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Zwei Hände unter laufendem Wasserhahn

Die Zweifel wegwaschen

Händewaschen entfernt nicht nur Schmutz. Studien konnten bereits zeigen, dass wir dabei Schuldgefühle abbauen und es unser moralisches Urteil mildert. Die reinigende Wirkung geht aber offenbar noch weiter: Zweifel über bereits getroffene Entscheidungen werden dadurch einfach eliminiert.

Psychohygiene 07.05.2010

Sauberkeit und Moral

Viele Religionen verwenden physische Waschungen, um sich von Sünde und Befleckung reinzuwaschen. Körperliche Reinheit wird offensichtlich mit moralischer Sauberkeit bzw. Unschuld gleichgesetzt. In der Psychologie wurde dieses Phänomen unter den Namen "Macbeth-Effekt" bekannt. Dieser zeigt, dass Reinigung tatsächlich gegen Schuldgefühle hilft (Science, Bd. 313, 2006).

Die Studie in "Science": "Washing Away Postdecisional Dissonance" von Spike W.S. Lee und Norbert Schwarz

In einer aktuellen Studie wollten Spike W.S. Lee und Norbert Schwarz von der University of Michigan nun herausfinden, ob diese Gleichsetzung von Moral und Sauberkeit nicht vielleicht zu kurz greift. Eine psychische Reinigungswirkung könnte es nämlich auch in anderen Situationen geben.

Im Zwiespalt

Zur Überprüfung ihrer Vermutung wählten die Forscher ambivalente Entscheidungssituationen, bei welchen zwei ähnlich attraktive Optionen zur Auswahl stehen, wie etwa eine Reise nach Rom oder Paris. Aus anderen psychologischen Experimenten weiß man, dass derartige knappe Entscheidungen - nachdem sie getroffen wurden - ein unangenehmes Gefühl hinterlassen, Psychologen nennen das eine kognitive Dissonanz.

Um dem zu entkommen, versuchen Menschen ihre Entscheidung üblicherweise vor sich selbst zu rechtfertigen, indem sie sich die gewählte Alternative im Nachhinein schön reden und ganz klar für die bessere halten.

Waschen nach schwierigen Entscheidungen

Im Experiment stellten die Wissenschaftler eine Verbraucherbefragung nach. Die Probanden bekamen 30 CDs zum Durchsehen vorgelegt. Mit zehn davon sollten sie eine persönliche Top-Ten-Liste erstellen. Zum Schluss wurde ihnen - angeblich als Entschädigung - die Sechst- oder Fünftplatzierte zur Auswahl angeboten.

Gleich anschließend folgte ein weiterer Konsumententest, dieses Mal ging es um Flüssigseife. Ein Teil der Teilnehmer bewertete lediglich die Verpackung, die andere Hälfte wusch sich die Hände, um das Produkt zu testen.

Nach einer kurzen Pause, mussten die Probanden die besten zehn CDs erneut reihen, vorgeblich, weil der Hersteller wissen wollte, was Käufer davon halten, nachdem sie das Geschäft verlassen hatten.

Kein Rechtfertigungszwang mit sauberen Händen

Es zeigte sich, dass jene, die die Seife nur optisch bewertet hatten, gemäß dem typischen Dissonanz-Effekt reagierten. Das heißt, die Bewertung der ausgewählten CD hat sich gegenüber der ersten Reihung deutlich verbessert, im Durchschnitt fast um zwei Plätze. Im Gegensatz dazu hatte sich die Wertung bei denen, die sich die Hände gewaschen hatten, nicht verändert. "Offenbar hat sie nicht das Gefühl, ihre Entscheidung im Nachhinein rechtfertigen zu müssen", so Schwarz.

Die Forscher konnten den Effekt in einem weiteren Experiment reproduzieren. Dabei mussten die Teilnehmer ebenfalls für eine augenscheinliche Konsumentenbefragung vier Marmeladen optisch bewerten. Als kleine Aufmerksamkeit zum Dank konnte sie am Ende eine von zwei aussuchen. Wiederum folgte ein zweiter scheinbar unabhängiger Test mit antiseptischen Wischtüchern. Die eine Hälfte betrachtete es lediglich, die andere testete seine reinigende Wirkung. Erstere vermuteten in einer abschließenden Befragung, dass die gewählte Sorte viel besser als die anderen schmecken würde, nicht so jene mit den gesäuberten Händen.

Laut den Forschern zeigen die Resultate, dass die psychohygienische Wirkung von physischer Reinigung über Moral hinausgeht; die moralische Sauberkeitsmetapher könnte diesen Effekt nämlich nicht erklären. Ob er nur in Situationen auftritt, die in irgendeiner Form die eigene Selbstsicht gefährden, müssen zukünftige Studien erst klären.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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