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Mund eines Mannes mit Dreitagebart.

Unglaubwürdig durch Akzent

Ein fremder Akzent unterminiert laut einer Studie die Glaubwürdigkeit von Sprechern. Der Effekt erweist sich zudem als erstaunlich resistent: Bewusstmachung ändert an der Tendenz leider nur wenig, berichten zwei Psychologen.

Psychologie 20.07.2010

"Fälschliche Übertragung"

"Ein Akzent macht es Zuhörern zweifelsohne schwieriger zu verstehen, was gesagt wurde. Viele Menschen übertragen diese Schwierigkeit fälschlicherweise auf den Wahrheitsgehalt des Gesagten." Dieses Resümee trifft Boaz Keysar von der University of Chicago. Der Psychologe hat gemeinsam mit seiner Kollegin Shiri Lev-Ari zwei Experimente zu diesem Thema durchgeführt. In Versuch Nummer eins wurden US-Amerikaner mit Sätzen aus dem Munde von Landsleuten und Nicht-Muttersprachlern konfrontiert, etwa "Giraffen können länger ohne Wasser überleben als Kamele" und "Ameisen schlafen nicht".

Zur Studie

"Why don't we believe non-native speakers? The influence of accent on credibility" ist im "Journal of Experimental Social Psychology" erschienen.

Um simple Vorurteile möglichst auszuschließen, wiesen Keysar und Lev-Ari vor den Tests darauf hin, dass die Sprecher von den Forschern vorbereitete Sätze lesen würden, ihr Wahrheitsgehalt also nicht vom Wissen der Sprecher abhängig sei. Trotz alledem schlug sich die Färbung der Sprache in der Beurteilung nieder. Auf einer "Wahrheits-Skala" erreichten die native speaker 7,5 Punkte, Sprecher mit mildem Akzent 6,95 Punkte, solche mit starkem Akzent gar nur 6,84.

"Diese Resultate zeigen, wie Menschen Nicht-Muttersprachler wahrnehmen. Das ist speziell dann von Bedeutung, wenn man bedenkt, dass die Mobilität auf der Erde massiv zugenommen hat. Viele Millionen Menschen sprechen täglich in einer Sprache, mit der sie nicht aufgewachsen sind", so Keysar. Seine Kollegin Lev-Ari fügt hinzu: "Akzente könnten beispielsweise die Vertrauenswürdigkeit von Arbeitssuchenden, Augenzeugen und Reportern vermindern."

"Weil sie meinen Akzent nicht hören können"

In Versuch Nummer zwei testeten die beiden Psychologen, ob die Bewusstmachung des Problems etwas an der Sachlage ändert. Die ernüchternde Antwort: offenbar nicht viel. Über die Schieflage ihrer Urteile informierte Probanden werteten Aussagen mit mildem Akzent zwar ebenso hoch wie jene ihrer Landsleute - solchen mit starkem Akzent schenkten sie dennoch deutlich seltener Glauben.

Was könnte man gegen diese unerfreuliche Tendenz unternehmen? "Ich glaube, dass eine Bewusstmachung des Problems etwas bringt, wenngleich wir gezeigt haben, dass das nur bei leichtem Akzent hilft", erklärte Keysar gegenüber science.ORF.at per Mail. "Eine andere Möglichkeit wäre, andere Kommunikationskanäle zu verwenden. Ich wirke momentan wohl recht glaubwürdig, weil sie meinen Akzent im Englischen nicht hören können ... Aber natürlich ist es nicht so einfach: Emails haben auch ihre Tücken."

Zur Studie

"Listening with an Accent: Speech Perception in a Second Language by Late Bilinguals" ist im "Journal of Psycholinguistic Research " (Bd. 38, S. 447) erschienen.

Gleichwohl gibt es auch Studien, die dem Sprechen mit Akzent positive Effekte im Sozialbereich zuschreiben. Im Februar fanden israelische Forscher heraus, dass das Erlernen des Hebräischen als Zweitsprache besser funktioniert, sofern es im Akzent der Muttersprache unterrichtet wird. Der Effekt dürfte sich auf phonologischer Ebene abspielen: Die im Akzent gesprochenen Sätze sind offenbar besser verständlich.

science.ORF.at

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