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Das Holocaust-Mahnmal für die ermordeten Juden in Europa zwischen dem Brandenburger Tor und dem Potsdamer Platz in Berlin.

Geschichte als Inszenierung

"Popularisierung der Geschichte" lautet der Titel einer Historikertagung, die heute Abend in Wien beginnt. Die Kulturhistorikerin und Germanistin Geneviève Humbert-Knitel diskutiert in einem Gastbeitrag Fragen, die bei der Inszenierung von Geschichte entstehen. Eine Symposions-Vorschau.

Tagung 26.05.2010

Erinnerung und Imagination

Von Geneviève Humbert-Knitel

"Geschichte hat Konjunktur" stellen Sabine Horn und Michael Sauer in ihrem Vorwort zum Buch Geschichte und Öffentlichkeit fest (Göttingen, 2009). Tatsächlich gewinnt Geschichte immer mehr an öffentlicher Aufmerksamkeit und gesellschaftlicher Bedeutung. Diese Tagung widmet sich unterschiedlichen Mitteln, die zur Inszenierung und Popularisierung, d.h. zur Vermittlung von Geschichte, beitragen sollen.

Von der klassischen schriftlichen Erzählung bis zu visuell-plastischen Objekten über Dokumentarfilme und Fiktionen. All diese Medien dienen der Mobilisierung von Erinnerung- und Imagination, von Emotion und Ratio mit dem Zweck, an die breite Öffentlichkeit zu gelangen, um Missstände anzuprangern sowie aufzuklären.

"Spagat zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft"

Zur Autorin

Porträtfoto der Germanistin Geneviève Humbert-Knitel

Geneviève Humbert-Knitel

Geneviève Humbert-Knitel ist Professorin für Germanistik (Deutsche und österreichische Geschichte und Kulturgeschichte) an der Universität Strasbourg.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Erinnerungs- und Geschichtspolitik; Kultur und Macht; Neue Paradigmen in Deutschland und Österreich am Anfang des 21. Jahrhunderts; Inszenierung und Aneignung von Geschichte.

Wenn die Geschichtswissenschaft lange Zeit bei der populären Geschichtsschreibung keine zentrale Rolle gespielt hat, wenn man sogar von einer Kluft zwischen Forschung und öffentlichem Interesse, von einem "Spagat zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft" sprechen konnte, hat sich in den letzten Jahren die Lage geändert, besonders mit dem Trend der Erinnerungsgeschichte.

Unter dem Titel Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur Öffentlichen Inszenierung (München, 2007), beschäftigt sich z.B. Aleida Assmann, Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaften an der Universität Konstanz, mit der Präsenz von Geschichte im Gedächtnis - und fragt: Wie begegnet uns Geschichte? Wie wird sie außerhalb der Geschichtswissenschaft angesprochen, thematisiert, dargestellt? Und weiter: In welchen Grundformen, Medien und Formaten wird Geschichte präsentiert?

Erzählen, Ausstellen, Inszenieren

Die drei Grundformen historischer Präsentation, die bei der Vermittlung von Vergangenheit dienen, wären: Erzählen, Ausstellen, Inszenieren. Wobei uns heute besonders die Definition des Begriffs Inszenierung als methodologischer Ansatz dienen könnte: "Inszenierung als Schlüsselbegriff eines konstruktivistischen Weltverständnisses, demzufolge Wirklichkeit nicht vorfindlich existiert, sondern performativ hergestellt wird".

Anders gesagt: Mit Inszenierung wird etwas gemacht und künstlich arrangiert. Wir haben es also mit Re-Konstruktion von Geschichte, mit Re-Imaginieren von Geschichte zu tun, auch mit der Magie der Bilder, die Macht, sogar Gewalt auf den Zuschauer ausüben, handelnde Bilder mit hohem Affektpotential, mit Bildern, die sich tief in die Imagination und Erinnerung einschreiben und prägen. Dies illustriert eben Heidemarie Uhl (Wien) in ihren Vortrag, indem sie nach der Funktion von "visuellen Repräsentationen von KZ-Gedenkstätten", nach dem Sinn solcher Erinnerungsbedürfnisse fragt.

Kriege als Lehrprozesse?

Es soll auch die Frage gestellt werden, was eigentlich im kollektiven Imaginären immer wieder reaktiviert wird und wozu dieses Reaktivieren? Unter den Themen oder konkreten, prägenden "Fällen", die am meisten popularisiert und inszeniert werden, steht der Krieg an erster Stelle, mit seinen Ursachen und Folgen, wie etwa Antisemitismus, Vertreibung und Kolonisation.

In seinem Roman Die Stadt ohne Juden, Ein Roman von Übermorgen, inszeniert zum Beispiel 1922 der sog. "populäre" Schriftsteller Hugo Bettauer den Alltags-Antisemitismus in der Großstadt Wien zur Zeit der Ersten Republik, nach dem Motto "Was würde geschehen wenn..." Ich frage in meinem Tagungs-Beitrag nach dem heutigen Sinn und der Funktion dieser damals erfolgsreichen Satire, die einige Jahre später im Holocaust endete.

Können "Kriege als Lehrprozesse" betrachtet werden?, fragt ihrerseits Monique Mombert (Strasbourg) und analysiert den Versuch des Schriftstellers und Arztes Alfred Döblin, den Nürnberger Prozess zu popularisieren mit dem Einsatz von Ton, Bild und Schrift, und dem Glauben, er könnte auf seine Landsleute einwirken und sie aufklären . Neben dem Roman gehört der Dokumentarfilm "zweifelsohne zu den populärsten Formen der Inszenierung der leidvollen Vergangenheit", so Christian Jacques (Strasbourg) in seiner Behandlung der Thematik über Flucht und Vertreibung.

Zu viel Geschichte?

Die Tatsache ist, so Catherine Repussard (Strasbourg) in ihrem Vortrag über den heutigen Erfolg der "afrikanischen Romane" von Monika Czernin, dass die Literatur einen "illusorischen und virtuellen Charakter" besitzt, wo sich Vergangenheit und Gegenwart verwickeln, und so die Geschichten von einem Phantasieauslöser in Gang gesetzt werden und sich dann von selbst konstruieren.

Natürlich kann man sich fragen, ob es nicht ein "Zuviel" an Geschichte, an Inszenierung von historischen Themen, an populäre Aufbereitung gibt, so Birgit Kirchmayr (Linz) in ihrem Beitrag zur "öffentlichen Diskussion der zeitgeschichtlichen Projekte von Linz-Kulturstadt 2009". Aber hat Geschichte nicht tatsächlich auch eine integrative Funktion? Kann durch Aneignung der Vergangenheit, durch Schärfung des geschichtlichen Bewusstseins historische Identität gewonnen und vertieft und damit nationale Identität gestärkt werden?

Kein einfaches Abbild

Die vielen Inszenierungen der schillernden Figur der Marie Antoinette, und die Vielfalt der Deutungsangebote ihrer Geschichte, betrachtet zum Beispiel Christa Klein (Freiburg) nicht als einfaches "Abbild" der Vergangenheit, sondern vielmehr als Materialisierung zugleich von geschichtlichem Wissen und Diskursen um Geschlecht, Status und Nation.

Wie auch die Form dieser Popularisierung sich ausdrücken mag, sei es in Bild, Ton, Text oder Stein, sie kann zugleich auch "zivilgesellschaftliches Engagement" fördern, so Joanna White (Wien) in ihrem Beitrag über die "lokale Gedenkprojekte in Wien".

Wenn die meisten zitierten Beispiele der Vergangenheit angehören, sind sie auch ein lebendiger Teil der Gegenwart. Sie alle beweisen, wie sinnvoll es ist, historisches Wissen nicht nur in den öffentlichen Raum zu tragen, sondern auch mit der Öffentlichkeit zu diskutieren.

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