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Gletscher in den Tauern

Das Gletschereis rinnt davon

Auch heuer verfolgt der Salzburger Gletscherfoscher Heinz Slupetzky für science.ORF.at den Zustand der österreichischen Alpengletscher. Das Zwischenresümee in seinem Forschungstagebuch: Die Hundstage haben den Gletschern besonders zugesetzt. Die Schneedecke schmilzt rasch ab, nun geht es an die Substanz der Eismassen.

Umwelt 26.07.2010

Kein Vorsprung für den Sommer

Von Heinz Slupetzky

Winter und Frühjahr brachte am Ende keine besonderen Schneerücklagen. Die im Mai im Gebirge überdurchschnittlichen Niederschläge brachten zu Monatsmitte und -ende Starkschneefälle, sodass die Abschmelzung der Altschneedecke verzögert wurde.

Anfang Juni (8.-12. 6.) gab es eine erste vorsommerliche, warme Phase. Um den 20. 6. brachte die Schafskälte Schneefälle bis auf 1.000 Meter herab und unterbrach die sommerliche Abschmelzperiode. Insgesamt war der Juni aber wieder zu warm war, sodass sich die Altschneehöhe auf den Gletschern verringerte.

Am "Unterer Boden" des Stubacher Sonnblickkeeses in einer Seehöhe von 2.505 Metern lagen am 1. Juli nur mehr 180 Zentimeter Schnee - das ist um ein Viertel weniger als im Vorjahr um dieselbe Zeit und um 60 Zentimeter weniger als im langjährigen Durchschnitt.

Balkengrafik

Heinz Slupetzky

Schneehöhen am Stubacher Sonnblickkees

Langjähriger Trend: Abnehmende Schneehöhe

Porträtfoto Heinz Slupetzky

Universität Salzburg

Heinz Slupetzky ist Professor i.R. am Fachbereich Geographie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte. Für science.ORF.at führt er seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

Die Schneehöhe beim Sonnblickkees zeigt einen deutlich abnehmenden Trend. Die Altschneehöhe Anfang Juli beträgt nur mehr die Hälfte jener in den 1970er-Jahren. Nur ein Teil der Abnahme geht darauf zurück, dass die oft zu warme Witterung im Mai und Juni zu einer stärkeren Verdichtung des Schnees und damit rascheren Setzung führt.

Früher gab es von Mitte der 1960er Jahre bis in die 1980 Jahre im Mai und Juni häufiger Schneefälle bei tieferen Temperaturen und anschließend kaltes Wetter, sodass der abgelagerte Schnee sich weniger stark setzte.

Ausaperungsstand an einzelnen Gletschern

Mit den warmen Tagen Anfang Juni setzte die schneefreie Phase an der Pasterzenzunge rasch ein, die kühle Phase um den 20. Juni war nur eine kurze Unterbrechung. Anfang Juli war die Pasterzenzunge völlig schneefrei.

Die Grenze am Oberrand des Eisbruches zwischen dem Ablations- und dem Akkumulationsgebiet (temporäre Schneegrenze oder Altschneelinie), lag Mitte Juli bereits in ca. 2.900 Metern Seehöhe. Schon neigt sich der Massenhaushalt der Pasterze in negative Richtung.

Pasterzenzunge

G. Seitlinger

Die Pasterzenzunge am 1. Juli 2010 mit der weißen Pyramide des Johannisbergs.

Auch beim Obersulzbachkees in der Venedigergruppe ist die Gletscherzunge schon Anfang Juli aper und der Eisabschmelzung ausgesetzt.

Gletscherzunge des Obersulzbachkeeses

E. Widmann

Die Gletscherzunge des Obersulzbachkeeses von der Kürsinger Hütte aus fotografiert; rechts unten ist der neue entstehende "Obersulzbach See" zu sehen.

Starke Abschmelzung im Juli

Am Stubacher Sonnblickkees war die Ablation so stark, dass an dem Messpunkt die Schneehöhe vom 1. bis 14. Juli um 160 Zentimeter zurückging (d.h. elf bis zwölf Zentimeter pro Tag). Im Vorjahr war um dieselbe Zeit der Gletscher noch komplett von Altschnee bedeckt (vgl. diese Abbildung vom 11. Juli 2009)

Stubacher Sonnblickkees

H. Wiesenegger

Das Stubacher Sonnblickkees am 14. Juli 2010. Links die Granatspitze, rechts der Stubacher Sonnblick. An mehreren Stellen schaut schon das Eis aus der Schneedecke heraus.

Die heiße Witterung im Juli führt nicht nur tagsüber zu starker Ablation, auch in der Nacht bleibt es in der Höhe warm, daher geht die Abschmelzung ohne Unterbrechung weiter. Schon in der Früh sind die Abflüsse der Gletscherbäche hoch. Bei Tag liegt die Nullgradgrenze immer wieder in 4.500 Metern Seehöhe oder noch höher.

Der Sommer: Massenverlust vorprogrammiert

Je rascher die schützende Altschneedecke (vom Winter) weg schmilzt, umso mehr "zerrinnt" das Gletschereis und die Eissubstanz wird angegriffen. Im Durchschnitt dauert die Abschmelzzeit noch acht bis neun Wochen, kann also bis mindestens Mitte September weitergehen.

Nur mehrere Kaltlufteinbrüche mit Schneefällen bis 2.000 Meter oder tiefer könnten einen großen Massenverlust der Gletscher verhindern. Da das Temperaturniveau in den Luftmassen über Land, auf die die Gewitterfronten treffen, hoch liegt, schneit es kaum tiefer als 3.000 Meter herab (wie etwa vom 16. auf den 17. Juli mit einer Neuschneegrenze über 3.100 Meter).

Heuer kann man von einer weiteren negativen Jahresbilanz der meisten Gletscher ausgehen. Es spricht einiges dafür, dass z. B. beim Sonnblickkees die Massenbilanz negativer als in den zwei vergangenen Jahren sein wird, also zwischen minus eins und minus drei Millionen Kubikmeter Massenverlust liegen könnte.

Ein Rekordverlust wie 2003 mit rund minus vier Millionen Kubikmeter Massenabbau ist eher unwahrscheinlich. Die Ergebnisse der Massenbilanzmessung in Zusammenarbeit mit dem Hydrographischen Dienstes Salzburg werden im Frühherbst vorliegen.

Jedenfalls kann das Resümee des ersten Gletschertagebuches 2010 nur sein: Es steht einmal mehr schlecht um die Alpengletscher.

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