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Ein türkisfarbenes Ei von Tinamus major

Ehrenrettung für ein "dummes Huhn"

Warum legt eine bestimmte Steißhuhnart in Mittelamerika türkisfarbene Eier? Forscher waren sich bisher uneins, denn eine besondere Tarnfarbe ist das nicht. Eine US-Biologin hat nun eine Erklärung parat, die den Tieren das Prädikat "ziemlich ungeschickt" nehmen könnte.

Biologie 19.07.2010

Üblicherweise schützen Vögel ihre Eier vor möglichen Räubern. Entweder indem sie auf Wipfeln von Bäumen ihre Nester bauen. Oder - falls sie ihr Nest am Boden haben - indem die Farben der Eier auf den Untergrund abgestimmt sind.

Tinamus major, eine in Zentral- und Südamerika lebende Steißhuhnart, tut nichts dergleichen. Die türkisen Eier, die die Weibchen legen, haben aber nicht zu ihrem Aussterben geführt - im Gegenteil: Die Familie, aus der die Art stammt, gehört zu den ältesten der Vogelwelt.

Fürs Ausbrüten sorgen die Männchen

Ausgewachsenes Exemplar der Art

www.pattybrennan.com

Ausgewachsenes Exemplar der Art

Also muss dahinter ein Vorteil stecken, der sich auf den ersten Blick nicht erschließt. Welcher das ist, will die US-Biologin Patty Brennan von der Universität Yale herausgefunden haben. Wie der "New Scientist" in seiner Rubrik "Zoologger" berichtet, hat dies mit der sehr eigenen Reproduktionspraxis der Tiere zu tun.

Tinamus major leben in Polygynandrie, d.h. eine Gruppe Männchen paart sich mit einer Gruppe Weibchen. Sobald letztere befruchtet sind, legen sie innerhalb von fünf Tagen rund drei türkisfarbene Eier. Diese platzieren sie auf den bräunlichen Regenwaldboden, ungeschützt. Damit ist ihr Teil der Arbeit abgeschlossen, für das Ausbrüten sind die Männchen zuständig - die nächsten rund 17 Tage ist einer aus der männlichen Gruppe dafür zuständig, nicht notwendigerweise der biologische Vater.

Signalfarbe für andere Weibchen

Türkisfarbene Eier von Tinamus major

www.pattybrennan.com

Einige der türkisfarbenen Eier

Was dabei geschieht, hat Patty Brennan mit Hilfe von Videokameras festgestellt. Falls die Farbe Türkis wirklich ein "Friss-mich-Signal" für Räuber wäre, müsste die Anzahl der geraubten Eier in der kurzen Phase vor dem Brüten am höchsten sein. Ist sie aber nicht. Die meisten Eier müssen daran glauben, sobald die Männchen mit dem Brüten begonnen haben. Und das dürfte mit dem Jagdverhalten der Räuber zu tun haben, mutmaßt sie in einer eben erschienenen Studie.

Diese dürften sich nämlich eher an den brütenden Hühnermännchen orientieren als an den türkisfarbenen Eiern. Der Unachtsamkeit der Männchen ist es zu verdanken, dass nur ein Viertel der gelegten Eier tatsächlich ausgebrütet wird. Wozu dann also die schrille Farbe der Eier? Brennan glaubt, dass sie ein Signal für andere Weibchen gibt, ihre Eier an der gleichen Stelle abzulegen.

Liegen viele Eier auf dem gleichen Platz, steigt die Chance, dass das eigene Ei übrig bleibt, selbst wenn ein Räuber zuschlägt. Außerdem würden die Männchen früher mit dem Brüten beginnen, sobald sie einen Haufen der auffälligen Eier sehen. Sollte Brennan recht haben, dann ist es gar nicht so ungeschickt, türkisfarbene Eier zu legen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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