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Allegorie für die Terreur in der Französischen Revolution

Wenn der Staat seinen Kopf verliert

Der Staat lässt sich auch als politischer Körper vorstellen. Wie der menschliche kann dieser Staatskörper unterschiedlich gesund sein. Besonders in Zeiten von Revolutionen steigt sein "Fieber", und dann kann es schon einmal vorkommen, dass ihm der Kopf abgeschlagen wird.

Kulturwissenschaft 28.06.2010

Das ist z.B. in der Französischen Revolution geschehen, deren Temperatur man auch mit einem "Guillotinenthermometer" messen kann. Genau das habe Georg Büchner in seinem Drama "Danton's Tod" gemacht, schreibt die Germanistin Elisabeth Prinz in einem Gastbeitrag.

Denkfiguren des politischen Körpers

Von Elisabeth Prinz

Über die Autorin

Porträtfoto der Germanistin Elisabeth Prinz

IFK

Elisabeth Prinz studierte Germanistik, Europäische Ethnologie, Philosophie und Geschichte in Wien und Konstanz. Sie ist Dissertantin am Institut für Germanistik der Universität Wien und derzeit IFK_Junior Fellow.

Als Ludwig XVI. am 21. Jänner 1793 öffentlich hingerichtet wird, ist die Monarchie in Frankreich bereits seit vier Monaten abgeschafft. Der Akt der Enthauptung des Königs ist aber für die junge Republik von enormer Bedeutung.

Denn der König hat zwei Körper: einen natürlichen und einen politischen. Der erste Körper ist gleich wie jeder andere menschliche Organismus sterblich. Der zweite Körper besteht aus den politischen Organen des Staates, den der König lenkt. Er ist unsterblich, solange die Monarchie besteht.

Das Ziel der Französischen Revolution lag nun darin, die absolutistische Ordnung dieses politischen Körpers zu verändern. Noch 1789 war das Modell der konstitutionellen Monarchie in Kraft, sie endete aber nach der Absetzung und Enthauptung des Königs.

Mit der oben genannten Denkfigur, die Ernst Kantorowicz untersucht hat, lässt sich dieses Ereignis als ein zweifaches lesen: Der Kopf des Königs wurde nicht nur vom natürlichen, sondern auch vom politischen Körper getrennt.

Revolution als Krise

Vortrag zum Thema in Wien

Am 28.6.10 hält Elisabeth Prinz einen Vortrag mit dem Titel "'Der Guillotinenthermometer darf nicht fallen'. Georg Büchners Operation mit Denkfiguren des politischen Körpers".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
Zeit: 18 Uhr c.t.

In der politischen Theorie gerät die Denkfigur des Körpers mit dem Einbruch der Revolution in eine Krise, die oftmals als Fieberkrise gedacht wird. Auch die Literatur des 19. Jahrhunderts nimmt diese Umformung der Denkfigur auf.

Georg Büchner schreibt 1835 das Drama "Danton's Tod" über die Französische Revolution, um sich genau mit dieser Krise des politischen Körpers zu beschäftigen. Er greift dabei auf Geschichtswerke zurück und durchkämmt sie nach Bildern und Denkfiguren des politischen Körpers der noch jungen Republik.

Allegorien der Republik

Allegorie für die befreite Republik: 
Die Freiheit. Radierung um 1793.

Elisabeth Prinz

Allegorie für die befreite Republik: Die Freiheit. Radierung um 1793.

Von Beginn an gehören Allegorien (Personifikationen) zum festen Bestandteil des Bildrepertoires der Republik. Dargestellt werden vor allem politische Einheiten wie Nation, Volk oder Republik.

Seit 1792 schmückt die "Freiheit" das Siegel der Republik, dargestellt als junge Frau im römischen Gewand mit einer phrygischen Mütze auf der Spitze ihrer Lanze. Sie verschmilzt im Lauf des Jahrzehnts mit der "Marianne" als Allegorie der französischen Nation.

Doch bewegt sich die Symbolik nach wie vor im Rahmen konventioneller Geschlechterbilder: Beschützt wird die schöne und meist zierliche "Liberté" durch Herkules, der als Allegorie für das französische Volk mit einer riesigen Keule in seiner Hand posiert.

Verführerische "Marianne"

Die junge Republik zeichnet sich vor allem während der Terreur (Schreckensherrschaft) der Jakobiner durch eine ausgeprägte Festkultur aus. Lebende weibliche Allegorien in eng anliegenden und teils durchsichtigen Gewändern sind wesentliche Bestandteile dieser Theaterkulissen.

"Man brauchte nur eine Nadel von ihrer Kostümierung zu entfernen, um daraus eine Ausschweifung zu machen; die einzige Gefahr, der sie sich aussetzen konnte, bestand darin, am Exzess ihrer Maßlosigkeit zu sterben", kritisierte der französische Revolutionär Collot d’Herbois.

Er sah die Gefahr, die Republik könnte durch eine allzu verführerische Verkörperung der "Marianne" entehrt werden. Sie würde zu Ausschreitungen bei den Festen führen und die Gemüter erhitzen.

Fantasien in "Danton's Tod"

Allegorie für die Terreur in der Französischen Revolution: Robespierre guillotiniert den Henker, nachdem er alle Franzosen hat hinrichten lassen, Radierung um 1794

Elisabeth Prinz

Allegorie für die Terreur in der Französischen Revolution: Robespierre guillotiniert den Henker, nachdem er alle Franzosen hat hinrichten lassen, Radierung um 1794

Büchner schließt an diese Diskussion über die sexualisierten Allegorien der Republik an. Seine Protagonisten imaginieren vor allem weibliche Figurationen des Gemeinwesens. Der fiktive politische Körper ist bei ihm ein heiß umkämpfter, dessen "Guillotinenthermometer" aber unaufhörlich steigt.

Die Dantonisten entwerfen ein Bild der Republik als sinnlichen Frauenkörper mit "durchsichtigem Gewand, das sich dicht an den Leib des Volkes schmiegt". Es handelt sich um eine Gesellschaftsfantasie mit "nackten Göttern, Bacchantinnen" und "olympischen Spielen", die durch verführerische Venusstatuen und "Mariannen" beeinflusst ist.

Auf der anderen Seite beschreibt Robespierre einen kranken Körper der Republik. Er interessiert sich für das Innere des weiblichen Körpers, in dem er die Dantonisten mit ihrem Hedonismus als feindliche Fremdkörper ausmacht. Robespierre versteht sich als rationalen Arzt, der sogleich die richtige Kur verordnet: Tugend und Schrecken.

Literatur als Experimentalanordnung

Als der Medizinstudent und Revolutionär Büchner selbst politisch verfolgt wird, verlagert er seine politische Praxis zunehmend an den Schreibtisch. In der Literatur reflektiert er sein eigenes politisches Handeln. Sie ermöglicht ihm einen veränderten Zugang zum Wissen über die Revolution.

Im Stück "Danton´s Tod" lässt er die gegensätzlichen Positionen aufeinander einwirken und über die Revolution als (Fieber-)Krise des politischen Körpers verhandeln. Durch die Wahl dieses Gegenstands findet aber nicht nur politisches, sondern auch medizinisches und kunsttheoretisches Wissen in den Text Eingang.

Diese Experimentalanordnung ermöglicht es Büchner auch, eine radikale Kritik am bürgerlichen Revolutionsbegriff zu üben. Die Körperfantasien zeigen eine Kontinuität auf, die die Revolutionäre in seinem Stück nicht erkennen: Der Körper – sei er auch noch so anziehend – hat stets einen Kopf. Er muss wieder enthauptet werden, um die alte Ordnung zu beenden. Damit stehen die Revolutionäre bei Büchner wieder am Anfang.

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