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Ein blauer Spielstein steht inmitten vieler roter.

Mixophobie: Die Angst vor der Vermischung

Die Angst vor der Vermischung ist uns so wie die Angst vor Fremden gewissermaßen in die Wiege gelegt, sagt ein Linzer Sozialpsychologe. Als zivilisierte Wesen hätten wir aber die Möglichkeit, dieser kognitiven Neigung mit unserer Kultur beizukommen.

Sozialpsychologie 21.06.2010

Welche psychischen Mechanismen der Angst vor der Vermischung zugrunde liegen, ist eines von Wolfgang Wagners zentralen Forschungsinteressen. Gegenüber science.ORF.at erklärt der Sozialpsychologe von der Linzer Johannes-Kepler-Universität, welche Rolle der Begriff der Essenz dabei spielt, was Mixophobie bedeutet und was man dagegen tun kann.

science.ORF.at: Sie beschäftigen sich mit der Angst vor der Vermischung, sie nennen das auch Mixophobie oder Synkrasiphobie. Dabei spielt der Begriff der Essenz eine wesentliche Rolle. Was versteht man darunter?

Wolfgang Wagner: Weist man Dingen einen Gruppennamen zu, werden alle Dinge, die innerhalb dieser Kategorie liegen, als ähnlicher erlebt als jene, die dazwischen liegen oder anderen Kategorien angehören. Diesen Effekt nennt man in der Psychologie Assimilations-Kontrasteffekt (Ähnliches wird eingeordnet, Unterschiedliches ausgegrenzt, Anm.).

Wolfgang Wagner

Wolfgang Wagner

Wolfgang Wagner hat Psychologie und Philosophie an der Universität Wien studiert. Derzeit ist er Professor an der Abteilung Sozial- und Wirtschaftspsychologie der Linzer Kepler-Universität. Er beschäftigt sich unter anderem mit kollektiven sozialen Prozessen, sozialer Identität und Stereotypen.

Dieser bezieht sich auf Belebtes und Unbelebtes. Bei Lebewesen kommt noch etwas dazu, die sogenannte Essenz. Diese hat im Lauf der Geschichte verschiedene Namen angenommen. Früher war es das gemeinsame "Blut", heute spricht man von genetischer Ähnlichkeit. Der Wahrnehmende projiziert dabei eine grundlegende Substanz auf alle Lebewesen einer Gruppe. Diese bestimmt deren gruppenspezifisches Aussehen und Verhalten.

Meinen sie damit die "natürliche Arten" oder "natural kinds", wie sie in ihren Arbeiten genannt werden?

Ja, das ist ein philosophischer Ausdruck natürlich gruppierter Dinge. Sie werden bestimmt durch ihre Essenz, eine darunterliegende imaginäre Substanz. Dadurch werden die Mitglieder jeder "Art" als gleich erlebt. Aus Experimenten mit Kindern wissen wir, dass auch Veränderungen des Aussehens von Tieren kein Grund sind, deren Artzugehörigkeit zu beweifeln. Das gilt auch für kulturelle Gruppen.

Die Essenz klingt wie ein pseudobiologisches Substrat, ist sie dadurch per se schon stärker als kulturelle oder soziale Kategorien?

Ja, wenn man einer Kategorie Essenz zuschreibt, wird sie sozusagen naturalisiert oder "vernatürlicht". Unterschiede werden folglich ebenfalls als natürlich erlebt. Soziale oder kulturelle Gruppierungen werden dadurch als stärker unterschiedlich erlebt, als sie es biologisch gesehen eigentlich wären.

Passiert das vor allem bei Ethnien?

Das passiert bei allen Gruppen, deren Mitglieder in irgendeiner Weise durch äußerlich erkennbare Merkmale als unterschiedlich erlebt werden, das kann z.B. Sprache sein. Diese Merkmale dienen als Hinweise darauf, dass es sich um natürlich unterscheidbare Gruppen handelt.

Sie beschäftigen sich ja vor allem mit der Angst vor der Vermischung. Fängt Fremdenfeindlichkeit nicht schon viel früher an, wenn man etwa Fremde aufgrund ihrer Andersartigkeit ablehnt? Ist die Angst vor der Vermischung nicht einfach der Gipfel der Angst vor dem Fremden?

Die "normale" Xenophobie besteht ja letztlich darin, dass man biologisch oder kulturell unterschiedlich erscheinende Gruppen negativ bewertet. Bei der Vermischung von sozialen und ethnischen Gruppen ist es etwas anders: Abkömmlinge von "kulturell reinen Eltern" werden positiver wahrgenommen als vermischte. Aber es widerspricht in gewisser Weise der traditionellen Rassismusforschung. Diese würde voraussetzen, dass Rassisten jeden, der einer fremden Gruppe angehört, negativ wahrnehmen - also auch "reine" kulturell fremde Kinder. In unseren Untersuchungen haben wir etwas anderes gefunden: Nur die gemischten werden abgewertet.

Wie erklären sie sich das?

Psychologischer Essenzialismus heißt, dass Essenzen eine Ausschließlichkeit besitzen und nicht mischbar sind. Offenbar kollabiert bei einer Vermischung in der Wahrnehmung die Essenz, die dem Abkömmling mitgegeben wird. Dadurch hat dieser keine eigene Identität und sitzt irgendwo zwischen den ethnischen Kategorien. Das zeigten auch unsere Experimente, wo wir Kreuzungen verschiedener Tiere bewerten ließen.

Sie haben ja auch Experimente zur Ablehnung von Gentechnik gemacht? Wo ist die Parallele?

Die Gentechnik machte es möglich, Gene unterschiedlicher Arten zu "mischen". Die Einstellung der Bevölkerung dazu ist bekanntermaßen sehr negativ, nicht nur in Österreich. Das liegt nicht nur am vermuteten Risiko. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass die Angst ebenso eine Folge der Angst vor der Vermischung ist. D. h., dass gemischte Essenzen von Lebewesen als bedrohlich erlebt werden, als nicht kategorisierbar oder "monströs".

Lässt sich der Essenzbegriff beim Menschen nur auf ethnische oder auch auf andere soziale Gruppen anwenden? Die Angst vor der Vermischung existiert ja auch in anderen sozialen Kategorien, wie etwa beim Adel.

Doch, das ist etwas ganz Ähnliches. Der Adel z.B. hatte immer schon das Interesse, seine "Besonderheit" zu rechtfertigen. Er projizierte eine gottgegebene Essenz, das "blaue Blut", wie es in vielen Sprachen genannt wird, auf die eigene Gruppe. Diese machte sie besonders. Soziale Regeln müssen eingehalten werden, damit keine Vermischung mit Nichtadeligen stattfinden kann. Das reicht von Heiratsvorschriften bis zum Ausschluss bei Missachtung - ein eindeutiger Fall von Essenzpolitik.

Gibt es noch andere Beispiele?

Ein anderes Beispiel wäre die klassische feministische Bewegung. Sie versuchte, die in der Alltagswahrnehmung als "natürlich" erlebte Unterschiedlichkeit zwischen Männern und Frauen als sozial konstruiert zu definieren. Auch das ist Essenzpolitik mit umgekehrten Vorzeichen. Sie will die Essenz dekonstruieren, Verschiedenes gleichmachen.

Auch in der Geschichte der Homosexuellenbewegung findet man ein Beispiel. Teile der Bewegung versuchen, ihrer sexuellen Neigung eine natürliche Ursache, eine "Essenz" zuzuschreiben. Sie begrüßten jeden Unterschied, der von Physiologen gefunden wird, z.B. in der Gehirnstruktur oder dem Hormonhaushalt. Vermutlich hoffte man so, einen anderen Zugang zu sozialer Wertschätzung zu erhalten.

Es ist auffällig, dass die Abgrenzung ethnischer Gruppen offensichtlich in beide Richtungen geht, wie etwa bei manchen Migrantengruppen in Österreich, wenn man z.B. die Heiratspolitik türkischstämmiger Menschen betrachtet.

In Grunde hat jede Gruppe die Tendenz der Endogamie, die die "Reinheit" bewahren soll. Das betrifft natürlich auch Teile der Immigranten. Es gibt aber einen Unterschied, der mit der unterschiedlichen Neigung zur Essenzialisierung je nach politischer Orientierung zu tun hat. Am stärksten ausgeprägt ist sie bei politisch rechts gerichteten Probanden. Bei ihnen ist die "Reinheit" der Kinder zentral, was auch eine Analyse deutscher Neonaziseiten - als Extrembeispiel - zeigte.

Einerseits ist also diese Tendenz bei Rechten besonders ausgeprägt, andererseits haben sie zu Beginn erklärt, dass bereits Kinder sie besitzen? Handelt es sich nun um etwas Universelles, um einen kognitiven Mechanismus oder um soziale Prägungen?

Wir gehen davon aus, dass es eine kognitive Heuristik - also eine Denkabkürzung - ist, die uns hilft, schnelle Urteile zu fällen. Kinder haben natürlich eine besonders starke Neigung zu solchen Heuristiken. Diese besteht darin, Fremde abzulehnen und nur Bekannte zu begrüßen. Unter vielen Anführungsstrichen könnte man sagen, dass Kinder die größten Xenophoben sind. Aber es ist eine kulturelle Leistung, die Heranwachsenden dazu zu bringen, dieses Denken zu relativieren oder aufzugeben. Gelingt das nicht, entsteht potenziell Rassismus beim Erwachsenen.

Das heißt, man kann dem Phänomen nur mit kulturellen/ politischen Mitteln oder Erziehungsmethoden begegnen?

Einerseits ist es eine durchaus vernünftige, von der Natur vorgegebene Verhaltensweise von Kinder. Ein anderer Mechanismus, den die Natur sozusagen erfunden hat, ist das sogenannte Kindchenschema. Lebewesen, die diesem entsprechen - also mit großem Kopf und gedrungenem Körper - werden als liebenswert und hilfsbedürftig gesehen. Vor vielen hunderttausend Jahren haben beide Strategien den Menschenkindern geholfen, in einer feindlichen Umwelt zu überleben. Beide sind mit der Zivilisation nicht einfach verschwunden, sondern bis heute angelegt.

Wird die Tendenz heute nicht oft sogar verstärkt?
Das Schema zu durchbrechen, ist eine kulturelle Aufgabe. Wenn es aber einschlägige politische Interessen gibt, wird diese zivilisatorische Sozialisierung natürlich unterbrochen.

Wie eine ihrer Studien gezeigt hat, neigen dagegen politisch links orientierte Menschen zur Überkompensation. Sie bewerten Mischlingskinder besonders positiv auch im Vergleich zu den "reinen". Haben sie dafür eine Erklärung?

Das hat uns selbst sehr überrascht. Wir versuchen in weiteren Arbeiten, die Ursachen zu finden. Offensichtlich kompensieren sie den Effekt durch eine Überbewertung, d.h. einer positiven Diskriminierung. Ob das bewusst gedacht wird, können wir noch nicht sagen.

Wird nicht generell die Einwanderungspolitik in vielen Ländern essenzialistisch betrieben?

Ja, da werden häufig Unterschiede konstruiert, die biologisch so nicht da sind; mit Ausnahme der USA vielleicht, die ja alle Kinder, die auf ihrem Boden geboren wurden, automatisch zu Staatsbürgern macht.

Dass es Rassismus gibt und es dabei oft um ideologische Gruppenhaltungen ohne rationale Grundlagen geht, beschäftigt Sozialwissenschaftler und Psychologen schon lange. Was kann ihr Ansatz zusätzlich erklären? Oder liefert er Ideen für neue Gegenstrategien?

Wir wissen etwa, dass ein guter Teil unseres essenzialistischen Denkens in unserem Sprachgebrauch verankert ist. Da ist die deutsche Sprache z.B. gegenüber der englischen etwas benachteiligt. Wenn man im Englischen von einer Gruppe spricht, sagt man etwa "the group, they walk", im Deutschen sagt man aber "Die Gruppe geht". Dadurch werden die Einheit der Gruppe und die Ähnlichkeit der Mitglieder schon prinzipiell betont; was natürlich nicht heißt, dass es die Tendenzen nicht auch in englischsprachigen Ländern gibt.

Außerdem sollte man schon in der Volkschule lernen, dass soziale und ethnische Kategorien sehr weich sind und keinerlei biologische Grundlagen haben. Man sollte öfter über die Mitglieder einer Gruppe sprechen, nicht immer pauschal über die Gruppe. Studien haben gezeigt, dass in längeren Gesprächen über soziale Gruppen die Essenzialisierungstendenz steigt, da die Gruppeneinheit gegenüber den Einzelnen betont, interne Unterschiede aber vernachlässigt werden.

Europa ist genetisch hoch durchmischt. Eigentlich hat dieses Denken in angeblich ethnischen Gruppen gerade hier keinen biologisch begründbaren Platz.

Ja, leider finden sich immer wieder Politiker, die kognitive Tendenzen bei uns Alltagsmenschen ausgraben, die eigentlich kulturell in Schach gehalten werden müssten. Darauf beruhen sämtliche nationalistischen und xenophoben Strömungen.

Es müsste zum Tabu werden, dass Menschen immer mit ihrem Kategorienamen angesprochen werden, oder zumindest sollten wir betonen, dass sich die Menschen innerhalb unserer eigenen Gruppe oft mehr unterscheiden als von Angehörigen anderer Gruppen.

Interview: Eva Obermüller, science.ORF.at

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