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Geschlungene Pfade auf einer Wiese

Von flüssigen Identitäten und anderen Orten

"Überkreuzungen" heißt die diesjährige Tagung der Modern Austrian Literature and Culture Association in Wien. Der Untertitel macht deutlich, worum es geht: "Verhandlungen kultureller, ethnischer, religiöser und geschlechtlicher Identitäten in österreichischer Literatur und Kultur".

Literaturwissenschaft 21.05.2010

Wie sich diese Identitäten überlagern, überkreuzen und mit dem Fremden zu tun haben, beschreiben Anna Babka und Susanne Hochreiter in einem Gastbeitrag

Überkreuzungen von Identitäten in der Literatur

Von Anna Babka und Susanne Hochreiter

Über die Autorinnen

Die Germanistinnen Anna Babka und Susanne Hochreiter.

Universität Wien

Anna Babka (links): Universitätsassistentin (tenured) am Institut für Germanistik der Universität Wien, zurzeit Habilitation (Elise-Richter-Stelle des FWF);
Susanne Hochreiter (rechts): Universitäts-assistentin am Institut für Germanistik im Arbeitsbereich Neuere deutsche Literatur.

Schon die feministische Theoriebildung hat darauf aufmerksam gemacht und nun wird in den Gender Studies und Queer Studies vermehrt darauf Bezug genommen: Kategorien, nach denen Menschen differenziert, aber auch diskriminiert werden, sind nicht für sich alleine zu denken, sondern eben in Überkreuzung, Verschränkung, Interdependenz mit anderen.

Wir sind nicht nur Männer oder Frauen, sondern sind auch über unsere religiöse oder ethnische Zugehörigkeit definiert, darüber, welche sexuelle Orientierung wir leben, wie alt wir sind, welches Einkommen wir haben. Viele andere Faktoren spielen hier eine Rolle.

Inspiriert vom Feminismus

Es waren zuerst schwarze Feministinnen wie Alice Walker und Angela Davis, die sich bereits in den 1970er Jahren gegen die Vorstellung von "der" Frau und "dem" Mann gewehrt haben.

Die Situation von weißen Frauen unterscheidet sich von jener schwarzer Frauen und jene von heterosexuellen Männern beispielsweise von der schwuler Männer – und das alles abhängig von dem Land, in dem man lebt, von der Bildung die jemand hat usw. Schon damals wurde deutlich, dass die Vorstellung von getrennten Identitätsdimensionen nicht funktioniert.

Heute werden diese Überlegungen vor allem in den von postkolonialer Theorie stark beeinflussten Queer Studies diskutiert. Auch in den Literatur- und Kulturwissenschaften spielen intersektionale Ansätze gegenwärtig eine große Rolle. Ein Umstand, dem die diesjährige Konferenz der Modern Austrian Literature and Culture Association (MALCA) in Wien Rechnung tragen möchte.

Vom Text zur Performanz

Tagung in Wien

Die Tagung "Überkreuzungen" der Modern Austrian Literature and Culture Association zum Thema Intersektionalität findet am Institut für Germanistik der Universität Wien von 22.-25. Mai statt. Den Eröffnungsvortrag ("Österreichische Literaturen in einem transkulturellen Kontext") hält der Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk am Samstag, 22. Mai, 18 Uhr, im Kleinen Festsaal. Der Vortrag ist öffentlich und kostenfrei zugänglich.
Im Rahmen der Konferenz findet zudem am Montag, 24. Mai, um 19 Uhr eine Lesung mit Dimitré Dinev, Julya Rabinowich und Semier Insayif im Literaturhaus Wien statt.

Das Thema der Konferenz ist in zweifacher Hinsicht mit Themen früherer MALCA-Konferenzen verbunden. Einerseits inhaltlich, andererseits in Bezug auf die Erweiterung der methodischen Zugänge, also im Hinblick auf die Reflexion des Paradigmenwechsels von philologischen, textbasierten Kulturmodellen zu einer performativen Auffassung literarischer Texte und kultureller Artefakte insgesamt.

Diese performative Sicht wurde innerhalb einer transdisziplinär und kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft entwickelt und setzt sich mit der konstituierenden Kraft von (literarischer) Sprache, der Natur diskursiver Ereignisse and Literatur als Handlung auseinander.

Österreichische Literatur als Reservoir

Sprache und Sprachkritik sind Eckpfeiler einer kulturwissenschaftlichen Theoriebildung, die über bloße Textwissenschaft hinausgeht und somit den Gegenstandsbereich der Germanistik erweitert.

Eine solche Herangehensweise, die auch die nationalstaatliche Sicht auf die Literatur überwindet, ermöglicht es, der regionalen, ethnischen, geschlechtspezifischen, religiösen Differenziertheit menschlichen Zusammenlebens, Handelns und Schaffens auf produktive Weise zu begegnen.

Es geht also um die "Überkreuzungen" verschiedener Identitätsdimensionen, für die die moderne österreichische Literatur und Kultur ein reiches Reservoir an künstlerischer Produktion zur Verfügung stellt.

Beispiel Religion

Religiöse Zugehörigkeiten, verbunden mit den Dimensionen "Ethnie" und "Geschlecht", spielen in der Geschichte und Gesellschaft Österreichs eine sehr große Rolle. Die Konflikte im Vielvölkerstaat unter Habsburgs Herrschaft hatten ebenso eine religiöse Dimension wie der Bürgerkrieg und der "christliche Ständestaat" in den 1930er Jahren.

Lange schon existierender Antisemitismus mündete unter den Nationalsozialisten in den Holocaust. Und auch nach 1945 bleibt der Antisemitismus eine Konstante in österreichischer Politik und Öffentlichkeit. Angesichts dieser Debatten und deren Reflexion in österreichischer Literatur und Kultur besteht eines der Ziele der Konferenz darin, neue interkulturelle Einsichten zu erlangen.

Das uneigentliche Eigentliche

Damit knüpft die Konferenz zugleich an die Mittel- und Osteuropaforschung an, die sich der Analyse der interkulturellen und machtpolitischen Beziehungen sowie die Fremd- und Selbstbilder in der Kultur und Literatur Österreich-Ungarns widmet.

Einer ihrer Protagonisten hier in Wien, Wolfgang Müller-Funk streicht heraus, dass kulturwissenschaftliche Reflexion per se an die Existenz des kulturell Fremden geknüpft ist: "Sich mit dessen/deren Augen zu sehen, wird zur Chance und Zumutung einer globalen Welt, die sich zugleich kulturell diversifiziert und regionalisiert."

Das Eigene als das "uneigentliche Eigentliche" gerät "diesem vielfältig Fremden gegenüber, das sich im klassischen Modell der Alterität nicht wirklich abbilden lässt, unter Symbolisierungs- und Reflexionszwang, den es annehmen oder verwerfen kann".

"Knoten aus Identität und Alterität"

Der Begriff des Eigenen verweist dabei innerhalb poststrukturalistischer Theorien – wie Lacanscher Psychoanalyse, Diskursanalyse, Dekonstruktion, Gender Studies, Queer Studies oder Postcolonial Studies – auf die Dichotomie von Alterität und Identität als einander bedingende Momente.

In der Tat ist, wie Birgit Wagner und Edith Saurer, zwei Pionierinnen der postkolonialen Forschung und der Geschlechterforschung hier in Wien, hervorheben, der "Knoten aus Identität und Alterität [...] ein ungelöster".

Beide Begriffe spielen eine Schlüsselrolle innerhalb des hier verhandelten Fragehorizonts, der über Begriffe wie Rasse, Ethnie, Geschlecht, Religion, Nation und Kultur abgesteckt ist.

Vielfalt der Themen

Aus einer transkulturellen Perspektive heraus fokussiert die Konferenz methodologisch u.a. auf Gender Theorien, postkoloniale Theorien, systemtheoretische, psychoanalytische und dekonstruktive Ansätze.

Die thematische Palette der Vorträge ist dabei entsprechend breit und reicht von "Habsburg und die Wiener Moderne", über "Europäische Identitätskonstruktionen", "Exotismen und Orte des Anderen", "Jüdische Identitäten" bis zu Gegenwartsliteratur von AutorInnen mit internationalem Hintergrund.

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