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Eine ausgestreckte Hand vom Handrücken aus betrachtet

Das Gehirn hat ein verzerrtes Körperbild

Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass wir ein mentales Bild unseres Körpers besitzen, das uns bei der räumlichen Wahrnehmung hilft. Eine Studie zeigt nun, dass diese innere Vorstellung verzerrt ist. Zumindest die Größe der Hände weicht stark von der Realität ab.

Neurowissenschaft 15.06.2010

Positionsbestimmung

Die Studie in den "Proceedings of the National Academy of Sciences": "An implicit body representation underlying human position sense" von M.R. Longo et al.

Um die Lage des eigenen Körpers im Raum sogar mit geschlossenen Augen wahrnehmen zu können, verarbeitet das Gehirn verschiedene sensorische Reize, die man über Muskeln oder Haut wahrnimmt.

Das reicht laut den Forschern um Matthew R. Longo vom University College London allerdings nicht aus, um die absolute Position zu bestimmen. Dafür brauche man außerdem Wissen über Größe und Form der einzelnen Körperteile sowie deren Verhältnis zueinander, denn kein einziges Signal liefert dem Gehirn direkte Informationen über diese metrischen Eigenschaften. Daher nimmt man an, dass Menschen zusätzlich ein gespeichertes Modell des Körpers besitzen.

Kurze Finger, dicke Hand

In ihrer aktuellen Studie haben die Wissenschaftler nun versucht, dieses Körperschema am Beispiel der Hand empirisch zu erfassen. Die 18 Teilnehmer der experimentellen Untersuchung mussten ihre linke Hand unter ein Brett legen. Mit einem Stab sollten sie nun auf jene Stellen der Abdeckung zeigen, wo sie ihre Knöcheln und Fingerspitzen vermuteten, insgesamt auf zehn Positionen. Das Ganze wurde mit einer Kamera aufgezeichnet.

Anhand der geschätzten Positionen modellierten die Forscher die Größe und Form der vorgestellten Hand, welche sie mit den echten Maßen verglichen. Die Abweichung war laut den Autoren beträchtlich: Die Länge der "mentalen" Hand war im Schnitt um ein Drittel kürzer, wobei die Finger vom Daumen bis zum kleinen Finger in der Vorstellung immer kürzer werden. Bei der Vorstellung der Breite der Hand verhält es sich genau umgekehrt. Sie wird um ganze zwei Drittel überschätzt.

Ein Folgeexperiment mit geänderter Handhaltung kam zum selben Ergebnis. Auch bei einer Wiederholung mit der rechten Hand zeigte sich bei allen Teilnehmern das gleiche Muster, und wie bei der linken nahm die Unterschätzung vom Daumen bis zum kleinen Finger zu.

Abbild der Wahrnehmung im Gehirn

Grafik des Penfieldschen Homunculus

Wikipedia, Urheber: ralf@ark.in-berlin.de,Quelle: Love, R. J. & W. G. Webb: Neurology for the Speech-Language Pathologist. Butterworth-Heinemann. 1992. p. 19.

Penfield'scher Homunculus

Laut den Forschern scheint das mentale Modell den Penfield'schen Homunculus widerzuspiegeln. Dieser zeichnet symbolisch alle Körperteile oder -regionen auf der Großhirnrinde anhand ihrer Empfindsamkeit nach. Dabei nimmt etwa der Daumen einen bei weitem größeren Bereich als alle restlichen Fingern ein, weil er einfach deutlich mehr spürt.

Möglicherweise stehe das innere Körperbild in gewisser Weise also doch in Zusammenhang mit taktilen Reizen und stelle nicht nur ein abstraktes Modell dar. Das könnte erklären, warum der Daumen in der mentalen Einschätzung länger ist als die anderen Finger.

Bewusstes vs. unbewusstes Bild

"Natürlich wissen wir, wie unsere wirklich Hand aussieht", so Longo. Das zeigte auch ein weiterer Test mit den Teilnehmern: Dabei gelang es ihnen problemlos, die eigene Hand aus einer Anzahl von zum Teil verzerrten Fotos herauszufinden. Laut Longo legt das nahe, dass wir zwar einerseits ein klares und bewusstes Bild unseres Körpers haben. Dieses werde aber offenbar nicht bei der räumlichen Wahrnehmung verwendet.

"Die Ergebnisse könnten auch für psychische Erkrankungen relevant sein, bei welchen das eigene Körperbild gestört ist", spekuliert Longo. So wisse man etwa von Magersüchtigen, dass sie sich selbst dicker sehen als sie sind. Möglicherweise kann unser verzerrtes räumliches Körperbild unter bestimmten Umständen dominant werden.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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