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Hansi Hinterseer singt

Volksmusik und Schlager: Beliebt und belächelt

Mögen Sie auch Andrea Berg, Hansi Hinterseer und die Stoakogler? Wenn ja, sind Sie in guter Gesellschaft. Am liebsten hören die Österreicher Volksmusik und Schlager. Gleichzeitig sind diese Musikrichtungen aber jene, die am negativsten beurteilt werden. Wie kommt es zu dieser Schere?

Musiksoziologie 09.08.2010

Michael Huber, Musiksoziologe an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, hat die Musikvorlieben der Österreicher untersucht und ist dabei auf den Effekt der sozialen Erwünschtheit gestoßen: Jede Gesellschaft sieht bestimmte Meinungen als positiv an, eine Positionierung abseits davon wird als unangenehm empfunden.

Das gilt auch für Fragen nach musikalischen Vorlieben, bei denen es häufig verzerrte Antworten gibt.

Die Studien:

Die Studie "Zum Sozialprestige von Musikstilen in Österreich" von Michael Huber wurde im Heft 2/2010 der "Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft" veröffentlicht. Die Studie "Wozu Musik? Musikalische Verhaltensweisen, Vorlieben und Einstellungen der ÖsterreicherInnen", ebenfalls unter der Leitung von Huber durchgeführt, wurde vom Institut für Musiksoziologie veröffentlicht.

Soziale Erwünschtheit

Die Sozialwissenschaftler Susanne Rippl und Christian Seipel beschreiben in ihrem Buch "Methoden kulturvergleichender Sozialforschung"den Effekt der sozialen Erwünschtheit folgendermaßen: Man beantwortet Fragen nicht entsprechend der eigenen Meinung, sondern entsprechend subjektiv wahrgenommener sozialer Normen.

Da jede Kultur verschiedene soziale Normen hat, ist der Effekt kulturspezifisch. Außerdem kann er situationsspezifisch (z.B. durch den Interviewer) oder durch gesellschaftliche bzw. gruppenspezifische Normen auftreten. Der Effekt führt vor allem bei sozialwissenschaftlichen Befragungen und marktwirtschaftlichen Umfragen zu Verzerrungen.

Lieblingsmusik der Österreicher:

1. Volksmusik / Schlager (19 %)
2. Rockmusik abseits der Hitparaden (17 %)
3. Oldies (14 %)
4. Aktuelle Hitparaden-Musik (12 %)
5. Klassik (11 %)
6. Jazz (6 %)
7. HipHop/ Soul (5 %)
8. Techno/ House (4 %)
9. Musicals (2 %)

Sozialprestige der Musikstile:

1. Musicals
2. World Music
3. Aktuelle Hitparaden-Musik
4. Oldies
5. Klassische Musik
6. Kunstmusik des 20. Jahrhunderts
7. Jazz
8. Rockmusik abseits der Hitparaden
9. HipHop / Soul
10. Techno / House
11. Volksmusik / Schlager

Schlager und Volksmusik ohne Prestige

Aus den Ergebnissen der Studie aus 2009 ermittelte Michael Huber vom Institut für Musiksoziologie in Wien das Sozialprestige von Musikstilen: Dieses ergibt sich aus der Differenz der Bewertung von Musik und der Häufigkeit des tatsächlichen Musikkonsums.

Musicals, Hitparadenmusik und World genießen hierzulande ein sehr hohes Sozialprestige. Klassische Musik wird als neutral angesehen, Jazz und Rock rangieren auf den hinteren Plätzen. Schlager und Volksmusik fristen ein Dasein mit niedrigstem Sozialprestige - und das obwohl sie bei den Österreichern extrem beliebt sind.

Aber warum haben ausgerechnet Musicals so ein hohes Sozialprestige? "Wenn ich erzähle, dass ich beim Elisabeth-Musical war, wird mich niemand schief anschauen. Im Gegenteil: Das ist oft ein Tagesausflug nach Wien, von dem man gerne seinen Freunden erzählt. Wenn ich aber sage, dass ich beim Musikantenstadl war, kann es passieren dass jemand sagt: 'Schau dir den an'", sagt Huber. Damit erklärt er exemplarisch das Phänomen der sozialen Erwünschtheit von Musikstilen.

Geld für tote Musiker

Laut Huber ist unter anderem die Kultur- und Bildungspolitik für das Sozialprestige von Musikstilen verantwortlich. Bezeichnend ist seiner Meinung nach beispielsweise, dass der Bund jährlich klassische Musik mit über 100 Millionen Euro fördert und Popmusik bzw. zeitgenössische Kunstmusik mit nur fünf Millionen Euro: "Das Geld verdienen hier Musiker, die schon seit 200 Jahren tot sind."

Außerdem sei in Österreich klassische Musik traditionell erwünscht, während Schlager und Popmusik als Musik der Ungebildeten angesehen werde.

Musikrichtung als System der Abgrenzung

Hinzu kommt, dass jedes Musikgenre eigene Gesetzmäßigkeiten hat. Nach Huber handelt es sich bei jedem Genre um ein "selbstreferenzielles System". Nach Niklas Luhmann, dem Kommunikationswissenschaftler und Vertreter der Systemtheorie, handelt es sich dabei um Systeme, die sich auf sich selbst beziehen und sich von ihrer Umwelt abgrenzen.

Huber beschreibt dieses Phänomen am Beispiel des Indierock-Bereiches: "Es gibt Musik, die cool ist, aber wenn sie auf Ö3 läuft, überlegen manche: Kann ich das noch mögen oder muss ich mein T-Shirt jetzt wegschmeißen?" Musikstile stehen oft in Zusammenhang mit einem typischen Publikum. Durch eine positive Bewertung erfolgt eine "Eingemeindung" und somit eine gesellschaftliche (Neu-)Positionierung.

Durch Musikgeschmack grenzt man sich ab, insbesondere von jenen, zu denen man nicht gehören will. "Wenn man den Begriff "Klassik" oder "Schlager" hört, hat man sofort ein Bild des Hörers im Kopf und checkt ab: Will ich auch einer von denen sein oder nicht?"

Auch eine Altersfrage

Diese Grenzen waren nie natürlich, sondern wurden vor allem von Plattenfirmen gezogen. Durch das Internet sind die Grenzen zunehmend verschwommen: "Jetzt bestimme ich selbst, welche Musik mich interessiert und lasse mich nicht mehr einteilen. Es ist nicht mehr möglich, dem Gesamtpublikum ein Angebot vorzuenthalten und das ist auch die große Qualität des Internets", so Hubert.

Er beschreibt noch einen weiteren Aspekt, der mit der Entstehung von Sozialprestige in Zusammenhang steht: Sozialprestige von Musikstilen ist altersabhängig. Wer ältere Leute bittet, Techno und HipHop zu bewerten, wird ein negatives Ergebnis bekommen.

Hubers Schlussfolgerung: "Es macht einen Unterschied, ob ich in Innsbruck oder in Amsterdam eine Umfrage mache. In einer älteren Gesellschaft haben junge Musikstile tendenziell weniger Chancen."

Christine Baumgartner, science.ORF.at

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