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Heldenplatz in Wien am 15. März 1938: Eine sudetendeutsche Abordnung grüßt am Tag des Anschlusses Adolf Hitler. Rechts von Hitler steht der Reichsstatthalter Seyss-Inquart.

Österreich noch immer "erstes Nazi-Opfer"

Die "Opferdoktrin" in Österreich lebt weiter: 36,5 Prozent sehen laut einer aktuellen Studie das Land als Opfer des NS-Regimes. Zudem gibt es eine eindeutige Verbindung zwischen autoritärer Einstellung und der Abwehr der Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

Zeitgeschichte 28.06.2010

Das ergab eine großangelegte Studie unter der Leitung des Historikers Oliver Rathkolb und des SORA-Chefs Günther Ogris.

Studie in Buchform

Das entsprechende Buch "Authoritarianism, History and Democratic Dispositions in Austria, Poland, Hungary and the Czech Republic" von Oliver Rathkolb und Günther Ogris ist im Studienverlag erschienen.

Leichter Anstieg des Autoritarismus

Für die Studie wurden Ende 2007 je 1.000 Personen in Österreich, Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik befragt. Man habe erfahren wollen, "wie sich totalitäre Erfahrungen auf autoritäre bzw. demokratische Einstellungen von Menschen auswirken", so die Studienleiter.

Das Fazit für Österreich: Im Zeitvergleich ist der Autoritarismus wieder leicht gestiegen, allerdings gab es bereits in der Zeit zwischen 1978 und 2004 einen wesentlich stärkeren Rückgang. Junge Menschen zeigten sich wesentlich weniger autoritär als ältere.

Bewunderung für Dollfuß

Heldenplatz in Wien am 15. März 1938: Eine sudetendeutsche Abordnung grüßt am Tag des Anschlusses Adolf Hitler. Rechts von Hitler steht der Reichsstatthalter Seyss-Inquart.

AP Photo

Heldenplatz in Wien am 15. März 1938: Eine sudetendeutsche Abordnung grüßt am Tag des "Anschlusses" Adolf Hitler. Rechts von Hitler steht der Reichsstatthalter Seyß-Inquart.

Mehr als die Hälfte der Befragten in Österreich vertrat die Meinung, dass ihre Landsleute mitverantwortlich für das Schicksal der Juden zwischen 1938 und 1945 gewesen seien. 45 Prozent waren der Ansicht, Österreicher hätten Nutzen aus der Ermordung der Juden gezogen. Die Opferdoktrin wurde lediglich von 25 Prozent klar zurückgewiesen.

Was die politische Gesinnung bei dieser Frage betrifft, waren alle Parteianhänger relativ gleich vertreten, mit Ausnahme der Grünen, die eine deutlich kritischere Position einnahmen. "Große Bewunderung" für den austrofaschistischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß hegen noch immer 25 Prozent.

Viele gegen Minderheitenrechte

Die Studienautoren sehen auch einen Zusammenhang zwischen einem Gefühl der politischen Machtlosigkeit und der Ablehnung von Minderheitenrechten, die in Österreich im Ländervergleich relativ hoch ist.

So lehnte jeder fünfte Befragte eigene Vereinigungen und Organisationen ab. 27 Prozent sprachen sich gegen Medien für Minderheiten aus, 36 Prozent gegen Schulunterricht in der eigenen Sprache. Jeder vierte Befragte war auch gegen eine Vertretung der Volksgruppen in politischen Gremien.

Für "Law and Order", aber gegen mehr Überwachung

Deutlich ausgeprägt sei in Österreich auch die Sympathie für "Law and Order", so Ogris. Knapp 60 Prozent wollen etwa, dass Verbrechen härter bestraft werden, etwas mehr als die Hälfte stimmte der Aussage "Um Recht und Ordnung zu bewahren, sollte man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen" zu.

Trotz dieser Einstellung zeigten sich die Befragten allerdings als Gegner einer Überwachungspolitik. Ein generelles Demonstrations- sowie Streikverbot befürworteten nur jeweils 13 Prozent. Jeder vierte ist für die Onlinedurchsuchung von Computern, jeder fünfte für die Überwachung von Telefongesprächen.

science.ORF.at /APA

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