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Porträtfoto von Marlene Dietrich

Tiefe Stimmen sollen sexy sein

Augenkontakt, ein guter Schmäh und olfaktorische Souveränität sind nicht alles beim Flirten. Es kommt auch auf die Stimme an, ob wir Chancen bei dem oder der anderen haben. Wenn wir jemanden attraktiv finden, senken wir laut US-Psychologinnen unsere Stimme.

Psychologie 21.05.2010

Und das gilt sowohl für Männer als auch - überraschenderweise - für Frauen. Auch das weibliche Geschlecht signalisiert durch eine tiefere Stimme Interesse an einem attraktiven Gegenüber: Dieses "Marlene-Dietrich-Phänomen" hat ein Team von Psychologinnen um Susan Hughes vom Albright College in Alberta empirisch überprüft.

Indikator für genetische Fitness

Die Studie "Vocal and Physiological Changes in Response to the Physical Attractiveness of Conversational Partners" von Susan Hughes et al. ist im "Journal of Nonverbal Behaviour" erschienen.

Es soll unter uns Menschen Zeitgenossen geben, die im Gespräch mit potenziellen Sexualpartnern und -partnerinnen auf den Inhalt des Gesagten wertlegen und daraus Schlüsse ziehen, ob aus der Potenzialität wirklich etwas wird. Susan Hughes gehört zumindest in ihrem Beruf als Psychologin nicht zu dieser Gruppe. Sie untersucht nicht die Attraktivität der Inhalte, sondern das Formale menschlicher Stimmen.

Bei ihren Studien ist sie schon in der Vergangenheit auf eine Reihe erstaunlicher Erkenntnisse gestoßen. So klingen Menschen mit stärkerer Körpersymmetrie attraktiver als andere, auch bei weiteren Körpermerkmalen wie dem Taille-Hüft-Verhältnis (bei Frauen) bzw. dem Schulter-Hüft-Verhältnis (bei Männern) existiert ein Zusammenhang mit der Stimme.

Hinter diesen und anderen Studienresultaten steht die Einsicht der Evolutionsbiologen und -psychologen, dass wir jene Sexualpartner bevorzugen, die - im Sinne möglicher gemeinsamer Nachkommen - auf die ein oder andere Weise genetische Fitness ausstrahlen.

Die biologische Seite der Medaille

Dabei spielt eben auch die Stimme eine nicht zu unterschätzende Rolle. Frauen bevorzugen laut älteren Studien tendenziell Männer mit tieferen Stimmen, besonders an ihren fruchtbaren Tagen. Umgekehrt scheinen Männer Frauen mit höheren Stimmen zu präferieren, was diese insofern goutieren, als dass sie speziell an ihren fruchtbaren Tagen tendenziell höher klingen.

Das ist aber nur die biologische Seite der Medaille. Eine Reihe weiterer Studien hat bereits gezeigt, dass auch der soziale Zusammenhang darüber entscheidet, wie wir sprechen. Unterschiedliche Rollen, die wir einnehmen, führen auch zu unterschiedlichem Stimmverhalten.

Attraktive Gegenüber machen Stimme tief

Susan Hughes und ihre Kolleginnen haben nun untersucht, wie sich die Attraktivität eines gegengeschlechtlichen Gesprächspartners auf die Tonhöhe von Männern und Frauen auswirkt. Dazu haben sie 48 Studenten und Studentinnen im Rahmen einer Studie dazu gebracht, telefonisch eine vorgefertigte Nachricht am Anrufbeantworter einer bestimmten Person zu hinterlassen. Der vermeintliche Empfänger bzw. die vermeintliche Empfängerin wurde ihnen per Foto gezeigt - verschiedene Männer bzw. Frauen, die unterschiedlich attraktiv waren.

Es zeigte sich, dass die Tonhöhe der Anrufer bei den schönen Empfängern deutlich niedriger war. Und das betraf sowohl die Männer als auch - entgegen den Erwartungen der Forscherinnen - die anrufenden Frauen. Messungen des Hautwiderstands zeigten zudem, dass die Vertreter beider Geschlechter angesichts attraktiver Gegenüber erregter waren als bei den Unattraktiveren.

Sexy Frauenstimmen sind ein bisschen heiser

Marlene Dietrich singt das Lied "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt"

Dass Männer diese Strategie wählten, steht im Einklang mit bekanntem Wissen: Tiefere Stimmen werden mit dominanterem, männlicherem und damit - zumindest aus evolutionsbiologischer Sicht - attraktiverem Verhalten verbunden. Warum aber haben die Frauen ihre Stimme gesenkt, wo doch nach der gleichen Logik eigentlich piepsende Stimmen für Männer attraktiver sein sollten?

Da kommt dann doch die Kultur ins Spiel. "Es scheint ein Merkmal unserer Kultur zu sein, dass sexy Frauenstimmen verraucht, ein bisschen heiser und tief klingen", schreiben Hughes und Kolleginnen in ihrer Studie. "Das Motiv, eine verführerische Stimme an den Tag zu legen, gerät mit dem Motiv in Widerspruch, femininer und reproduktiv fitter zu klingen."

Diesen Widerspruch sehr eindeutig gelöst haben Frauen wie Marlene Dietrich, die Männern wie Frauen nicht zuletzt ob ihrer Stimme sehr attraktiv erschienen ist. "Wenn eine Frau ihre Stimme senkt, kann das als Zeichen der Verführung erkannt werden, und damit als Signal ihres romantischen Interesses", sagt Susan Hughes. Marlene Dietrich hätte vermutlich nicht widersprochen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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