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Kopf einer Dachsammer

Singvögel bevorzugen aktuelle Top-Hits

Auch bei Singvögeln gibt es "Hitparaden": Während sie auf aktuelle Lieder besonders stark reagieren, ist ihr Interesse an "Oldies" aus der eigenen Population gering ausgeprägt - auch mit aktuellen Songs aus weiter entfernten Gebieten wissen sie wenig anzufangen.

Verhaltensforschung 04.08.2010

Das hat die Biologin Elizabeth Derryberry von der Duke University in Durham herausgefunden. Sie hat Singvögel mit Gesängen konfrontiert, die zum Teil von heute stammen und zum Teil bereits 40 Jahre alt sind.

Zwitscherlieder von Menschen und Vögeln

Man soll die Vergleiche von Tieren und Menschen ja nicht übertreiben, im Falle von Singvögeln gibt es aber tatsächlich auffällige Überschneidungen: Beiden gefällt es zu singen, beide reagieren auf bekannte und wohlklingende Lieder (zumindest die meisten).

"Chirpy Chirpy Cheep Cheep"

Mitunter wurden diese Überschneidungen schon selbst wieder zum Inhalt eines neuen Lieds: "Chirpy Chirpy Cheep Cheep" etwa, von mehreren Interpreten gesungen, aber von der Folkgruppe Middle of the Road am bekanntesten, war im Jahr 1971 ein großer Hit (siehe Video links). Der "Zwitscher-Pieps-Song" erinnert nicht zufällig an die Lieder von Singvögeln.

Genau ein Jahr älter als dieser menschgemachte Ohrwurm sind einige der Liedproben, die Elizabeth Derryberry nun für ihre Experimente im Tierreich verwendet hat. Die weiteren stammen aus den Jahren zwischen 1979 und 2003 - allesamt aufgenommen auf mehreren Gebirgspässen der Sierra Nevada in Kalifornien. Sänger sind männliche Vertreter der Dachsammer (Zonotrichia leucophrys), einer nordamerikanischen Singvogelart, denen die Lieder als sexuelle Signale dienen.

Oldies berühren Tiere kaum

Dass sich Gesänge innerhalb der gleichen Population verändern und entsprechende "Oldies" die Vögel der Gegenwart wenig berühren, hat die Biologin bereits vor ein paar Jahren experimentell herausgefunden. In der damaligen Studie zeigten sich Dachsammer-Weibchen durch aktuelles Gezwitscher ihrer Mitmännchen gelockt viel eher zur Paarung bereit. Die Männchen wiederum verteidigten ihr Revier gegen moderne Vogelgesänge von Artgenossen viel aggressiver, als wenn sie Playback mit einem Lied von anno dazumal gereizt wurden.

Die Studie:

"Male response to historical and geographical variation in bird song" von Elizabeth Derryberry in den "Royal Society Journal Biology Letters" (sobald online).

In ihrer aktuellen Studie hat Derryberry das Versuchssetting nun ausgeweitet: Nun setzte sie die Vögel nicht nur Gesängen aus verschiedenen Zeitperioden der eigenen Population aus, sondern auch benachbarter und weit entfernter Populationen. Dabei zeigte sich eine klare Rangfolge in den Reaktionsmustern der Tiere.

Am stärksten antworteten die Singvögel auf die aktuellen Gesänge der eigenen Population. Am zweitstärksten - und zwar in gleichem Ausmaß - auf aktuelles Gezwitscher benachbarter Tiere und auf historische Aufnahmen der eigenen Population. Am wenigsten wurden sie durch alte Lieder von entfernten Populationen gereizt.

Vier Vogelgesänge im Vergleich

Eine Dachsammer vor einem Lautsprecher, aus dem ihm ein Lied vorgespielt wird.

Elizabeth Derryberry

Eine Dachsammer vor einem Lautsprecher, aus dem ihm ein Lied vorgespielt wird.

Lokale Population, aktueller Gesang:

Lokale Population, Gesang von 1978:

Benachbarte Population, aktueller Gesang:

600 Kilometer entfernte Population, aktueller Gesang:

Zwölf bis 24 Vogelgenerationen

Aus ihren Ergebnissen schließt Derryberry auf die durchschnittliche Entwicklungszeit von neuen Gesängen: Sie dauere zwölf bis 24 Vogelgenerationen, das entspricht in etwa 20 bis 40 Jahren. Dies, so die Biologin, sei erstaunlich schnell und habe auch Auswirkungen auf das übrige Verhalten der Tiere: Vogelgesang dient wie andere Signale der Kommunikation von Artgenossen; wenn diese nicht mehr verstanden werden, kann es zu Entstehung neuen Verhaltens kommen.

Kaum wiederzuerkennen nach 40 Jahren

Zum Schluss ein weiterer unzulässiger Anthropomorphismus: Just in dem Jahr, aus dem die letzten der Dachsammer-Gesänge stammen, hat auch der Mallorca-Urlaubern bekannte deutsche Sänger Mickie Krause einen kleinen Hit gelandet.

Seine Coverversion von "Chirpy Chirpy Cheep Cheep" nannte er 2003 "Reiß die Hütte ab". Musikalisch und textlich ist das Lied nach 40 Jahren kaum wiederzuerkennen (und auch nicht zu empfehlen) - eine Erfahrung, die so ähnlich auch die Dachsammern gemacht haben dürften.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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