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Taufliege Drosophila.

Drosophilas Tage sind gezählt

Die Taufliege Drosophila melanogaster ist vermutlich die prominenteste Tierart der Welt: Wenn es nach dem Willen der Taxonomen geht, wird der beliebte Modellorganismus bald anders heißen.

Biologie 23.06.2010

Ordnung durch neue Namen

Einst war die Namensgebung von Lebewesen eine äußerst chaotische Angelegenheit. Tiere und Pflanzen wurden nach Essbarkeit, Giftigkeit oder anderen willkürlichen Nützlichkeitskriterien geordnet, ihre Namen waren in jedem Land andere. Schluss mit diesem terminologischen Tohuwabohu machte erst Carl von Linné im 18. Jahrhundert. Der schwedische Naturforscher führte die "binäre Nomenklatur" ein, Arten werden seitdem durch offizielle, international gültige Doppelnamen bezeichnet.

Also etwa: Drosophila melanogaster - der erste Name bezeichnet die Gattung, der zweite spezifiziert die Art. Impliziter Auftrag der Linné'schen Reform war auch, alle taxonomischen Kategorien so zu wählen, dass sie die realen Verwandtschaftsverhältnisse in der Natur abbilden. Stellt man sich die Evolution als Stammbaum vor, dann sollten die Gefäße "Art", "Gattung", "Familie" usw. idealerweise den Wuchs des Baumes im Querschnitt abbilden.

"Sophophora melanogaster"

Dieser naturalistische Anspruch scheint nun der Gattung Drosophila zum Verhängnis zu werden. Denn sie ist, so erzählen Taxonomen, ein recht wildes Sammelsurium von Fliegen, die nur bedingt miteinander verwandt sind. Um die Situation zu klären, müsste die Gattung zerschlagen und neu geordnet werden.

Konsequenz dieser Reform wären allerlei Neubenennungen, von denen auch die prominente Taufliege Drosophila melanogaster nicht verschont bliebe. Sie soll in Zukunft Sophophora melanogaster heißen. Dass dieser Schritt tatsächlich passieren wird, ist nach Ansicht der niederländischen Biologin Kim van der Linde nicht unwahrscheinlich.

Wie sie im britischen Magazin "New Scientist" schreibt, hat die Internationale Kommission für Zoologische Nomenklatur kürzlich eine Petition zur Bewahrung des ursprünglichen Namens abgelehnt.

Ob die Reform auch große Konsequenzen für die Praxis haben wird, ist dennoch zweifelhaft. Denn eines hat die Taxonomie mit der Gesetzgebung gemeinsam: Eine Regel ist nur so insofern wirklich, als sie auch umgesetzt wird. So wurde vor einiger Zeit die Mücke Aedes aegypti, wie Drosophila ein beliebtes Labortier, in Stegomyia aegypti umbenannt. Abseits taxonomischer Zirkel heißt sie aber noch immer: Aedes aegypti.

Robert Czepel, science.ORF.at

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