Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wie der Kuss entstand"

Eine Frau betrachtet ein Bild, auf dem zwei küssende Frauen zu sehen sind.

Wie der Kuss entstand

Liebende zeigen damit ihre Zuneigung, Papst Johannes Paul II. segnete mit ihm den Boden, Sportler liebkosen mit ihm ihre Medaillen: Der Kuss kennt viele Formen. Doch wo seine Wurzeln liegen, ist nach wie vor umstritten.

Gesellschaft 30.06.2010

Der "Internationale Tag des Kusses" bietet Anlass, dem Phänomen nachzuspüren. Klar ist: Der Kuss ist mehr als nur eine Berührung. Er ist Ritual, Symbol und Bekenntnis.

Juristische Handlung

"Heute haben wir nur noch den Begrüßungs-, den Abschieds- und den Liebeskuss", sagt die Volkskundlerin Christiane Cantauw aus Münster. Noch im Mittelalter habe der Kuss viel mehr Bedeutungen gehabt. "Er war fester Bestandteil im Rechtswesen." Der Kuss habe die Abhängigkeit zwischen Lehnsherren und Untergebenem besiegelt, indem der Belehnte das Schwert oder den Ring seines Herrn küsste. Das sei dann wie ein unterschriebener Vertrag gewesen. Auch der Verlobungskuss habe damals rechtlich bindende Wirkung gehabt.

"Früher küsste man viel mehr als heute", sagt Cantauw. So hätten die Christen öfter Küsse ausgetauscht - inzwischen sei das auf sakrale Gegenstände beschränkt, etwa auf das Kruzifix an Halsketten. Auch der kommunistische Bruderkuss gerate in Vergessenheit - damals zu Berühmtheit gelangt durch Erich Honecker und Leonid Breschnew. Dass der Kuss nie aussterbe, sei aber wohl klar, sagt Cantauw.

These: Ursprünge am Hinterteil

Kopfzerbrechen bereitet den Fachleuten jedoch die Geburtsstunde des Kusses. "Die Wurzel des Phänomens ist so alt wie die Menschheit selber", sagt Ingelore Ebberfeld. Die Sexualwissenschaftlerin aus Bremen erforscht die Geschichte des Kusses seit langem - und ihre Erklärung mutet recht animalisch an: "Die Vorfahren der Menschen haben sich bei Begegnungen gegenseitig am Hinterteil beschnüffelt und beleckt. Als aus den Vierbeinern aufrecht gehende Zweibeiner wurden, wanderte der Kuss gewissermaßen mit nach oben", erklärt Ebberfeld.

Der Kuss zwischen Liebenden sei auch heute noch der Schlüssel zur Sexualität. So "erschnüffelten" Männer, ob eine Frau ihren Eisprung habe oder schwanger sei - auch wenn das nur unbewusst registriert werde. Das Ritual der Lippenberührung sei die innigste Verbindung, die Menschen eingehen könnten. "Beim Küssen kann man nicht lügen, beim Sex sehr wohl", meint die Autorin mehrerer Bücher zum Thema.

Resultat der Brutpflege?

Ebberfelds Erklärung des "Sichbeschnüffelns" wendet sich gegen die These von Forschern, die den Kuss als ein Resultat der Brutpflege beschreiben. Ebberfeld hält dagegen, dass weder das Saugen an der Mutterbrust noch das Einflößen vorgekauter Nahrung mit dem Mund die sexuelle Sprengkraft eines Zungenkusses erklären könne. Die pure Wollust treibe ein Paar zum Küssen - und nicht eine bloße Bekundung liebevoller Zuneigung. "Die Wurzel des Küssens ist der Sex."

Frauenkuss vs. Männerkuss

Umfangreiche Grundlagenforschung zum erotischen Kuss leisteten Forscher 2007 in den USA. Sie fanden große Unterschiede zwischen Männern und Frauen. So kann sich die Mehrheit der Männer Sex ohne Küssen vorstellen. Bei den Frauen halten das mehr als 80 Prozent für unmöglich. Und die Bereitschaft, mit einem schlecht küssenden Partner zu schlafen, ist bei den Männern dann auch etwa doppelt so hoch.

Die Forscher halten fest, dass die beiden Geschlechter mit dem Küssen unterschiedliche Strategien verfolgen. Vereinfacht gesagt küssen Männer nur, um im Bett zu landen. Frauen jedoch nutzen den Kuss wie eine feine Antenne. Das helfe ihnen anfangs bei der Wahl des richtigen Partners. Doch auch während der Beziehung liefere ihnen das Küssen unbewusst wichtige Angaben - etwa über die Treue des Mannes.

Ungeachtet solcher Feinheiten ist das Küssen einfach nur gesund. Der deutsche Verein der Kussfreunde betont, dass beim Knutschen viele Glückshormone frei werden. Das Immunsystem werde mit jedem Schmatzer angekurbelt und Vielküsser hätten gar eine höhere Lebenserwartung.

science.ORF.at/dpa

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