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Lot und seine Töchter auf einem Gemälde von Hendrick Goltzius

Vom Wandel des Inzests

Die soziale Bedeutung von Inzest hat sich seit der Renaissance immer wieder verschoben. So gab es etwa Zeiten, in denen die Heirat zwischen Cousinen und Cousins durchaus üblich waren. Die biologische Sicht auf geächtete Paare hat sich dabei erst im Lauf der Jahrhunderte entwickelt, schreibt der US-Historiker David Warren Sabean in einem Gastbeitrag.

Kulturanthropologie 17.05.2010

Der Inzest: Von der Renaissance bis heute

David W. Sabean

David W. Sabean

Von David Warren Sabean

Im Laufe meiner mikrohistorischen Studien zu Familie und Verwandtschaft in Deutschland ("Property, Production and Family in Neckarhausen, 1700-1870", Cambridge University Press, 1990, 1997; "Kinship in Neckarhausen, 1700-1870", Cambridge, 1998) bin ich auf ein interessantes Problem gestoßen: wie unterschiedlich in Europa und Amerika seit der Renaissance Inzest gesehen wurde - im Recht, in den Wissenschaften, aber auch in populärer Literatur sowie in privaten Dokumenten. Ich hatte festgestellt, dass sich das Zweiergespann, welches das Zentrum des Inzest-Diskurses bildet, seit dem 16. Jahrhundert immer wieder radikal verschoben hat.

David Warren Sabean ist Inhaber einer Henry J. Bruman Professur für Deutsche Geschichte an der University of California at Los Angeles. Der Historiker ist Experte für Anthropologie und Verwandschaft. Momentan ist er Gast des Direktors am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK).

Stand etwa in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts die Vater/Tochter-Beziehung im Mittelpunkt der Diskussion, waren es im 17. Jahrhundert Verbindungen mit der Schwägerin, etwa nach dem Tod der Frau. Eine Konstellation, die mit heutigen Augen betrachtet nichts Unanständiges an sich hat. Für damalige Zeitgenossen besaß sie aber sehr wohl einen inzestuösen Charakter, denn man ging davon aus, dass Mann und Frau durch die Heirat "zu einem Fleisch" werden. Mit diesem Aspekt beschäftigte sich bereits Francoise Héritier. Laut der französischen Anthropologin zieht sich dieser "sekundäre" Inzest durch zahlreiche Kulturen.

Vortrag in Wien

Am 17.5.10 hält David Warren Sabean einen Vortrag mit dem Titel "Thoughts on Incest: Shifting Discourses since the Renaissance".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften
Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
Zeit: 18 Uhr c.t.

Inzest als Spiegel von Geschlechterverhältnissen

Seit dem 17. Jahrhundert hat sich die Paarbeziehung, die Anlass für Gerede bot, noch mehrmals verändert. Von 1740 bis 1840 war es in erster Linie die Beziehung zwischen Bruder und Schwester. Zahlreiche wichtige Autoren dieser Epoche haben sich in irgendeiner Form mit dem Thema beschäftigt. Aber auch die Analyse historischer Dokumente zeigt, dass Verkupplungen zwischen verschiedengeschlechtlichen Geschwistern damals gewissermaßen "modern" waren.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts scheint sich dann das emotionale Zentrum familiärer Bande rund um Mutter und Sohn zu bilden (Freuds ursprüngliche Formulierung des Ödipus-Komplex bezieht sich auf dieses kulturelle Phänomen), dieser Fokus hielt sich mindestens bis in die 1920er Jahre. Es scheint, als könnte man an der jeweiligen Inzest-Fixierung auch einiges über die Beziehungen zwischen den Geschlechtern in dieser Epoche ablesen.

Heirat zur inneren Vernetzung der Familie

Ausgangspunkt meiner Arbeit waren die Veränderungen in Verwandtschaftsverhältnissen von 1740 bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Von Italien über Spanien bis nach Skandinavien, sowohl in katholischen als auch in protestantischen Gesellschaften wurde die Heirat zwischen engen Blutverwandten, in der Regel mit Cousinen und Cousins ersten oder zweiten Grades, damals sehr häufig.

Das stimmt zumindest für die besitzenden Bevölkerungsgruppen, von Bauern bis zu Adelsfamilien. Das diente offenbar der dichteren Vernetzung der Familie, sie verbündete sich immer wieder über viele Generationen hinweg. In meiner Arbeit habe ich versucht, diese Praxis in Beziehung zur Organisation des Staats und zur Wirtschaft zu setzen ("Kinship in Europe: Approaches to Long-Term Development (1300-1900)", Berghain:2007 von D.W. Sabean, S. Teuscher, J. Mathieu).

Sexuelle Tabus und Persönlichkeitsentwicklung

Bei der Dokumentation dieser Veränderungen und der Suche nach der "Ökologie" der Familienallianzen stieß ich auf das geheimnisvolle Gebiet der verbotenen Verbindungen. Dabei wurde klar, dass man nur auf der Basis einer Analyse der legalen Praxis und der Rechtsordnungen herausfinden kann, wie soziale Bedingungen und Recht in dieser Hinsicht miteinander wechselwirken. Das heißt, um Recht zu verstehen, muss man das breitere kulturelle Feld untersuchen, in welches dieses eingebettet ist. Dafür muss man sich u.a. öffentliche Abhandlungen ansehen, aber auch die Bedeutung von Gewissen, Sünde und Blutsverwandtschaft in Dramen analysieren.

Kulturelle Variationen und persönliche Erfahrungen sind eng miteinander verknüpft, wie jüngere Forschungen gezeigt haben. Bei meiner Arbeit zum Inzestthema zeigte sich ebenfalls, dass viele Aspekte von Gleichheit und Differenz, dem Selbst und dem Anderen sowie der Identität, der Subjektivität, des Bewusstseins, der Erinnerung, des Körpers und des Individualismus in einem engen direkten oder indirekten Zusammenhang mit sexuellen Verboten und deren Grenzen zu tun haben.

So sahen etwa viele Autoren, von Wieland bis zu Melville, in der Geschwisterbeziehung die Grundlage moralischer Entwicklung und der Ausbildung einer Persönlichkeit. Der Stellenwert, den die Analyse der griechischen Tragödie "Antigone" bei Hegel einnimmt, ist ebenfalls ein Beispiel dafür, dass die Beziehung zwischen Bruder und Schwester damals ein wichtiges Objekt philosophischer Reflektionen war. Auch bei Brentano, Chateaubriand, Byron sowie einigen anderen Schriftstellern der "Sattelzeit" am Übergang zwischen früher Neuzeit und der Moderne war die Identität oft mit der Schwester verknüpft. Im 20. Jahrhundert übernimmt diese Rolle bei Anaïs Nin und Kathryn Harrison plötzlich der Vater, ein Zeichen für eine Verschiebung der Machtverhältnissen bei den Geschlechtern.

Ein gemeinsamer Saft

Der Vergleich der verschiedenen Perioden hilft bei der Analyse heutiger Fixierungen. Die Verknüpfung von Verwandtschaft und Inzest über Geschlecht, Körper und Persönlichkeit findet auch bei den Anthropologen Janet Carsten und Marilyn Strathern Erwähnung. Demnach zieht sich durch den Inzestdiskurs vom 17. bis ins 21. Jahrhundert die Grundlage einer "gemeinsamen biologischen Substanz", welche eine Verbindung zwischen barocken Repräsentationen von Blut mit den modernen Vorstellungen von Genen herstellt. Im theologischen Diskurs des Mittelalters war das noch nicht der Fall gewesen. Die Verbindung zwischen Maria und Jesus lief über das Fleisch, die Idee der unbefleckten Empfängnis prägte sexuelle Angelegenheiten und Sinnlichkeit.

Erst im 17. Jahrhundert begann man Verwandtschaftsverhältnisse auf Basis der Blutmetapher zu verstehen: väterliche Abstammungslinie, das Recht des Erstgeborenen oder Blutsverwandte im Gegensatz zu Angeheirateten. Jetzt wurde auch die Beziehung von Jesus zur Mutter Gottes von einflussreichen Theologen wie etwa Bousset auf eine "Blut-Basis" gestellt. Wie sich der Diskurs über eine gemeinsame biologische Substanz zur "biogenetischen" Substanz der späten Moderne verhält, bleibt Gegenstand zukünftiger Forschungen: Inwiefern sind unsere heutigen Ideen von genetischer Vererbung mit den tiefverwurzelten Vorstellungen vom gemeinsamen Blut verknüpft?

Übersetzung: Eva Obermüller, science.ORF.at

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