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Genrefoto eines Einbrechers

Verbrecher: Erfolgreiche Sozialforscher

Wenn Einbrecherbanden ihrer Tätigkeit nachgehen, wird schnell der Ruf nach mehr Polizei laut. Doch es gibt auch andere Methoden, Verbrechen zu bekämpfen. Durch geschickte Raum- und Stadtplanung lassen sich etwa die Gelegenheiten für Täter reduzieren - und damit auch das Risiko Opfer zu werden.

Kriminologie 14.05.2010

Leider arbeiten Polizei, Architekten und Stadtplaner dabei nicht gerade gut zusammen, meint der Kriminalsoziologe Günter Stummvoll in einem science.ORF.at-Interview.

Während die Verbrecher beim Auskundschaften quasi empirische Sozialforschung betreiben, werden entsprechende Informationen auf Seiten des Gesetzes nur unzureichend genutzt.

science.ORF.at: Wie ist die Idee entstanden, Kriminalität durch Städtebau und Design vorzubeugen?

Porträtfoto des Kriminalsoziologen Günter Stummvoll

privat

Der Kriminalsoziologe Günter Stummvoll arbeitet an der Keele University in England am Projekt EUdocS, das die Geschichte der europaweiten Standardisierung von Kriminalitätsprävention durch Städtebau und Design nachzeichnet - eine "Geschichte des Misserfolgs", so Stummvoll.

Günter Stummvoll: Die Vorgeschichte geht zurück in das 19. Jahrhundert zum Ursprung der Kriminalgeografie, als André-Michel Guerry und Adolphe Quetelet für Frankreich die geografische Verteilung von Kriminalstatistiken analysierten. Wichtig waren danach die sozio-ökonomischen Untersuchungen der Chicago School in den 1920er und -30er Jahren und die architekturkritischen Arbeiten von Jane Jacobs. Der Begriff "Kriminalprävention durch Stadtplanung und Design" wurde in den 1970er Jahren in den USA von dem Architekten Oscar Newman und von dem Kriminologen C. Ray Jeffery geprägt. Jeffery hat 1971 das Buch "Crime Prevention Through Environmental Design" publiziert. Aus den Anfangsbuchstaben hat sich ein eigenes Label entwickelt: CPTED, gesprochen: sep-ted.

Was genau ist die Idee von CPTED?

Im Zentrum der Überlegungen stehen nicht die Täter, sondern Tatgelegenheitsstrukturen. Heute baut die Idee auf bestehenden Sicherheitstechnologien wie Überwachungskameras und Sicherheitstüren auf: Die Gelegenheiten zur Tat sollten reduziert werden - aber eben nicht nur durch technische Mittel, sondern auch durch informelle Überwachung. Sozialräumliche Aspekte fließen in die Kriminalprävention ein.

Das hat den wohlfahrtsstaatlichen Ansatz von früher gebrochen, als man auf den Täter und seine Pathologie abzielte, und versuchte, ihn in die Gesellschaft zu reintegrieren. CPTED orientiert sich hingegen an potenziellen Opfern, die Persönlichkeit oder Herkunft des Täters ist uninteressant. Es wird davon ausgegangen, dass die Gelegenheit Täter macht. Durch das Zusammentreffen eines motivierten Täters, eines leichten Opfers oder Ziels und unter Abwesenheit von Beobachtern entstehen Tatgelegenheiten.

Dahinter steckt ein rationalistisches Weltbild: Täter handeln - natürlich nur bei geplanten Straftaten - rational, sie versuchen unerkannt zu bleiben und schnell zu flüchten. Darauf baut eine ganze Theorie der Kriminalprävention auf, die Tatgelegenheiten durch Veränderung der räumlichen und sozialen Umwelt vermeiden will.

Wie vermeidet man Tatgelegenheiten?

Durch alles, was das Risiko des Täters erhöht, entdeckt zu werden - z.B. Belebung, Beleuchtung und Transparenz von Tatorten. Wenn man etwa Wohnhäuser so angelegt, dass die Fenster zu den Parkplätzen ausgerichtet sind, gibt es eine natürliche Überwachung. Die Möglichkeit, beobachtet zu werden - das panoptische Prinzip - genügt für Verhaltungsänderungen. Man kann auch bei der Gestaltung von öffentlichem Raum ansetzen: Grünraum, Bepflanzung, Einsatz von Materialien - Beton oder Holz etc.

CPTED will nicht nur Straftaten verringern, sondern auch das Sicherheitsgefühl steigern - das geht auch durch entsprechende Raumpsychologie. Sicherheitsarbeit ist ja prinzipiell grotesk: Je mehr ich mich bemühe, Sicherheit herzustellen, desto mehr Unsicherheit erzeuge ich - alleine dadurch, dass man über ein Risiko spricht.

Diese paradoxe Situation führt üblicherweise zum Wunsch nach mehr Polizei.

Viele Menschen in Österreich glauben, dass Sicherheit nur dort besteht, wo es polizeiliche Überwachung gibt, und sich Sicherheit daher nur durch noch mehr polizeiliche Überwachung herstellen lässt. Das ist nicht so. Man vergisst dabei sehr schnell, dass Sicherheit auch mit Ordnung zu tun hat. Es ist natürlich einfacher, nach mehr Kontrolle und höheren Strafen zu rufen, als sich mit Raum- und Gesellschaftsstrukturen auseinanderzusetzen. CPTED versucht, die Tatgelegenheitsstruktur viel umfassender zu begreifen, und geht viel weiter als Videoüberwachung und Polizeikontrolle. Im Fokus stehen informelle Kontrollstrukturen im öffentlichen Raum, durch die sich Menschen gegenseitig kontrollieren. Um diese zu nutzen, bräuchte es konkrete Studien, die gibt es aber in Österreich leider nicht.

Warum nicht?

Die Polizei analysiert zwar Hotspots, die häufigsten Orte verschiedener Verbrechen, und zeichnet damit einen Kriminalitätsatlas. Sie verwendet diese Hotspot-Analysen aber nur für ihre eigenen Zwecke, für den Einsatz ihres Personals. Wenn man feststellt, dass es in einem Stadtteil mehr Probleme gibt, wird dort mehr überwacht. Ich nenne das die Feuerwehrfunktion der Polizei: Sie schaut, wo es brennt, fährt dorthin und löscht den Brand. Mit Kriminalprävention hat das leider nicht viel zu tun. Aber man könnte mit den Informationen der Hotspot-Analysen viel mehr machen, sie qualitativ auswerten, fragen, warum da oder dort eine günstige Gelegenheit für Verbrecher ist. Die Tatgelegenheit ist eine sehr komplexe Materie.

Welche Kriterien verfolgen z.B. Einbrecher?

Sie kundschaften geeignete Orte aus, untersuchen, ob es bestimmte Regelmäßigkeiten gibt, wann Fußgänger verkehren etc.

Die Verbrecher machen das, was eigentlich die Kriminalsoziologen machen sollten?

(lacht) Ja, natürlich mit unterschiedlichen Motiven. Das kann man so sagen. Das Ganze endet in einem Wettbewerb zwischen Täter und Polizei bzw. Prävention - gleichgültig, ob das Technologie oder geografische Muster betrifft.

Wie könnten Polizei und Stadtplanung besser zusammenarbeiten?

Die Polizei könnte etwa bei Wohnungseinbrüchen enorm viel Information zur Verfügung stellen. Wo und wie laufen sie ab? Nehmen wir z.B. die Brünnerstraße in Wien-Floridsdorf, wo sehr viel eingebrochen wird. Analysen zeigen, dass das daran liegt, dass sie eine Ausfallsstraße aus der Stadt ist, d.h. Täter können schnell fliehen. Auch kleinere Orte, die an der Autobahn liegen, haben höhere Einbruchsraten.

Also stellen wir mehr Polizisten auf diese Straßen bzw. in diese Orte?

Das ist eine Möglichkeit. Man könnte aber auch die Stadtstruktur ändern, z.B. die Straßen nicht so breit machen, die es den Tätern erleichtern zu flüchten. Noch wichtiger: Bereiche schaffen, die verschiedene Funktionen miteinander verknüpfen, anstatt Wohnsiedlungen am Stadtrand als bloße Schlafstätten ohne Infrastruktur zu bauen, die tagsüber leer stehen und unbeobachtet sind und damit geradezu Täter einladen. Große Schulzentren stehen in den Ferien leer, sie wirken völlig ausgestorben und bieten Gelegenheit für Kriminalität und Devianz. Für die Kriminalitätsvorbeugung ist es sinnvoll, verschiedene Funktionen im Raum zu kombinieren: Wohnen, Arbeitsplätze, Geschäfte, Freizeiteinrichtungen, Parks, öffentlichen Einrichtungen. Auch Kunst im öffentlichen Raum ändert die räumliche Atmosphäre und damit die Tatgelegenheitsstruktur.

Einbruchsopfer werden vielleicht nicht ganz überzeugt sein von diesen Vorschlägen. Was würden Sie ihnen konkret entgegnen?

Dass es bei der Kriminalprävention auch um Gemeinschaftsleben geht, um kommunale Sicherheit. Natürlich kann man mehr Polizei fordern und Bürgerwehren einrichten. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass Kriminalität eine Folge von Konflikten ist, kann man auch versuchen, diese mit Sozialarbeit in einem Siedlungsgebiet zu reduzieren und damit Kriminalität vermeiden.

Wenn man davon ausgeht, dass Kriminalität eine Psychopathologie von individuellen Tätern ist, oder wenn man der Meinung ist, dass Täter immer von "draußen" kommen, tut man sich natürlich schwer. CPTED will die Tatgelegenheitsstruktur verändern, das hat auch damit zu tun wie Menschen konkret in einer Wohnhausanlage zusammenleben: Sie kennen oft den eigenen Nachbarn nicht, das verringert die informelle Kontrolle. Die Idee baut auf dem Gedanken des Kommunitarismus auf, und will Nachbarschaft und Vertrauen stärken.

Reicht es aus, Räume zu verändern, um auch das Sozialverhalten zu ändern?

Nein, weil in Ihrer Annahme ein Teil fehlt: Auch der Raum wird sozial hergestellt. Menschen, die sich im Raum aufhalten, prägen diesen auch. Je nachdem, wer sich dort aufhält, bildet sich ein entsprechendes Milieu. Man kann Räume zu Treffpunkten machen, durch Attraktionen wie Kunst im Raum die Sozialstruktur so verändern, dass sich der Raum verändert. Dadurch ändert sich auch wieder das Sozialverhalten usw. Dazu ist ein dialektisches Raumverständnis notwendig.

Wie liegt Österreich im internationalen Vergleich, was Verbrechensprävention durch Stadtplanung betrifft?

Wir haben viele negative Entwicklungen von den USA übernommen, etwa die Shopping Center am Stadtrand. Das sind monofunktionale Räume die entsprechende Sicherheitsprobleme mit sich bringen. In den USA gibt es mit dem New Urbanism aber mittlerweile eine Rückbesinnung auf die kleinräumigen Strukturen der Stadt, die fußläufig und möglichst belebt sind.

Österreichischen Städte sind in ihrer historischen Entwicklung gewachsene Städte und damit sehr gute Beispiele für die Möglichkeiten der Kriminalprävention durch städtebauliches Design - oft skurrilerweise ohne es zu wissen. Nicht zuletzt deswegen haben wir auch ein relativ geringes Kriminalitätsproblem. Bei der Entwicklung der neuen Bahnhöfe z.B. am Wiener Westbahnhof versucht man die Funktionen wieder zu mischen. Sie werden zugleich zu Einkaufs- und Bürozentren. Ein anderes, älteres Beispiel wären die Frauen-Werk-Städte in Wien, die speziell auf die Sicherheitsbedürfnisse von Frauen Rücksicht nehmen.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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