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Ein Broker an der Frankfurter Börse, im Hintergund ein Aktienkurs.

Spekulanten: Immer schon schwarze Schafe

Spekulanten sind die "schwarzen Schafe des Kapitalismus". Ob sie unserer Wirtschaft nützen oder diese immer wieder in den Abgrund führen, darüber wurde schon lange vor der aktuellen Krise gestritten: auch während des Ersten Weltkriegs, als die damals wichtigen Börsen in Wien und Berlin geschlossen wurden.

Wirtschaftsgeschichte 03.05.2010

Die zeitgenössischen Politiker versuchten Spekulation und Wucherei zu unterbinden, die während des Kriegs drohten. Gleichzeitig aber war es ihnen ein Anliegen, dass die Börsen den Verkauf von staatlichen Kriegsanleihen unterstützten. Ein politisches Dilemma, das der Historiker Brent Maner von der Kansas State University untersucht.

In einem science.ORF.at-Gastbeitrag skizziert er die Geschichte der Spekulation, ihre Kritiker und ihre Verteidiger.

Wie ist die Spekulation zu beurteilen?

Von Brent Maner

Porträtfoto des Historikers Brent Maner

IFK

Brent Maner ist Associate Professor für Geschichte an der Kansas State University und derzeit Senior Fellow am IFK Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Im Zuge des Projekts "Cities of Speculation: Cultural Representations of the Vienna, Berlin and Frankfurt Stock Exchange, 1866-1933" erforscht er die Entwicklung des Aktienwesens und das Bild von Spekulanten.

Vortrag in Wien

Am 3.5.10 hält Brent Maner einen Vortrag mit dem Titel " "Stoppt die Spekulation!" - Die Berliner und Wiener Börse während des Ersten Weltkriegs".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften
Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
Zeit: 18 Uhr c.t.

Die Spekulation kommt als schwarzes Schaf des Kapitalismus immer wieder vor. Anfang März forderte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in Bezug auf die wirtschaftliche Lage Griechenlands Finanzspekulationen zu unterbinden, die auf den Staatsbankrott von Euroländern wetten.

Sommer 2008 waren es die Ölspekulanten, die angeblich von der Manipulierung des Marktes profitierten und die Benzinpreise in die Höhe trieben. Wie soll man denn die Spekulation verstehen? Ist sie ein notwendiger Bestandteil des Marktverlaufs oder die Schattenseite des offenen und ehrlichen Handelns?

Beispiele ab dem 17. Jahrhundert

Von berühmten spekulativen Blasen gibt es in der Neuzeit mehrere Beispiele, wie den Tulpenwahn in Holland im 17. Jahrhundert und John Laws Mississippi-Kompanie in Frankreich in 1719. Um 1870 wurde die Spekulation im deutschsprachigen Raum zum ersten Mal ein ernstes politisches und volkswirtschaftliches Thema.

Mit der deutschen Reichsgründung und der Expansion von Berlin und auch Wien als Metropolen kamen neue Anordnungen und Gesetze, wie die beschränkte Haftung. Diese erleichterten die Emissionen von Aktien und ermöglichten das rasche und erstaunliche Wachstum von Großbanken.

In dieser Geburtsstunde des modernen Börsenwesens vermehrte sich die Zahl von kleinen Bankhäusern, die kleine Anleger lockten, ihre Einsparungen in Aktien zu investieren. Diese Entwicklung dauerte bis zum Börsenkrach von 1873 und setze sich in den 1890er Jahre wieder fort.

Kritik führte zu Antisemitismus

Nach dem Krach von 1873 gab es eine heftige Kritik an der Börsenspekulation, die zur antimodernen Agrarromantik gehörte. Die Spekulation wurde negativ mit der ehrlichen Arbeit von Landwirten und Handwerkern verglichen. Während Bankiers ohne Schweiß profitierten, würden die, die das Volk nährten, die Folgen der Finanzkrise tragen.

Dieser Gedankengang war auch mit dem Aufstieg von antisemitischen Gruppierungen verbunden, die die Leistungen von sesshaften Bauern mit dem internationalen Geld und der Börsenwelt kontrastierten. Diese Simplifierung der wirtschaftlichen Lage trug dazu bei, Juden und die Einwohner der Großstädte als Fremde zu beschreiben.

Verteidigung: Unerwartetes in Preis bilden

Die Spekulation hatte aber immer ihre Verteidiger. Schon 1868 sprach der Ökonom Gustav Cohn in einem oft zitierten Essay vom gesunden Effekt der Spekulation. Durch sie ebnete sich das Risiko. Man konnte kommende Erscheinungen und Zustände, deren Eintreten ungewiss war - z.B. schlechtes Wetter, magere Ernte, oder Transportbehinderungen - in den Preis bilden.

Die Spekulation würde auch das Wissen eines Fachmanns, der wirtschaftliche Zustände und Trends verstand, belohnen. Dashalb wurde die Spekulation als eine Art Kontrolle der Aktien und Warenpreise verstanden, und sie drängte alle Kaufmänner dazu, so gut wie möglich informiert zu sein.

Auch Max Weber dafür

Im Rahmen der Börsenreform der 1890er Jahren sprach sich eine noch berühmtere Stimme für die Spekulation aus. Max Weber schrieb eine Reihe von populären Aufsätzen zur Börsenreform, teils mit der Absicht, die Unterbindung von Spekulationsgeschäften zu verhindern.

Während Zeitgenossen das Termingeschäft (Rückprämien und "short sales") negativ als Leerverkäufe bezeichneten, sah Weber voraus, dass Deutschland relativ kapitalarm war und dass die Spekulation wirtschaftliches Wachstum ermöglichte. Diese Usancen, so Weber, könnten vernünftig reguliert werden und zu einer exponenziellen Vergrößerung des Kapitalbestands beitragen.

Börsen schlossen im Ersten Weltkrieg

Abbildung einer Anzeige zur Zeichnung von Kriegsanleihen, Aus: Berliner Salon: Wochenschrift für Gesellschaft, Theater, Börse, 9. Jg, 1917, Nr. 33

IFK

Aus: Berliner Salon: Wochenschrift für Gesellschaft, Theater, Börse, 9. Jg, 1917, Nr. 33

Während des Ersten Weltkriegs intensivierten sich die Diskussionen über die Spekulation. Am Anfang des Kriegs wurden alle europäischen Börsen geschlossen. In Deutschland und Österreich-Ungarn fürchtete man, dass die bedrohliche internationale Situation zu einem Sturz der Aktienpreise führen würde. Der Handel an der Wiener und Berliner Börse wurde Ende Juli 1914 eingestellt.

Ursprünglich war dies als eine vorübergehende Maßnahme gedacht, aber die Wiener Börse blieb bis März 1916 und die Berliner Börse offiziell bis November 1917 zu. Während dieser Schritt als eine wirtschaftliche Schutzmaßnahme beschrieben wurde, sahen ihn viele als ein Versuch, abkömmliches Kapital weg von der Börse und zu den Kriegsanleihen zu lenken. Trotz des Verbots, Aktienkurse zu veröffentlichen, bildeten sich sogenannte Winkelbörsen, wo die Aktien von vor allem Kriegsindustrien diskutiert und gehandelt wurden.

Spekulation aus Verzweiflung

Als die Börsen in den letzten Kriegsjahren wieder zugelassen wurden, waren es nicht nur Bankiers und Kaufmänner, die an die Börse gingen. Zehntausende von Bürgern versuchten, sich gegen die wachsende Inflation zu wehren und in Aktien zu spekulieren. Diese Teilnahme an der Börsenspekulation wiederholte sich in den frühen und späten 1920er Jahren und wurde noch viel verbreiteter.

Für viele also war die erste Erfahrung mit der Spekulation eine Folge von Verzweiflung. Es war nicht eine Frage der Spiellust oder der Geldgier, sondern von der Bewahrung des Familienvermögens. Dem Börsenkrach von 1929 und der Großen Depression standen Familien hilflos gegenüber. Hier machte die Spekulation die Lage noch schlechter.

Internationalisierung hat zugenommen

Angesichts dieser historischen Betrachtungen ist es kein Wunder, dass man die Spekulation mit gewisser Skepsis betrachtet. Es gibt sicher ein gesundes Misstrauen, aber man muss auch bedenken, dass man die Spekulation in Krisenzeiten gelernt hatte.

Die Kriegsanleihen des Ersten Weltkriegs brachten Millionen von Menschen in Kontakt mit den Nationalbanken und Darlehenskassen, und mit der Börsenspekulation in der Zwischenkriegszeit vermehrten sich diese Beziehungen zu übergreifenderen wirtschaftlichen Institutionen.

Heute sind die internationalen Verbindungen der Weltwirtschaft noch stärker, und wir sind noch enger mit ihnen verbunden.

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