Standort: science.ORF.at / Meldung: "Hartes macht uns hart, Weiches sanft"

Eine Frau liegt auf einem weichen Kissen

Hartes macht uns hart, Weiches sanft

Wer hart sitzt, verhandelt auch hart: Physische Eindrücke, wie sie z. B. ein harter Sessel hinterlässt, prägen unser Denken und unser Verhalten. Der bloße Kontakt mit Hartem oder Weichem, Schwerem oder Leichtem beeinflusst laut Forschern unsere Urteile und Entscheidungen - in Richtung des übertragenen Sinns.

Kognition 24.06.2010

Am Anfang war der Tastsinn

Zu Beginn des Lebens nehmen wir die Welt in erster Linie über Berührungen wahr. Der Tastsinn steht also im Mittelpunkt unserer ersten Erfahrungen. Taktile Sinneseindrücke bleiben auch später zentral, vor allem für unser Gefühlsleben. Laut den Forschern um J.M. Ackerman vom Massachusetts Institute of Technology könnten sie jedoch auch bei abstrakten Denkvorgängen eine größere Rolle spielen, als man vermutet. Die Idee dahinter: Sensomotorische Erfahrungen bilden das Gerüst für unser konzeptuelles und metaphorisches Wissen.

Man weiß etwa, dass Menschen beim Einkaufen die Waren gern angreifen. Sie können sich so aus subjektiver Sicht ein besseres Bild davon machen; selbst dann, wenn die Verpackung eigentlich nichts mit dem Inhalt zu tun hat. Das zeigt, dass haptische Informationen einen großen Einfluss auf unser Denken haben, auch wenn man sich dessen in der Regel nicht bewusst ist.

Metaphorische Weltsicht

Zahlreiche sprachliche Metaphern verweisen auf Zusammenhänge zwischen physischen Eindrücken und psychischen Eigenschaften: Menschen können z.B. "hartherzig" sein oder eine "raue Schale", aber "weichen Kern" besitzen. Unser Verständnis der Welt ist offensichtlich von sensorischen Erfahrungen geprägt.

Die Studie in "Science": "Incidental Haptic Sensations Influence Social Judgements and Decisions" von J.M. Ackerman et al.

Für ihre aktuelle Studie haben die Forscher nun drei verschiedene haptische Eigenschaften untersucht, die häufig metaphorisch verwendet werden: Das Gewicht, die Oberflächenstruktur und die Härte. In einer Reihe von Experimenten wollten sie herausfinden, ob diese Urteile und Entscheidungen unbewusst beeinflussen - auch dann, wenn es um Dinge, Situationen oder Menschen geht, die per se nichts mit der wahrgenommenen Eigenschaft zu tun haben. Das heißt, diese Qualitäten allein könnten assoziierte kognitive Konzepte aktivieren.

Schweres ist schwerwiegend

In den ersten Anordnungen ging es um Gewicht, das sprachlich für Ernsthaftigkeit oder für Bedeutung steht, so können z.B. Vorwürfe "schwerwiegend" sein. 54 Probanden mussten dabei einen Job-Bewerber beurteilen. Dessen zusammengefasstes Profil waren entweder auf einem schweren oder einem leichten Klemmbrett befestigt.

Die Versuchspersonen mit den schweren Unterlagen schätzten den Kandidaten generell besser ein. Sie meinten, er interessiere sich ernsthafter für die Position, nur in Bezug auf seine sozialen Kompetenzen wurde er nicht besser bewertet. Das spricht dafür, dass die Metapher der "Schwere" nur mit bestimmten Eigenschaften in Zusammenhang gebracht wird. Auch der Genauigkeit ihrer eigenen Entscheidung maßen die Probanden mit den schweren Klemmbrettern mehr "Gewicht" bei.

Grob und unkoordiniert

Die nächste Testphase war dem Gegensatz "rau" und "weich" gewidmet. 64 Versuchspersonen mussten einen Text lesen, der eine zweideutige soziale Situation beschreibt. Zuvor hatten sie ein Puzzle aus fünf Teilen zusammengesetzt. Die Oberfläche bestand entweder aus rauem Sandpapier oder war glatt.

Am Ende sollten sie ihre Eindrücke des Gelesenen wiedergeben. Die Gruppe mit der rauen Oberfläche schätzte den Forschern zufolge die Interaktion in der Situation als eher harsch und unkoordiniert ein.

Hart und streng, aber auch standfest

Die letzten Versuche beschäftigten sich mit dem Konzept der "Härte", gemeinhin wird sie assoziiert mit Strenge und Stabilität. 49 Personen mussten entweder ein Stück Stoff oder ein Stück Holz in die Hand nehmen. Danach mussten die Probanden eine soziale Interaktion zwischen einem Vorgesetzten und seinen Angestellten bewerten. Jene, die das Stück Holz berührt hatten, stuften den Chef weitaus strenger ein als die andere Gruppe.

Zum Abschluss untersuchten die Forscher noch, ob auch passive Berührungen dieselbe Wirkung haben. Dafür mussten sich 86 Versuchspersonen auf einen Stuhl setzen. Dieser war entweder aus Holz oder weich gepolstert. Zuerst mussten sie eine ähnliche Situation wie im vorhergehenden Test bewerten. Auch hier wurde der Vorgesetzte strenger eingeschätzt, wenn ein Proband auf einem harten Stuhl gesessen hatte.

In einem weiteren Versuch wurde ihre Art zu verhandeln verglichen. Sie konnten einem Autoverkäufer zwei Angebote machen. Bei jenen, die hart gesessen waren, unterschieden sich die beiden Offerte kaum. Die unbewusst wahrgenommene Strenge hatte laut den Forschern offenbar Einfluss auf den Verhandlungsspielraum, das heißt: Wer hart sitzt, verhandelt auch hart. Gerade dieser Begriff zeige, dass solche Zuschreibungen gleichzeitig positiv und negativ sein können, also in diesem Fall streng, aber auch standfest.

Die Ergebnisse belegen laut den Forschern, dass unser Gehirn körperliche Erfahrungen gewissermaßen wiederverwertet. Das habe auch praktische Implikationen: "Wie die haptische Umgebung gestaltet ist, kann etwa für Verhandler oder Arbeitssuchende entscheidend sein", so die Autoren. "Taktile Taktik" eröffne ein völlig neues Gebiet sozialer Kommunikation.

Eva Obermüller, science.ORF.at

Mehr zum Thema: