Standort: science.ORF.at / Meldung: "Ohne Menschenrechte kein Sieg über Aids "

Der Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft, Julio Montaner, bei der Eröffnung der Aids-Konferenz in Wien.

Ohne Menschenrechte kein Sieg über Aids

Ohne Achtung der Menschenrechte wird es keinen Sieg gegen die Aids-Pandemie mit derzeit 33,4 Millionen HIV-Infizierten geben: Dies war der Grundtenor der Eröffnung von AIDS 2010, der 18. Internationalen Aids-Konferenz, Sonntagabend in Wien.

AIDS 2010 19.07.2010

Sie stand im Zeichen eines härter gewordenen Kampfes um Geld und den Willen der Politiker, sich gegen die noch immer verheerende Seuche zu stemmen.

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon formulierte in einer Video-Botschaft das Ziel: "Keine neuen HIV-Infektionen! Keine Diskriminierung mehr! Aber Gesundheit und Entwicklung für alle!"

Bei uns eine nun eine chronische Krankheit

Experten lesen Politik Leviten

Der Auftakt der 18. Welt-Aids-Konferenz in Wien war eine Abrechnung mit gebrochenen Versprechen und scheinheiligen Positionen der Politik. Experten aus allen Feldern der Aids-Forschung, -Behandlung und -Prävention zeigten sich einig: Man könnte heute schon viel weiter sein, wären Regierungen rund um die Welt zu ihrem Wort gestanden.
Mehr dazu in ORF.at

Keine "Randgruppen"-Krankheit

Aids sei nicht mehr nur eine Krankheit der Homosexuellen und Drogenabhängigen, sagt Brigitte Schmied, Präsidentin der Österreichischen Aids Gesellschaft und Co-Vorsitzende der Konferenz, im Ö1-Morgenjournal-Gespräch. In Österreich seien mehr als 40 Prozent der Betroffenen auf heterosexuellem Weg infiziert worden

Mehr dazu in oe1.ORF.at

1996 brachte die damals in Vancouver abgehaltene Welt-Aids-Konferenz mit den damals vorgestellten modernen Kombinationstherapien den Umschwung in medizinischer Hinsicht. In den entwickelten Ländern der Erde ist HIV/Aids zu eine chronischen Erkrankung geworden. Jetzt soll es weiter gehen.

Brigitte Schmied, Wiener Aids-Spezialistin und Co-Vorsitzende der Konferenz: "In Wien sind wir an einem Kreuzungspunkt angelangt. Nur wenige hundert Kilometer entfernt bekommen nur 23 Prozent der Menschen, die mit HIV/Aids eine Behandlung benötigen eine Therapie. Der universelle Zugang zu einer Behandlung ist unsere Aufgabe. Die Herausforderung ist es, die Politiker verantwortlich zu machen."

Kritik an Politik

Bei der Eröffnung hatten zahlreiche Aids-Aktivisten mit einem Demonstrationszug bis auf Bühne der größten Veranstaltungshalle, wo die Zeremonie stattfand, protestiert. "Gebrochene Versprechen töten! (...) Kein Rückzug! Geld her für Aids!", hieß es da. Schmied und der Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft, Julio Montaner: "Wir stimmen damit völlig überein."

Montaner äußerte scharfe Kritik an der Politik: "Wir haben zwar von 2005 bis 2010 fünf Millionen HIV-Positive in Behandlung gebracht. Aber ich kann nur meine Enttäuschung und meine Frustration darüber ausdrücken, dass die G8-Staaten ihre Absichtserklärung, bis 2010 allgemeinen Zugang zur Aids-Therapie zu ermöglichen, nicht eingehalten haben. (...) Sie geben Geld ihren Freunden, den gierigen Wall-Street-Bankern. Wenn es um globale Gesundheitsfragen geht, sind die Geldbörsen immer leer."

Programmhinweise

Die internationale Aids-Konferenz AIDS 2010 wird zum Teil live im Internet übertragen und in science.ORF.at mit einem Themenschwerpunkt begleitet.

Der "Ö1-Radiodoktor" beschäftigte sich anlässlich der bevorstehenden Fachkonferenz mit Aids/HIV:

Aktueller Beitrag zu diesem Thema in "Wissen aktuell":

Weitere Sendungen zum Thema in den Ö1-Dimensionen, jeweils um 19.06 Uhr:

Montag, 26. Juli: Armenkrankheit Aids. Die Welt-Aids-Konferenz in Wien (18. -23. Juli 2010). Gestaltung: Franz Zeller

Dienstag, 27. Juli: HIV-Politik. Wie Politik den Umgang mit der Pandemie beeinflusst. Gestaltung: Birgit Dalheimer

Deklaration für bessere Drogenpolitik

Mittlerweile haben bereits mehr als 10.000 Menschen die "Wiener Deklaration" unterzeichnet, die für eine auf wissenschaftlicher Basis erfolgende Drogenpolitik mit Betreuung, Behandlung, Spritzentausch- und Opiat-Substitutionsprogrammen eintritt. Speziell in Osteuropa und Zentralasien gibt es derzeit die sich am schnellsten ausbreitende Aids-Epidemie. Das Problem vergrößert sich dort speziell durch nicht-steriles Spritzenbesteck beim intravenösen Drogenkonsum.

Die russische Aktivistin Sasha Volgina: "In unserer Region bekommen 100.000 Aids-Patienten eine Behandlung, aber 300.000 brauchen sie. Korruption, Stigmatisierung und Kriminalisierung verletzen die Menschenrechte und uns. Aber wir werden den 'Shit' aus diesem System hinausbefördern."

"HIV-Behandlung kein Luxus"

EU-Gesundheitskommissar John Dalli bedauerte bei seiner Begrüßungsrede das Verfehlen der Millenniumsziele bezüglich HIV und Aids und forderte mehr Engagement: "HIV-Behandlung ist kein Luxus, es geht um Leben und Tod. Wir müssen den Zugang dazu verbessern." Als Negativbeispiel nannte Dalli die Kosten für die medizinische Versorgung von Infizierten und Kranken, die je nach EU-Ländern nach wie vor sehr unterschiedlich ausfallen würden.

"Keine neuen HIV-Infektionen mehr! Keine Diskriminierung! Keine Aids-Toten mehr!" - forderte der Chef des UNO-Aids-Programmes (UNAIDS), Michel Sidibe. Auch er kritisierte wie viele der Redner die derzeitige Finanzierungssituationen: "Prävention kommt zu kurz. Manche Regierungen bekämpfen vulnerable Bevölkerungsgruppen. Die Behandlung kann nicht aufrechterhalten werden. Die Kosten steigen."

science.ORF.at/APA

Mehr zu dem Thema: