänomen an sich hat die Gegenkultur nicht erfunden, aber sie hat es wiedergefunden.

Wie glauben Sie geht es mit der Gegenkultur in den USA weiter?

Lawrence Grossberg: Ich kann natürlich nicht in die Zukunft zu schauen, aber: Es gibt alle Elemente für eine Gegenkultur, weltweit existieren Millionen Gruppen, die dafür kämpfen den Kapitalismus zu ändern, sich für Grundrechte einsetzen, Umweltschutz und andere Anliegen vortragen. Viele von diesen Gruppen wissen gar nicht, dass andere existieren, sie haben keine gemeinsame Identität.

Auf der anderen Seite macht die Tea Party Bewegung wirklich eine gute Arbeit, Menschen in ihren Ängsten und Hoffnungen anzusprechen. Viele sind wegen der Wirtschaftskrise sehr beunruhigt, sie werden von der Tea Party Bewegung in einer Weise angesprochen, dass sie zu einer rechtsradikalen Politik geführt werden können. Es gibt aber keinen Grund, dass ihre Ängste und Hoffnungen nicht auch zu einer linken Politik führen könnten - immerhin war diesmal nicht der Staat schuld an der Krise, sondern der Kapitalismus. Aber die Linke spricht nicht geeignet zu ihnen.

Wenn die Rechte das weiter besser schafft, wird die Politik noch mehr als bisher reine Marktpolitik werden. Die Zukunft der Linken hängt davon ab, ob sie sich ernsthaft mit ihren Fehlern aus der Vergangenheit auseinandersetzen wird.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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