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Spaniel auf einer Wiese

Der kooperative Wolf

Das zweite "Canine Science Forum" an der Universität Wien warf dieser Tage einen wissenschaftlichen Blick auf den "besten Freund des Menschen". Co-Organisator Kurt Kotrschal erklärt in einem Interview, ob Hunde ein Gewissen haben, was Hunde vom Wolf unterscheidet - und warum sie so gut zu uns Menschen passen.

Verhaltensforschung 29.07.2010

science.ORF.at: Wie domestiziert ist eigentlich unser Haushund im Vergleich zum Wolf ?

Kurt Kotrschal: Es besteht kein Zweifel, dass unser Haushund - und da gibt es ja viele verschiedene Sorten - die domestizierte Form des Wolfes ist. Es gibt dazu genetische Befunde aus Skandinavien, die zeigen, dass sich Wölfe zum ersten Mal vor etwa 10.000 bis 16.000 Jahren im Gebiet des heutigen Zentralchina enger mit Menschen assoziierten. Wenn man gleich sozialisierte Hunde und Wölfe an der Leine führt, zeigen sich aber die Unterschiede.

Wölfe haben viel stärker ihren eigenen Kopf und legen weniger Wert darauf, uns zu gefallen. Sie sind auch kreativer im Lösen von Problemen. Der Haushund ist zwar nicht dümmer geworden, aber er hat sich auf die Kooperationsfähigkeit mit dem Menschen spezialisiert.

Welche speziellen Eigenschaften haben Hunde entwickelt, über die Wölfe nicht verfügen?

Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal mit jungem Hund auf dem Arm

Kurt Kotrschal

Kurt Kotrschal ist Verhaltensbiologe an der Universität Wien und Direktor der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle für Ethologie, Grünau. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sozialmechanismen und soziale Kognition, Hormone und Verhalten, sowie Mensch-Tier-Beziehung.

Hunde und Wölfe unterscheiden sich eher durch quantitative Ausprägung von Verhaltensneigungen. Hunde sind viel stärker auf Kooperation mit dem Menschen ausgerichtet und auf Aufmerksamkeit. Eine Theorie ist, dass Hunde aufgrund der Domestikation instinktiv die Fähigkeit entwickelt haben, die Hinweise von Menschen zu nutzen. Das können zum Beispiel Zeigegesten sein. Ein anderer theoretischer Ansatz sieht das eher als Nebeneffekt der Selektion auf Zahmheit.

Wir wissen also noch nicht genau, warum Hunde so gut mit uns kooperieren können. Dazu wird aktuell am Wolfsforschungszentrum in Ernstbrunn gearbeitet. Wir streben es erstmals auf der Welt an, identisch aufgezogene Hunde und Wölfe miteinander zu vergleichen. Unser Ziel ist es, kausale Antworten darauf zu finden, wo die Unterschiede in den geistigen Mechanismen von Wölfen und Hunden liegen, und was diese geistigen Mechanismen in der Organisation der Kooperation sind.

Weshalb ist gerade aus Mensch und domestiziertem Wolf so ein Erfolgsmodell geworden?

Tatsächlich werden Hunde als Sozialgefährten immer wichtiger. Die Ausgaben für Hunde wachsen besonders im städtischen Bereich pro Jahr um derzeit 5 Prozent. Menschen und Wölfe haben gemeinsam, dass sie Kooperationstiere sind. Wir unterscheiden uns in dieser Hinsicht viel stärker von Schimpansen als von Wölfen.

Überspitzt formuliert sind unsere nächsten Verwandten eher autistische Machiavellisten, während Wölfe sehr gruppenbezogen sind. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Wölfe und Menschen zusammengekommen sind.

Wölfe kooperieren bei der Verteidigung der Grenzen des eigenen Clans, bei der Aufzucht von Jungen und bei der Jagd parallel zu Menschen. Anhand dieser Tiere können wir also auch wesentliche biologische Grundzüge von Kooperationsverhalten allgemein untersuchen.

Hunde lernen vom Menschen durch Belohnung und Bestrafung. Können die Tiere tatsächlich einen kausalen Zusammenhang dabei knüpfen?

Diese einfachen Lernmechanismen sind universell. Auch beim Menschen besteht ein großer Anteil aus assoziativem Lernen, also dem Verknüpfen von unterschiedlichen Reizen und deren emotionaler Bewertung.

Als Hund muss ich mir keine Gedanken darüber machen, ob sich das Herrl freut oder nicht. Das heißt aber nicht, dass Hunde reine Reiz-Reaktions-Maschinen sind. Nehmen wir an, ich habe zwei Blumentöpfe. Unter einem liegt Futter, unter dem anderen nicht. Wenn ich nun auf den Topf mit dem Futter zeige, kann der Hund gelernt haben, dass meine Zeigegeste relativ verlässlich damit assoziiert ist, dass er Futter findet, wenn er ihr folgt.

Er kann sich aber auch denken, ach wie nett, mein Herrl weiß, wo das Futter ist und beabsichtigt, mir das zu zeigen. Das sind zwei ganz unterschiedliche Interpretationsebenen. Die zweite wäre eine hochkomplexe soziale Kognition. Der Hund wäre fähig, sich in emotionale und gedankliche Zustände des Menschen zu versetzen und zu wissen, was ich will. Wissenschaftlich ist man da noch an keinem Ende angelangt.

Die Wahrheit scheint aber in der Mitte zu liegen: Hunde dürften eine gut entwickelte soziale Kognition besitzen, sie jedoch nicht immer anwenden können.

Wenn Hunde auf Deutegesten reagieren, können sie diese auch bewusst selber einsetzen?

Hunde können natürlich fragen. Schon Welpen ohne Vortraining können sich nach dem Menschen umdrehen, wenn sie ein Problem nicht lösen können, und dann wieder in Richtung des Problems schauen - eine verschlossene Tür zum Beispiel.

Ungarische Forscher um Adam Miklosi gehen davon aus, dass Hunde sich weitgehend an die menschliche Umgebung angepasst haben. Dafür spricht, dass man Hunde darauf trainieren kann, auf Kommando etwas nachzuahmen, das sie beim Menschen gesehen haben, z.B. eine bestimmte Körperhaltung.

Das nennt man einen "Do as I do"-Versuch. Der springende Punkt ist, dass Hunde das Prinzip des Kommandos erkennen. Wenn man ihnen also eine Handlung vormacht, die sie vorher noch nie trainiert haben und dann das Kommando gibt, können sie diese Handlung nachahmen.

Wenn Hunde in gewissem Grad über eine "Theory of Mind" verfügen, wie sieht es dann zum Beispiel mit Schuldgefühlen aus, die Hundebesitzer häufig beschreiben?

Der Streit, ob Hunde ein schlechtes Gewissen haben können, brandet schon lange hin und her. Es überwiegt eher die Meinung, dass die typische Körperhaltung und der Blick des Hundes, nachdem er etwas Verbotenes getan hat, eine Reaktion auf die Körperhaltung und Reaktion des Menschen ist.

Allerdings gibt es eine Arbeit von Friederike Range von der Universität Wien, bei der zwei Hunde untersucht wurden, die es gewohnt waren, die Pfote zu geben. Wenn beide das ohne Belohnung taten, war alles in Ordnung. Wurde aber der eine belohnt und der andere nicht, gab der Nichtbelohnte nach wenigen Versuchen nicht mehr die Pfote. Kontrollexperimente haben gezeigt, dass die einzige Erklärung die Anwesenheit des belohnten Partners ist. Hunde sind offenbar in der Lage zu erkennen, wenn sie ungerecht behandelt werden.

Das hat praktische Auswirkungen: Wenn man weiß, dass Hunde Ungleichbehandlung erkennen können, ist es problematisch den Hund zurückzusetzen, wenn beispielsweise ein Kind ins Haus kommt.

Insofern würde ich es auch nicht ausschließen, das Hunde wissen, was erwünscht ist und was nicht, und dass ein gewisses Bewusstsein über Fehlverhalten vorhanden sein kann. Problem ist bisher, das einwandfrei zu zeigen.

Gibt es zum Verhalten von Hunden auch aktuelle neurowissenschaftliche Erklärungen?

Unterschiede im Aggressionsverhalten und in den Temperamenten zwischen unterschiedlichen Rassen werden durchaus immer stärker in Zusammenhang mit dem Transmitterstoffwechsel im Gehirn gebracht.

Die Basis ist dabei immer, dass es sich um exakt die selben Mechanismen handelt wie beim Menschen. Mit sozialen Tieren, wie eben Hunden, lässt sich da der Vergleich viel leichter anstellen als beispielsweise mit Mäusen. In Bezug auf die Erforschung sozialer Hirnfunktionen werden Hunde in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen.

Interview: Tobias J. Körtner, science.ORF.at

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