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Polizist im U-Bahnstation.

Wie die Polizei in die Welt kam

Egoismus wird gerne als Gegensatz zum Allgemeinwohl gesehen. Wie österreichische Mathematiker nachweisen, stimmt das nur bedingt: Selbst eine Gesellschaft reiner Egoisten könnte Hüter der Ordnung entwickeln.

Spieltheorie 15.07.2010

Nehmen ohne zu geben

"Oftmals werden Firmen und andere Organisationen durch den Eigennutz von Teilnehmern gefährdet. Denn es ist verlockend, die Beiträge der anderen auszubeuten, ohne selbst etwas beizutragen." Was der Wiener Mathematiker Karl Sigmund in einer Aussendung beschreibt, ist der spieltheoretische Problemfall schlechthin. Das Trittbrettfahrer-Problem, wie das Dilemma auch genannt wird, beschreibt den Konflikt zwischen Egoismus und Allgemeinwohl.

Wenn einzelne Steuern hinterziehen, aber dennoch die staatliche Versorgung in Anspruch nehmen, mag das für die Gesellschaft verkraftbar sein. Aber: Würde jeder so handeln, wäre der Staat schnell pleite. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren: Schwarzfahren in der Straßenbahn, Hundstrümmerl auf dem Trottoir, Müll im Naherholungsgebiet - sie alle folgen der gleichen Logik: Als Mehrheitsstrategie angewandt führen sie zum Kollaps, sei er nun finanziell, olfaktorisch, ästhetisch.

Gegenstrategie: Strafen

Zur Studie:

"Social learning: The evolution of police-like institutions" ist in "Nature" erschienen (doi: 10.1038/nature09203).

Um solche Katastrophen zu verhindern, gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder man bringt notorische Egoisten selbst zur Räson oder man delegiert diese Aufgabe an Institutionen, wie etwa die Polizei. Im ersten Fall gibt es interessanterweise wieder die Möglichkeit des Trittbrettfahrens, dem Motto folgend: Lasse immer andere einschreiten und profitiere von deren Initiative.

Wenn sich die Dilemmata aufeinander türmen, helfen nur mehr mathematische Gleichungen, um klare Sicht zu bewahren. Sigmund hat sie mit der Wiener Mathematikerin Hannelore De Silva gefunden, gelöst und im Fachblatt "Nature" publiziert - mit durchaus ermutigenden Resultaten. Das "pool punishment", eine, wenn man so will, spieltheoretische Urform der Polizei, kann nämlich auch in einer Gesellschaft von reinen Egoisten spontan entstehen. Mit anderen Worten, der Egoismus ist in der Lage, die Gemeinschaft vor exzessiver Anwendung seiner selbst zu schützen.

Und für diesen Schutz benötigt es überraschenderweise weder einen "Hang zum Altruismus", wie Sigmund schreibt, noch ist es notwendig, dass es einen "Vorrang für Gemeinwohl statt Eigenwohl" gibt. Dieser Befund steht auch im Einklang mit Feldforschungen der US-Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom. Die Ökonomie-Nobelpreisträgerin des Jahres 2009 wies in ihren Studien nach, dass selbst in einfachen Gesellschaften von Hirten, Bauern oder Fischern Sanktionierungen meist einer Institution obliegen.

Freilich schlägt sich diese Delegierung auch in der ökonomischen Bilanz nieder. Die Polizei verursacht Kosten, auch dann, wenn sich alle brav an die Regeln halten. Ahndungen auf eigene Faust kämen zwar deutlich billiger, haben aber einen entscheidenden Nachteil: Sie besitzen selbst ein Trittbrett - und sind daher nicht besonders stabil.

Robert Czepel, science.ORF.at

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