Standort: science.ORF.at / Meldung: "Eine Bilderbibel für die Naturwissenschaft "

Ein Dino aus "Alpha" von Jens Harder

Eine Bilderbibel für die Naturwissenschaft

Auf 350 Seiten die rund 14 Milliarden Jahre des Universums nachzuzeichnen, dazu auch noch die Evolution des Lebens auf der Erde: Diese nahezu unmögliche Aufgabe bewältigt das preisgekrönte Comic "Alpha. Directions" des deutschen Grafikers Jens Harder.

Wissenschaftscomic 30.07.2010

Herausgekommen ist eine Art Bilderbibel der Kosmologie und der Evolution. Der Urknall und der Beginn des Zeichnens sind einander dabei gar nicht so unähnlich, berichtet Harder im science.ORF.at-Interview.

science.ORF.at: "Alpha" ist ja ziemlich schwer, haben Sie das Buch schon einmal abgewogen?

Cover des Comics "Alpha" von Jens Harder

Verlag Carlsen/Jens Harder

Das Buch Alpha. Directions von Jens Harder ist im Verlag Carlsen erschienen. Es wurde mit dem Prix de l'Audace sowie dem Max und Moritz-Preis ausgezeichnet.

Jens Harder: Nicht wirklich. Aber ich schätze es auf rund zweieinhalb Kilo.

Damit ist es auch im Vergleich mit einer durchschnittlichen Bibel ziemlich schwer ...

Ja, es ist schwerer und gehaltvoller (lacht). Wobei das natürlich vom Druck abhängt, es gibt ja auch die leichteren Bibelversionen für das Hotelzimmer. Aber im Ernst: Ich will mich gar nicht messen, das ist mir ziemlich egal.

Dennoch kann man Ihr Buch als Bilderbibel der Kosmologie und Evolution bezeichnen: Ist Ihnen der Vergleich recht?

In meinem Nachwort habe ich ja selbst damit gespielt: Früher wurden die Inhalte der Bibel für Analphabeten auch in Bildern wiedergegeben, damit auch diese auf den Pfaden Jesus' wandeln können. Ich habe hingegen die wissenschaftliche Sichtweise der Entstehung von Universum und Welt für Alphabeten zu Papier gebracht. Text ist bei mir zwar ein integraler Bestandteil, aber zentral sind die Bilder.

Diese Alphabeten hängen trotzdem oft nicht wissenschaftlichen, sondern religiösen Erklärungen der Welt an: Das Zentrale für eine wissenschaftliche Weltsicht ist, wie Sie schreiben, dass nichts perfekt ist und sich alles wandelt. Ist das die Antithese zu Mythologie und Religion?

Jens Harder

Porträtfoto von Jens Harder

Verlag Carlsen

Jens Harder studierte Grafik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und arbeitet seit mehreren Jahren als Illustrator und Comiczeichner in Berlin.

Zumindest zu Hardcore-Denkweisen wie etwa der young earth theory, die die heilige Schrift wörtlich nimmt und meint, dass die Erde rund 6.000 Jahre alt ist. Daneben gibt es ein breites Feld an Kreationisten und Vertretern des Intelligent Design, nicht zuletzt auch Gläubige, die die Wissenschaft zwar ernst nehmen, aber für die Letztursache, die Schöpfung doch ein übernatürliches Wesen annehmen. Ich lehne das alles ab und zähle mich zu den Atheisten, die sagen: Es gibt viele Rätsel auf der Welt, denen wir vielleicht eines Tages auf die Schliche kommen, aber in jedem Fall hat alles eine Erklärung. Und die ist nicht übersinnlich.

Trotz ihrer naturwissenschaftlichen Perspektive verwenden Sie in Ihrem Buch auch viele Bilder aus den Schöpfungsgeschichten der Religionen und Mythologien. Warum?

Ich verwende sie wie Gegenschüsse im Film. Manchmal unterstreichen sie das eigentlich Gesagte, manchmal ironisieren oder konterkarieren sie es. Was ich da zusammengetragen habe, ist auch eine Evolution der Idee der Weltwerdung, und da wollte ich so viele Sichtweisen wie möglich einbauen, aus verschiedenen Zeiten und Kulturen. Manchmal sind dabei überraschende Brückenschläge zwischen den Sichtweisen entstanden, das hat mir bei der Arbeit einige Aha-Momente beschert.

Gibt es da anschlussfähigere Mythologien und weniger passende?

Ausschnitt aus dem Comic "Alpha" von Jens Harder

Verlag Carlsen/Jens Harder

Ich habe immer wieder festgestellt, dass die nicht-christlich basierten Bildfindungen, etwa aus indianischen oder Aborigines-Kulturen, viel näher rankamen an aktuelle Vorstellungen der Naturwissenschaft: eine Weltwerdung etwa aus einem Funken, einer Schlange oder einer spiralförmigen Bewegung. Das ist erstens poetischer und zweitens näher dran an wissenschaftlichen Ideen als ein bärtiger Herr, der über eine nackte Erde schreitet und Sachen ausstreut bzw. Sterne an den Himmel heftet.

Der Untertitel von "Alpha" lautet "directions". Das erste Bild zeigt den winzigen Punkt des Urknalls, das letzte den Speer eines Urmenschen, der blutig irgendwo einschlägt. Welche Richtungen liegen da dazwischen?

Mit den Entwicklungen nach dem Urknall, dem Entstehen von Materie und Antimaterie sind erst jene physikalischen Bedingungen gesetzt worden, aus denen alles gefolgt ist: das Universum, die Planeten, unter bestimmten Umständen das Leben. Das verstehe ich als "Entwicklungsrichtung". Der Begriff ist aber offen für Interpretationen. Ganz sicher meint er keine Entwicklung, die einer Idee oder einem Ziel folgt.

Wollten Sie je selbst Wissenschaftler werden?

Ausschnitt aus dem Comic "Alpha" von Jens Harder: eine  Darstellung von Sonne und Erde.

Verlag Carlsen/Jens Harder

Ja, als ich zehn bis zwölf war, wollte ich Archäologe werden, da wurde aber nichts draus. Nur Zeichner bei archäologischen Ausgrabungen wäre ich fast einmal geworden, das würde mir auch heute noch Spaß machen. Zeichner sind bei Ausgrabungen nach wie vor gefragt, weil sie aus einer Scherbe oft viel exakter Strukturen herausarbeiten können als ein Fotograf.

Sie haben nie etwas studiert abseits der Grafik?

Nein, ich bin reiner Autodidakt. Wenn jemand wirklich vom Fach kommt und das Buch abklopft, wird er sehen, dass es nur einen groben Überblick liefert. Ich hab mich natürlich bemüht, möglichst genau zu sein, und die Rückmeldungen von einigen Biologen bestärken mich darin.

Haben Sie das Buch durch Fachleute überprüfen lassen?

Während der Arbeit wollte ich das nicht. Ich hätte mich sonst hemmungslos in einen Experten- und Quellenstreit verstrickt, und irgendwann muss man auch mit dem Zeichnen beginnen. Es ging mir um einen Überblick des vorhandenen Wissens, nicht um jedes Detail. Die Wissenschaft macht ständig Fortschritte, insofern hätten sich die Details schon im Laufe der Arbeit geändert.

Bei den Bildern haben Sie sich stark an dem tschechischen Zeichner Zdenek Burian orientiert, gab es auch ein bevorzugtes Nachschlagewerk für den Text?

Ausschnitt aus dem Comic "Alpha" von Jens Harder: ein Dinosaurier.

Verlag Carlsen/Jens Harder

Nein. Es war zwar etwa die Evolutionsbiologin Lynn Margulis sehr wichtig, die sehr viel zur Entstehung des vielzelligen Lebens geforscht hat. Aber prinzipiell hatte ich keine bevorzugte Quelle. Bei der Arbeit lagen immer so an die 50, 60 Bücher um mich herum, die ich nach Bildern und Inhalten konsultiert habe.

Während Ihre Bilder sehr unterschiedlich sind, ist der Text anders: Er scheint ernst auf der Seite der Wissenschaft zu stehen.

Durchgehend ernst finde ich ihn nicht, aber es stimmt schon: Er entspricht am ehesten meiner Sichtweise auf das Ganze. Im Text wollte ich konkret sein, in den Bildern hingegen eher in die Breite gehen und einem spielerischen Ansatz folgen. Sonst hätte ich ja seitenlang nur Teilchenströme zeichnen können. Das wäre ermüdend, für den Zeichner und den Leser.

Sie haben vier Jahre an "Alpha" gearbeitet, kann man sich das überhaupt leisten?

Ausschnitt aus dem Comic "Alpha" von Jens Harder: ein Mammut.

Verlag Carlsen/Jens Harder

Noch bin ich nicht verhungert (lacht), es war aber kein Zuckerschlecken. Ohne Stipendien, Illustrationsjobs und andere Nebeneinkünfte wäre es nicht möglich gewesen.

"Beta", Teil 2 des Werks, das die Geschichte der Menschheit illustriert, soll bis 2016 erscheinen?

Ja, ich werde den dazu Atem haben. Er wird in zwei Teilen erscheinen, wegen des besonderen Umfangs von an die 700 Seiten.

Wo sind sie gerade?

Auf Seite 80, in der Altsteinzeit, als gerade die ersten Werkzeuge erfunden werden. Und das Feuer: ein sehr großer Schritt, den man visuell sehr gut darstellen kann.

Teil 3 "Gamma" soll Zukunftsvisionen beinhalten: Sie haben aber einmal gesagt, dass Sie die Realität viel mehr interessiert als die Fiktion - wie soll das funktionieren?

Ich denke, es gibt einen Unterschied, ob man dabei absurdesten Hirngespinsten nachjagt, oder ob man versucht, Theorien Raum zu geben, die auf Erkenntnissen beruhen. Ich möchte mir auch bei "Gamma" nicht viel aus dem Ärmel schütteln, sondern so viel wie möglich zusammentragen, etwa die überholten Zukunftsvisionen und Utopien der letzten 100 Jahre, dazu Ausblicke geben auf die nächsten paar 100 Jahre. Aber so genau weiß ich das noch nicht, ich hab ja noch mindestens sieben Jahre Zeit dafür ...

Letzte Frage: Gibt es im aktuellen Buch ein Bild, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Vielleicht die erste Seite, der Punkt des Urknalls, der auch für den Zeichner immer am Beginn von allem steht. Wenn man den horror vacui, die leere Seite, schon hinter sich gelassen hat und den Stift ansetzt, hat man erst einmal einen Punkt. Und daraus entsteht dann alles.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: