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Die Flaggen des Kosovo und Albaniens flattern im Wind.

Fremde im eigenen Land

Tausende Menschen haben Donnerstagabend in Wien gegen die Abschiebung von Arigona Zogaj in den Kosovo demonstriert. Die Sozialwissenschaftlerin Janine Dahinden, die u.a. im Kosovo geforscht hat, kennt die Schwierigkeiten, mit denen Kosovo-Albaner zu kämpfen haben - sowohl wenn sie hier bleiben als auch nach ihrer Rückkehr.

Politikwissenschaft 02.07.2010

Die Schweizerin Dahinden ist Gast eines Symposions an der Universität Wien, das sich noch bis Samstag interdisziplinär mit dem Thema Migration beschäftigt. science.ORF.at hat mit ihr gesprochen.

science.ORF.at: Wie würden sie den Migrations- und Identitätsprozess von Kosovo-Albern beschreiben, die jahrelang in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gelebt haben und jetzt wieder in den Kosovo zurückkehren?

Porträtfoto der Sozialwissenschaftlerin Janine Dahinden

Université de Neuchâtel

Janine Dahinden ist Professorin für transnationale Studien an der Universität Neuchâtel. Die Wissenschaftlerin beschäftigt sich vor allem mit Migrationsforschung, Integration und Ethnizität. Im Rahmen des Symposions hat sie einen Vortrag über Migration und Zugehörigkeit gehalten.

Janine Dahinden: Die Zusammensetzung der Kosovo-Albaner ist sehr unterschiedlich. Es gab jene, die in den 1960er bis 1980er Jahren als unqualifizierte Arbeitsmigranten gekommen sind, es gab Asylsuchende und jene, die aus dem Umfeld der Universität von Priština kommen. Besonders die zweite Generation, die nach dem Krieg zu uns gekommen ist, wird in der Schweiz stark diskriminiert. Wer mit kosovo-albanischem Namen eine Lehrstelle oder eine Wohnung sucht, hat es sehr schwer.

Ich habe mich mit der Rückkehr von Kosovo-Albanern vor sechs oder sieben Jahren beschäftigt, also kurz nach dem Krieg. Von daher kann ich sagen: Rückkehr ist immer sehr schwierig. Es gibt eine Hierarchie, wie man aufgenommen wird, und das ist davon abhängig, ob man als Arbeitsmigrant, als Asylsuchender oder UÇK-Kämpfer zurückkommt. Im Moment kehren nur wenige Kosovo-Albaner zurück. Meist sind es jene, die in London, Berlin etc. studiert haben und jetzt zurückgehen, um beispielsweise bei einer NGO zu arbeiten – das ist eine Elitemigration.

Ich forsche im Moment auch an Schulen bei uns, und da ist klar: Die, die als "anders" wahrgenommen werden, sind die Kosovo-Albaner. Identitätsprozesse sind immer dialektisch und reaktiv – das heißt, dass diese Diskriminierung und Stigmatisierung natürlich auch etwas auslöst.

Was genau?

Wenn es Diskriminierung aufgrund nationaler Zugehörigkeit gibt, wird der eigene nationale Hintergrund wichtiger. Das heißt wenn man das "Wir" stark konstruiert, müssen die Leute damit umgehen, sie nehmen sich als "die Anderen" wahr und ihr nationales Zugehörigkeitsgefühl wird stärker.

Als der Kosovo seine Unabhängigkeit deklariert hat, hat der nationale Hintergrund eine große Rolle gespielt. Das bildet sich seither wieder zurück. Während des Zweiten Weltkriegs war beispielsweise die Schweiz sehr nationalistisch. Das nationale Zugehörigkeitsgefühl steht also immer im Zusammenhang mit dem Gegenüber, und das kann sich auch immer wieder verändern.

Haben verschiedene Völker ein verschieden stark ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl?

Symposion in Wien

Das Symposion "Migrations: Interdisciplinary Perspectives" vom 1. bis 3. Juli an der Universität Wien will aus sozial-, geistes-, und naturwissenschaftlicher Perspektive Dimensionen der Migration diskutieren.

Es handelt sich um Prozesse. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist ein nationales Zugehörigkeitsgefühl nichts, was einfach gegeben ist, sondern etwas, das sich entwickelt hat. Früher war die Welt nicht in Nationalstaaten organisiert und die Stärke des Nationalstaats hat sich erst zwischen den Weltkriegen entwickelt.

Bei Kosovo-Albanern gibt es ein ethnisches Bewusstsein, aber das war nicht immer so. In den 1970er Jahren waren es jugoslawische Gastarbeiter. Durch den Krieg wurde die soziale und symbolische Grenze zwischen Serben und Kosovo-Albanern verstärkt und in den 1990er Jahren waren es keine Jugoslawen, sondern Kroaten, Serben, Kosovo-Albaner usw.

So hat sich das ethnische Bewusstsein herausgebildet – es war also nicht gegeben, sondern es ist in enger Interaktion mit der Aufnahmegesellschaft und dem, was zu Hause passiert, entstanden.

Welche Faktoren spielen bei der Identitätsbildung und dem Zugehörigkeitsgefühl eine Rolle?

Zugehörigkeit hat viele Facetten, die ethnisch-nationale Zugehörigkeit ist nur eine davon. Andere Zugehörigkeiten bilden sich zum Beispiel über das Geschlecht, die soziale Schicht, den Beruf oder die Bildung. Es ist problematisch, wenn man Migration nur auf die ethnisch-nationale Schiene reduziert. Nationalstaaten regeln natürlich die Zugehörigkeit ganz klar. Wenn man keinen Pass hat, hat man keine Rechte. Das ist eine wichtige Kategorie, aber ich fühle mich zum Beispiel nicht der Schweiz zugehörig, sondern wenn, dann Zürich.

Wann ist Migration ihrer Ansicht nach eine gelungene Migration?

Wenn jeder die gleichen Chancen hat, beispielsweise am Arbeitsmarkt und bei der Bildung. Integrationspolitik sollte Chancengleichheit schaffen. In Österreich und in der Schweiz herrschen leider Rechtsvorstellungen, die nicht den Werten eines liberalen Rechtsstaates entsprechen: In der Schweiz verlangt man von den Kosovo-Albanern, dass sie sich integrieren, Deutsch lernen und den Staat nichts kosten.

Von der Frau eines amerikanischen Managers verlangt niemand einen Sprachkurs. Es gibt also eine sehr normative Integrationsforderung und unterschiedliche Rechtsvorstellungen für verschiedene Gruppen. Wenn man Sprachkurse für eine Einbürgerung vorschreibt und das nicht für alle gilt, ist die Rechtsgleichheit nicht mehr gewährleistet.

Christine Baumgartner, science.ORF.at

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