Standort: science.ORF.at / Meldung: "Gorillas spielen unfair Fangen"

Ein Gorilla in der Wildnis

Gorillas spielen unfair Fangen

Gorillas verhalten sich laut einer neuen Studie wie Kinder: Beim Fangenspielen boxen sie ihre Spielkameraden und laufen dann davon, um die Oberhand zu behalten. Ein Zoologenteam spricht ihnen deshalb einen Sinn für Unfairness zu, der von Menschen bekannt ist.

Verhaltensforschung 14.07.2010

Evolutionäre Entwicklung von Fairness

Die Studie:

"Responding to inequities: gorillas try to maintain their competitive advantage during play fights" von Edwin van Leeuwen et al. in den "Royal Society Journal Biology Letters" (sobald online).

Wie Fairness, Kooperation und Sinn für Gerechtigkeit entstanden sind, gilt in der Wissenschaft als umstritten. Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass sich Ansätze zu diesen Fähigkeiten schon lange vor der menschlichen Kultur entwickelt und letztlich zum Erfolg von Homo sapiens beigetragen haben. Mehrere Tierstudien haben diese Ansätze bereits nachgewiesen; nicht nur bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, sondern etwa auch bei Hunden.

Die besten Freunde des Menschen können so etwas wie eine Aversion gegen ungleiche Behandlung entwickeln: Die Tiere reagieren laut einer vor zwei Jahren veröffentlichten Studie Wiener Zoologen frustriert, sofern sie nicht ebenso wie ihre Artgenossen behandelt werden.

Beispiel für ein Fangspiel unter Gorillas

Universität Portsmouth

Beispiel für ein Fangspiel unter Gorillas

Diese und ähnliche Studien mit Schimpansen und anderen Menschenaffen wurden bisher immer unter den künstlichen Bedingungen von Experimenten untersucht. "Wir haben erstmals die natürliche Interaktion von Gorillas in dieser Hinsicht ausgewertet", sagt die Zoologin Elke Zimmermann von der Tierärztlichen Hochschule Hannover gegenüber science.ORF.at. Wobei "natürlich" relativ ist: Konkret ausgewertet haben die Forscher Videoaufnahmen aus fünf europäischen Zoos, auf denen das Verhalten von insgesamt 21 Gorillas zu sehen war.

Wenn Gorillas spielen

Interessiert haben sich die Forscher für bestimmte Spielsituationen der Affen: Wie Kinder spielen sie gerne einmal miteinander Fangen. Das Spiel beginnt, wenn ein Gorilla einen anderen - mitunter recht heftig - boxt und dann davonläuft. Der andere läuft dann zumeist hinterher und versucht seinerseits den Angreifer zu erwischen.

Dass es sich dabei um ein Spiel und keinen ernsten Konflikt handelt, lässt sich u.a. am Gesichtsausdruck der Tiere ablesen. "Die Gorillas setzen dann ein Spielgesicht auf. Der Mund ist offen, die Mundwinkel leicht zurückgezogen, ein wenig blitzen auch die Zähne hervor. Es sieht ein bisschen aus, wie wenn Menschen lachen", beschreibt Elke Zimmermann die Tiere in Spiellaune. Dem anderen wird damit signalisiert, dass die Auseinandersetzung nicht ernst gemeint ist.

Wollen Wettbewerbsvorteil nicht verlieren

Trotz oder gerade wegen des Spielcharakters lässt sich aus den 86 beobachteten Fangspielen aber einiges zum Fairnessverständnis der Tiere ableiten. Den Umstand, dass die Gorillas nach ihrer Boxattacke weglaufen, interpretieren die Forscher als Eingeständnis eines Wettbewerbsvorteils im Spiel. Da die Affen diesen unfairen Vorteil nicht verlieren wollen - sprich: sich nicht gleich eine Retourwatsche einhandeln wollen - laufen sie davon.

"Durch das Weglaufen versuchen sie, ihren Wettbewerbsvorteil im Spiel zu erhalten", erklärt die Studienautorin Marina Davila Ross von der Universität Portsmouth gegenüber science.ORF.at. Im Gegensatz dazu steht ihr Verhalten, wenn sie ihren Partner nur eher zärtlich knuffen: Dann entspinnt sich zwar auch eine wilde Jagd, aber es ist nicht unbedingt der Angreifer, der als erstes lostrabt.

Video eines der beobachteten Fangspiele

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Wie die Kinder

Marina Davila Ross mit einem Schimpansen

Universität Portsmouth

Marina Davila Ross mit einem Schimpansen

"Das Verhalten der Gorillas ähnelt stark jenem von Kindern", sagt Marina Davila Ross. "Sie schlagen nicht nur ihre Spielkameraden und laufen dann von ihnen davon, sondern sie tauschen auch ihre Rollen. Der Gejagte wird dann zum Jäger und umgekehrt. Gemeinsam mit anderen Studien kann man daraus schließen, dass wir Menschen nicht die einzigen sind, die ihr Verhalten davon abhängig machen, ob wir in einer unfairen Situation im Vor- oder Nachteil sind."

Dieses von ihr als "unfair" erachtete Verhalten der Gorillas diene dazu, die Grenzen dessen zu erkunden, was die anderen in der Gruppe durchgehen lassen. Die Lektionen, die sie dabei lernen, würden sie dann in echten Konflikten oder Gefahrensituationen anwenden, meint die britische Zoologin.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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