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Kieferbäume vor Himmel

Ein "Dow Jones" der Biodiversität

Für die Biodiversität von Wäldern gibt es eine verwirrende Vielzahl möglicher Indikatoren. Jetzt haben Wissenschaftler einen umfassenden Index vorgestellt. Durch ihn soll sich der Zustand der Wälder anhand einer einzigen Maßzahl leichter vergleichen lassen.

Biodiversität 17.05.2010

Überschaubare Vielfalt

Fledermäuse, Wildbienen, Vögel, seltene Baumarten und rare Pilze – wer die Biodiversität von Wäldern beurteilen und erhalten will, steht rasch vor einer langen Liste an Kennzahlen. Jede von Ihnen bildet einen für die Biodiversität im Wald wichtigen Teilbereich ab. Der Überblick fällt hier schwer; einzelne Indikatoren entwickeln sich mitunter in unterschiedliche Richtungen und führen zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Der Text „The Austrian Forest Biodiversity Index: All in one” ist in der Fachzeitschrift “Ecological Indicators” erschienen (2010, Bd. 10, S. 753, Abstract).

Um die Sache zu vereinfachen haben Wissenschaftler des Forschungszentrums Wald einen Index vorgeschlagen, anhand dessen sich die Biodiversität der Wälder an einer Skala zwischen eins und hundert einordnen - und deren Veränderung beurteilen lässt.

Dies solle vor allem Politikern die Entscheidung für Maßnahmen zum Schutz der Diversität der Wälder erleichtern. So wie es für Aktienmärkte den ATX oder den Dow Jones gibt, und so wie sich Politiker in ihrem Urteil über die Wirtschaft am Bruttoinlandsprodukt orientieren, solle der neue Index einen ähnlich einfachen Überblick über die biologische Vielfalt in den Wäldern liefern, sagt Thomas Geburek. Er ist Leiter des Instituts für Genetik am Forschungszentrum Wald in Wien und hat den Index mitentwickelt.

Der ideale Wald

Für den Index wurden insgesamt 13 Indikatoren ausgewählt. Darunter sind zum Beispiel das Vorkommen charakteristischer Baumarten für den entsprechenden Standort, der Einfluss des Wilds, der Anteil besonders alter Bäume und die Erhaltung natürlicher Waldreservate.

Daraus ergibt sich laut den Forschern ein Profil des „idealen Waldes“, der alle diese Kriterien erfüllt und beim neuen Index die maximale Punkteanzahl erreichen würde. Kurz gesagt besteht dieser Wald vor allem aus natürlicher Vegetation, verjüngt sich auf natürliche Art und Weise und hat einen hohen Anteil an Totholz. Darüber hinaus sollte es möglichst große, zusammenhänge Waldflächen geben, da die Biodiversität in fragmentierten Wäldern geringer ist.

Der Wert des toten Holzes

Am stärksten gewichtet wird bei den Indikatoren das Vorhandsein von Totholz. Abgestorbene, vermodernde Baumstämme übernehmen wichtige ökologische Funktionen: Sie dienen Insekten, Pilzen, Moosen und Flechten als Lebensraum, regulieren den Wasser- und Nährstoffhaushalt, tragen zur Entwicklung des Bodens bei und liefern Energie und Nahrung für andere Lebewesen.

Durch die 13 Indikatoren soll sichergestellt werden, dass sich der Wald in einem Zustand befindet, in dem hohe Biodiversität erhalten bleiben kann, auch wenn diese nicht direkt erfasst wird. Dadurch sollen Arten geschützt werden, die an spezielle Lebensräume im Wald angepasst sind. Dazu gehören laut den Erfindern des Index etwa der Wald-Sauerklee, der den Schatten der Kronendächer braucht, der Waldmeister, der fast nur in Laubwäldern vorkommt, der Steinpilz, der in Symbiose mit Fichten lebt, oder der Schwarzspecht, der Buchen zum Nisten bevorzugt.

Genetische Diversität

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2010 zum internationalen Jahr der Biodiversität erklärt. Radio Österreich 1 und science.ORF.at begleiten es mit Schwerpunkten.

Webseite der UN zum internationalen Jahr der Biodiversität

Hierzulande haben das Lebensministerium und das Umweltbundesamt eine Informationsplattform zum Thema Biodiversität eingerichtet.

Eine Komponente unterscheidet Geburek zufolge den neuen Index von den vielen bestehenden Ansätzen zur Beurteilung der Wald-Biodiversität: Er erfasst die genetische Vielfalt. Denn Biodiversität hat drei Komponenten: Sie besteht neben der Anzahl vorhandener Arten auch aus der Vielfalt an Lebensräumen und eben der genetischen Diversität.

Entscheidend für die genetische Vielfalt bei den Bäumen ist zum Beispiel das Sammeln von Samen für Saatgut. Mehrere tausend Waldflächen gibt es Geburek zufolge, an denen in Österreich Baumsamen zu diesem Zweck gesammelt werden dürfen. Die Samenernten werden in einem zentralen Register am Forschungszentrum Wald erfasst.

Doch Fichte ist nicht gleich Fichte: Jeder Same jedes individuellen Baumes unterscheidet sich auch bei der gleichen Art genetisch – bestimmte Gene können bei jedem Individuum unterschiedlich ausgeprägt sein. Werden Samen vorzugsweise nur an wenigen Standorten gesammelt, geht auf die Dauer genetische Information verloren. Doch diese ist wichtig, damit sich Arten an ihre Umwelt anpassen können, betont Geburek. Je größer die genetische Vielfalt, umso eher bleiben zum Beispiel Individuen erhalten, die in Zukunft dem Klimawandel trotzen könnten.

Daten und internationale Vergleiche

Das einzige, was für den neuen Index noch fehlt, sind konkrete Ergebnisse. Die Daten sind laut Geburek vorhanden. Sie müssten nur erst zusammengetragen und ausgewertet werden. In der nun veröffentlichten Arbeit wollten die Forscher zunächst lediglich ein Konzept für den Index erstellen, auf dessen Basis dann die Zahlen berechnet werden.

Laut Geburek sind solche Indices immer ein Kompromiss: „Man versucht einen Weg zu gehen zwischen dem, was man sich als Wissenschaftler zur Beschreibung der Diversität wünscht, und dem, was machbar ist.“ Daher wurde für das Konzept auch darauf Augenmerk gelegt, ob Daten überhaupt vorhanden sind bzw. kostengünstig erhoben werden können. Geburek zufolge wäre der Index zumindest auf europäischer Ebene für alle Waldtypen anwendbar. Für Länder und Wälder außerhalb Europas müsste der Index eventuell angepasst werden.

Mark Hammer, science.ORF.at

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