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Historisches Radio

Hitlers Dschihad über den Äther

Antijüdische Ressentiments von Arabern gab es schon lange vor der Staatsgründung Israels 1948. In der panarabischen Bewegung herrschten große Sympathien für den Nationalsozialismus. Diese Sympathien wurden von den Nazis für ihre Zwecke ausgenutzt und verstärkt. Wichtigstes Mittel dafür waren Rundfunksendungen.

Zeitgeschichte 18.06.2010

Der Historiker Jeffrey Herf von der Universität von Maryland hat als erster die Protokolle dieser Sendungen ausgewertet und dazu diese Woche einen Vortrag am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien gehalten.

"Vernichtet die Juden, ehe sie euch vernichten"

Porträtfoto des Historikers Jeffrey Herf

IFK

Jeffrey Herf ist Professor für Moderne Europäische Geschichte an der Universität von Maryland und derzeit Gast des Direktors am IFK . Sein Buch "Nazi Propaganda for the Arab World" ist im Verlag Yale University Press erschienen. In den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" hat er heuer den Artikel "Hitlers Dschihad. Nationalsozialistische Rundfunkpropaganda für Nordafrika und den Nahen Osten" publiziert.

"Tötet die Juden, die Euer Vermögen an sich gerissen haben und einen Anschlag auf Eure Sicherheit planen. Araber Syriens, des Irak und Palästinas, worauf wartet ihr? Die Juden haben vor, Eure Frauen zu schänden, Eure Kinder umzubringen und Euch zu vernichten. Nach der muslimischen Religion ist die Verteidigung Eures Lebens eine Pflicht, die nur durch die Vernichtung der Juden erfüllt werden kann. ... Tötet die Juden, vernichtet diese niederträchtigen Helfer des britischen Imperialismus. Eure einzige Hoffnung auf Rettung ist die Vernichtung der Juden, ehe sie euch vernichten."

Diese Zeilen waren am 7. Juli 1942 über den Radiosender "Die Stimme des freien Arabertums" zu hören. Ausgestrahlt wurde die Sendung in Berlin, produziert vom Orientreferat für Propaganda und Strategie des Auswärtigen Amtes, empfangen via Kurzwelle in Nordafrika und im Nahen Osten. Experten schätzen, dass es damals rund 90.000 Empfangsgeräte in der Region gegeben hat.

Schlüsseltext Koran

Über 60 Jahre lang waren die Inhalte der Sendungen unbekannt, in den deutschen Archiven sind keine verwertbaren Aufnahmen mehr zu finden. 2007 hat der Historiker Jeffrey Herf aber schriftliche Versionen der Radiosendungen im Nationalarchiv der USA in Maryland entdeckt. Die
US-Botschaft in Kairo hatte diese Transkriptionen unter dem Botschafter Alexander Kirk zwischen 1941 und 1945 verfasst.

Aufnahme vom 23. Oktober 1943 in Kairo: US-Botschafter Alexander Kirk (links, stehend), vorne US-Präsident Franklin Roosevelt und der britische Premier Winston Churchill.

Jeffrey Herf

Aufnahme vom 23. Oktober 1943 in Kairo: US-Botschafter Alexander Kirk (links, stehend), vorne US-Präsident Franklin Roosevelt und der britische Premier Winston Churchill.

Für Jeffrey Herf handelt es sich dabei um einen historischen Schatz, dessen Auswertung eine Reihe von Ergebnissen brachte. Die Rundfunksendungen zeigen eine Vermischung von "säkularem Antiimperialismus und religiös begründetem Judenhass". Der Schlüsseltext dafür war nicht Hitlers "Mein Kampf" und auch nicht das berühmt-berüchtigte Protokoll der Weisen von Zion, sondern der Koran.

"Wie die Bibel oder die Thora kann man auch den Koran auf unterschiedliche Art lesen. In der Nazipropaganda im arabischen Raum wurde er als rein antisemitischer Text gelesen. Koranzitate wurden benutzt, um dem Judenhass der Nazis eine religiöse Begründung zu geben", so Jeffrey Herf.

Holocaust auf Nahen Osten ausdehnen

Die Araber waren im Propagandakrieg der Deutschen aber keine passiven Marionetten. Einige kämpften auf Seiten der Amerikaner und Briten gegen die Nazis, andere aber kollaborierten mit ihnen und waren von ihrem Judenhass angetan. Einer davon war der Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der ab 1941 in Berlin im Exil lebte und von dort seine Ansprachen im Nazi-Rundfunk hielt.

Mohammed Amin al-Husseini und Adolf Hitler

Jeffrey Herf

Mohammed Amin al-Husseini und Adolf Hitler

Adolf Hitler, der ihm Unterschlupf bot, versprach ihm im November 1941, dass er die "Endlösung der Judenfrage" auf den Nahen Osten und Nordafrika übertragen würden, sobald Deutschland an der Ostfront gesiegt hätte. Dass der Holocaust nicht auch hier geschehen ist, hat somit einzig mit den Niederlagen der Deutschen in Osten und im ägyptischen El-Alamein 1942 zu tun.

Die Vorbereitungen für den Völkermord waren aber schon getroffen, nicht zuletzt über den Äther."Die Rundfunksendungen in den Nahen Osten sind ein Beispiel rassistischer Volksverhetzung. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde Rundfunk eingesetzt, um Völkermord oder versuchten Völkermord zu propagieren", sagt Jeffrey Herf.

Ö1 Hinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Ö1 Dimensionen Magazin am Freitag, 18. Juni, 19.06 Uhr in Radio Österreich 1.
Mehr dazu in oe1.ORF.at

Keine Anklage nach dem Zweiten Weltkrieg

Während die Nomenklatur des Nationalsozialismus in Europa nach der Kapitulation auf die Anklagebank gekommen ist, blieben ihre arabischen Kollaborateure oft unbehelligt. Auch al-Husseini, der die verhetzenden Reden im Radio gehalten hat. Da er in Bosnien auch eine SS-Division organisiert hat, wollte ihn Titos Jugoslawien in den ersten Nachkriegsmonaten vor Gericht bringen.

Dass es dazu nicht gekommen ist, hat laut Herf mit zwei Dingen zu tun: Zum einen war das Öl des Nahen Osten schon damals ein Argument, das wichtiger war als Gerechtigkeit. Zum anderen galt Husseini laut einem Bericht der amerikanischen Nachrichtendienste vielen als antikolonialistischer Freiheitskämpfer und nicht als Kriegsverbrecher. "Deshalb sind die Amerikaner zu dem Schluss gekommen, ihn nicht in Nürnberg vor Gericht zu stellen", so Herf.

Meinung nicht geändert

Husseini wurde nach seiner Rückkehr wieder Führer der nationalen palästinensischen Bewegung. "Er war ein Nazi-Kollaborateur, der seine Meinungen über die Juden nach dem Krieg nicht verändert hat. Das ist ein großer Unterschied zwischen den Exnazis im Nahen Osten und den Exnazis in Europa", meint Jeffrey Herf.

Welchen Einfluss der Mufti auf die Generationen nach ihm gehabt hat, könnte eine Rezeptionsgeschichte zeigen, die es aber noch zu schreiben gilt. Analysiert werden müssten dabei Quellen im arabischen Raum, etwa die Azhar-Universität in Kairo oder Archive des ägyptischen Innenministeriums. "Da wäre viel zu tun für jüngere Historiker", so Herf.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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