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Eine junge Frau betet

Heilung durch Fürbitten?

Beten soll nicht nur zum Seelenfrieden beitragen, sondern auch heilende Effekte haben. Das wünschen sich zumindest viele Gläubige. Medizinern zufolge könnte dies tatsächlich der Fall sein, wenn Menschen in unmittelbarer Nähe Fürbitten für einen sprechen.

Religion 05.08.2010

Laut einer aktuellen Studie des "South Medical Journal", einer Fachzeitschrift mit Peer Review, verbesserten sich dadurch sowohl Seh- als auch Hörvermögen. Eine Erklärung für die Wirkung haben die Autoren allerdings keine.

Religion fördert die Gesundheit

Es gibt einige Hinweise, dass Glauben ganz allgemein die Gesundheit fördert. Die grundlegende Lebenseinstellung scheint dabei ähnlich wie bei Optimisten die entscheidende Wirkung zu haben. Eine größere Gelassenheit und ein Grundvertrauen machen sie belastbarer und dadurch unter Umständen gesünder.

Auch im Krankheitsfall kann der Glaube an einen Gott oder an ein ewiges Leben Halt geben und Trost spenden. Manchen gläubigen Menschen ist das allerdings nicht genug: Glauben soll noch mehr "können", nämlich die Krankheit auch heilen.

Auf der Suche nach einer Heilwirkung wurden daher schon einige Studien durchgeführt. Im Mittelpunkt standen meist das Gebet und seine unmittelbare Auswirkung auf eine Krankheit. Beten - das direkte "Zwiegespräch" mit dem jeweiligen Gott - gehört zu den zentralen Ritualen christlicher und anderer Religionen.

Nutzlos, wenn nicht schädlich

Die bisherigen Ergebnisse waren allerdings meist eher ernüchternd. Besonders diskutiert wurde etwa eine Studie aus dem Jahr 2006. Dabei ließen die Forscher drei christliche Gruppen für die Genesung eines Teils der insgesamt 1.800 Herzpatienten beten, und zwar vom Abend vor der Operation über einen Zeitraum von zwei Wochen.

Zumindest innerhalb dieses Zeitraums wurde eine komplikationsfreie Genesung dadurch nicht begünstigt. Im Gegenteil: Bei jenen 600 Kranken, die von den Gebeten informiert worden waren, kam es bei 59 Prozent zu Komplikationen, bei den anderen in nur 52 Prozent der Fälle. Die Forscher selbst kommentierten diese Ergebnisse nur sehr vorsichtig und betonten das spezielle Setting.

"Heilende Hände"

In der aktuellen Studie der Forscher rund um Candy Gunther Brown von der Indiana University Bloomington wurde nun ebenfalls die Wirkung von Fürbitten untersucht, bei welchen man den angesprochenen Gott gewissermaßen konkret um etwas bittet. Unterstützt wurde die Arbeit im Rahmen eines größeren Projekts der amerikanischen John Templeton Foundation über die kulturelle Bedeutung spiritueller Heilungen. Die Stiftung ist bekannt für ihr Interesse an "großen", sprich religiösen Fragen bzw. ihre einschlägige Vergabe von Fördergeldern.

Die Wissenschaftler konzentrierten sich auf eine spezielle Form der Fürbitten, wie sie etwa von der Pfingstbewegung oder Charismatischen Bewegung praktiziert werden. Beides sind christliche Strömungen, die derzeit einen starken Zustrom verzeichnen. Weltweit haben sie schon jetzt etwa 500 Millionen Anhänger. Das Bitten bzw. Beten um Heilung spielt bei beiden eine zentrale Rolle.

Noch größere Wirkung wird Fürbitten bei diesen Glaubens-gemeinschaften zugeschrieben, wenn sie in unmittelbarer Nähe des "Nutznießers" gesprochen werden. Dabei kommt es mitunter zu direktem Körperkontakt - die Praxis erinnert stark an das Handauflegen von Wunderheilern. Ganz ähnlich wird auch bei den untersuchten christlichen Bewegungen manchen Personen eine besondere Heilkraft attestiert. Anders als in früheren Studien, bei welchen die Fürbeter auch weit entfernt sein konnten, wissen die Betroffenen bei dieser Methode natürlich immer von ihrem "Glück". Laut Brown könnte dies jedoch konkreten therapeutischen Nutzen haben.

Blinde sehend machen

Um psychische Faktoren zu minimieren, wählten die Forscher zwei körperliche Beeinträchtigungen, die - soweit man weiß - davon relativ unabhängig sind, nämlich Seh- und Hörschwächen. Sie untersuchten insgesamt 24 Betroffene in Mozambique, wo besagte christliche Gruppen recht aktiv sind. 14 davon hörten schlecht, zehn waren fehlsichtig und einer litt unter beiden Krankheiten. Die Veränderungen der körperlichen Funktionen wurden infolge der Rahmenbedingungen mit eher einfachen Methoden gemessen, mittels Audiometer und Sehtest.

Bei den Fürbitten platzierten die Betenden eine Hand auf dem Kopf des Betroffenen, manchmal umarmten sie ihn zusätzlich. Unmittelbar danach zeigte sich laut den Forschern bei einem großen Teil der Teilnehmer tatsächlich eine signifikante Verbesserung, zwei der hörgeschädigten Personen verzeichneten sogar eine Steigerung des Hörvermögens um 50 Dezibel.

Ergänzende Therapie

Es gibt allerdings einige Einschränkungen, wie die Wissenschaftler selbst einräumen: Unter anderem die sehr provisorischen Rahmenbedingungen ohne moderne diagnostische Einrichtungen. Zudem war die Gruppe der Probanden nicht sehr groß, und es gab keine Kontrollgruppe. Auch über Langzeitwirkungen weiß man natürlich nichts. Dennoch meinen sie, dass die gemessenen Effekte über die von Hypnose oder Placebo hinausgingen. Das lege ein Vergleich mit Studien dazu nahe. Für den Mechanismus hinter der Wirkung haben sie allerdings soweit noch keine Erklärung.

Ob das Beten an sich tatsächlich heilsam ist, bleibt also weiter zu untersuchen - menschliche Nähe, wie sie beim Beten mit Handauflegen stattfindet, kann bei körperlichen Gebrechen vermutlich zumindest nicht schaden. Laut den Forschern könnte die Methode immerhin als ergänzende therapeutische Maßnahme eingesetzt werden, besonders in Gegenden mit schlechter Infrastruktur und medizinischer Versorgung. Fragt sich, ob es nicht christlicher wäre, diese selbst zu verbessern.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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