Standort: science.ORF.at / Meldung: "Eine Delikatesse im kargen Leben der Siedler "

Jemand hält eine frische Auster in der Hand.

Eine Delikatesse im kargen Leben der Siedler

Die Einwohner von Jamestown, der ersten dauerhaften britischen Siedlung in Amerika, hatten nicht viel zu lachen: Konflikte mit der indigenen Bevölkerung, eine unwirtliche Natur und eine Dürreperiode bestimmten um 1610 ihr Leben. Aber immerhin stand eine Delikatesse auf ihrem Speiseplan: Austern.

Austern 01.06.2010

Ohne sie hätten sie die schwierige erste Phase der Kolonialisierung Nordamerikas vermutlich nicht überlebt, berichtet eine Forscherteam um Juliana Harding vom Virginia Institute of Marine Science in einer aktuellen Studie.

Die Studie "Reconstructing Early 17th Century Estuarine Drought Conditions from Jamestown Oysters" erscheint in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (sobald online).

Kriege und ein bisschen Frieden

Als die ersten Siedler im Mai 1607 an den Ufern des James River im heutigen US-Bundesstaat Virginia landeten, konnten sie nicht wissen, dass ihr Überleben in wenigen Jahren maßgeblich von der ansässigen Austernpopulation abhängen würde. Sie hatten auch keine Ahnung, dass sie ausgerechnet zu Beginn der längsten Dürreperiode seit 800 Jahren an Land gingen.

Dass die indigene Bevölkerung etwas gegen die neuen Herren aus Großbritannien hatte, kam hingegen weniger überraschend. Die ersten Auseinandersetzungen mit den Algonkin noch im Monat der Ankunft mündeten später in zwei regelrechten Kriegen, den Powhatankriegen.

Einzig in der kurzen Periode von 1614 bis 1617, als die in der Nachwelt mit einem Disneyfilm geehrte Indianertochter Pocahontas mit dem britischen Siedler John Rolfe verheiratet war, herrschte Frieden.

Mangelnde Nahrung, mangelndes Frischwasser

Die Versorgungslage für die Kolonialisten war generell schwierig und speziell im Winter 1609/10 prekär. Fast die Hälfte starb in der "Starving time" mangels Nahrung und frischem Wasser.

Um die Lage in der nach dem britischen König Jamestown benannten Siedlung zu bessern, setzte man auf zwei Dinge, die nun - 400 Jahre später - in Bezug zueinander gesetzt wurden: zum einen auf die Errichtung von Brunnen, zum anderen auf die Ernährung mit Amerikanischen Austern, die - wie ihre lateinische Bezeichnung Crassostrea virginica schon verrät - an den Ufern der Gegend weit verbreitet waren und sind.

Untersuchung von Austernschalen

Aufgelassene Brunnen wurden von den Siedlern als Mistkübel verwendet, sie warfen darin allen möglichen Abfall - auch die Schalen der Austern. Die Inhalte von zwei Brunnen, die 2003 bzw. 2006 entdeckt worden waren, haben Juliana Harding und ihre Kollegen nun genauer untersucht.

"Die Daten zu Umwelt und Ökologie, die sich in den Schalen der Austern gebildet haben, bleiben über Jahrhunderte erhalten, und gewähren deshalb einzigartige Einblicke in die Bedingungen der ersten Jahre von Jamestown", schreiben sie in ihrer Studie.

Konkret haben sie die Zusammensetzung der Sauerstoffisotopen der Austernschalen analysiert und mit heutigen Exemplaren verglichen.

Salzigere Flüsse, mehr Austern

Schon frühere Studien mit Baumringen und Pollenanalysen haben das Ausmaß der Dürreperiode dieser Zeit gezeigt. Das geochemische Archiv der Austern brachte nun aber neue Einsichten über den Salzgehalt des James River, den Zeitpunkt, wann sie verspeist worden waren, und aus welcher Gegend sie stammten.

Wahrscheinlichster Zeitpunkt ist laut den Forschern zwischen Ende 1611 und Sommer 1612: Damals dürfte durch mangelnden Zufluss an frischem Wasser der Salzgehalt der Flüsse gestiegen sein. Das salzige Wasser wiederum hat das Wachstum von Austerriffen flussaufwärts von Jamestown begünstigt.

Was heute also auf den Tellern von Feinschmeckerlokalen landet, hat den ersten britischen Siedlern in Amerika das Überleben ermöglicht. Laut den Studienautoren könnte ihre Methode der Schalenuntersuchung auch für andere Fundstätten verwendet werden und neue Einsichten über die Besiedlung Amerikas liefern.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: