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Blutzellen unter dem Miksroskop

Arteriosklerose: Gicht in den Adern

Wissenschaftler haben herausgefunden, warum ein hoher Cholesterinspiegel die Gefäße verstopft: Cholesterinkristalle führen zu gefährlichen Entzündungen in den Gefäßwänden - durch eine Immunreaktion, die bereits von der Gicht bekannt ist.

Medizin 29.04.2010

Verhängnisvolle Kettenreaktion

"Alle Werte sind in Ordnung", sagt der Arzt, während er den Laborbefund begutachtet. "Nur das LDL-Cholesterin ist zu hoch. Das muss runter. Ich schlage vor: weniger fettes Essen. Sport würde übrigens auch nicht schaden. Rauchen sie?" Gespräche wie diese werden in Österreichs Arztpraxen täglich geführt. Denn dass Rauchen, Bewegungsarmut und ein hoher Cholesteringehalt im Blut das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen, ist längst bekannt.

Was das Cholesterin betrifft, war bis dato jedoch keineswegs klar, warum. Und das, obwohl in Industrienationen ein Drittel bis die Hälfte aller Todesfälle mit Herz-Kreislauferkrankungen zu tun haben - sie sind damit die häufigsten Todesursachen überhaupt.

Die Studie "NLRP3 inflammasomes are required for atherogenesis and activated by cholesterol crystals" ist im Fachblatt "Nature" (Bd. 464, S. 1357) erschienen.

Deutsche und US-amerikanische Forscher liefern nun eine Antwort, sie haben die Ursachenkette der Arteriosklerose bis in den Bereich der Moleküle verfolgt. "Wir haben festgestellt, dass sich bei falscher Ernährung schon nach kurzer Zeit Cholesterinkristalle in den Arterienwänden ablagern", sagt Eicke Latz von der Uni Bonn. "Diese Kristalle werden dann von Fresszellen des Immunsystems aufgenommen." Wie Latz und seine Kollegen im Fachblatt "Nature" berichten, löst diese Immunantwort offenbar eine verhängnisvolle Kettenreaktion aus.

Dem Auslöser auf der Spur

Die Fresszellen sind mit den Kristallen überfordert, "sie versuchen das Cholesterin zu verdauen und dadurch entstehen Schäden in ihrer inneren Membran", erklärt Latz im Gespräch mit science.ORF.at. Resultat: Viele der Fresszellen sterben bei ihrem Eingreifen. Davor rufen sie jedoch in der Immunsprache nach Verstärkung: Sie aktivieren ein "Inflammosom" - einen Proteinkomplex, der "Lockstoffe" für weitere Immunzellen freisetzt.

Dadurch kommen immer mehr Zellen an den Ort des Geschehens, doch auch sie können das Problem nicht lösen und rufen ein weiteres Mal nach Verstärkung. Der Alarm wird damit zum Dauerzustand. "Früher dachte man, dass die Cholesterinkristalle nur ein spätes Anzeichen der Arteriosklerose sind", sagt Letz. "Unsere Studie zeigt aber: Sie sind ein früher Auslöser der Krankheit."

Therapie: Anleihen bei der Gicht

Interessanterweise hat dieser Prozess große Ähnlichkeiten mit dem Krankheitsbild der Gicht. In beiden Fällen erkennt das Immunsystem ein Ungleichgewicht des Stoffwechsels, nämlich ein Zuviel an Cholesterin bzw. an Harnsäure. Und in beiden Fällen reagiert das Immunsystem auf seine Überforderung mit chronischen Entzündungsherden.

Das eine Mal bewirken diese eben eine Schädigung der Arterien, das andere Mal führen sie zu starken Schmerzen in den Gelenken. Wie Letz erzählt, könnten auch neue Therapieansätze ähnlich wie bei der Gicht ablaufen. "Die Immunreaktion ist an sich sinnvoll, wir wollen daher nicht sie hemmen, sondern eine Stufe davor eingreifen: beim Stimulus des Ganzen, dem Cholesterin."

Möglich wäre etwa, das kristalline Cholesterin direkt aufzulösen oder nach Stoffen zu suchen, die den natürlichen Abtransport des Cholesterins befördern. Und dann gäbe es noch eine rezeptfreie Alternative: Man könnte auf Fleisch und Wurst verzichten - und stattdessen mehr Obst, Gemüse und Fisch essen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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