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Der verspottete Tod der Gossen-Dichter

Manche wenig erfolgreiche Literaten des 18. Jahrhunderts lebten in heruntergekommenen Vierteln großer Städte und schlugen sich mit schlecht bezahlten Auftragsarbeiten durch. Brachten sie sich aus Frust selbst um, wurden sie damals in Frankreich in den Zeitungen verhöhnt.

Geschichte 06.08.2010

Erfolglose Schreiberlinge

Sie schrieben über den Adel und den Klerus, verdingten sich mit erotischen Romanen, verbreiteten Gerüchte und denunzierten gegen Auftrag mit ihren Schriften mächtige und berühmte Persönlichkeiten. Ihre eigene literarische Karriere verlief hingegen meist glücklos.

Zum Essay:

Der Text "Grub Street and Suicide: A View from the Literary Press in Late Eighteenth-Century France" ist online in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Journal for Eighteenth-Century Studies" erschienen (Abstract, PDF).

Nahmen sie sich in ihrer misslichen Lage das Leben, setzte mancherorts die Presse noch eines oben drauf. So etwa in Frankreich. Dort wurden die gescheiterten Schreiber in Zeitungen mit Spott und Hohn überhäuft, wie der Historiker Jeremy L. Caradonna von der Universität Alberta in Edmonton in einem soeben erschienen Essay schreibt.

Zwischen Bordellen und Spelunken

Mit ihren Auftragsarbeiten schlugen sich die so genannten Grub-Street-Autoren des 18. Jahrhunderts durchs Leben. Benannt ist diese Art von Schriftstellern, Dichtern und Journalisten nach einer Straße in London, in der sich damals besonders viele der mäßig erfolgreichen Autoren und Verlage versammelten. Es war ein ärmlicher Stadtteil, in dem die Straße lag, die Autoren lebten zwischen Bordellen und Spelunken und kämpften finanziell meist ums Überleben.

Der Begriff der Grub-Street-Autoren etablierte sich später für diese Kategorie der Schriftsteller auch in anderen Regionen. Laut Caradonna widmen sich Historiker in letzter Zeit immer mehr der Geschichte dieses literarischen Proletariats in den Jahrzehnten vor der französischen Revolution. In der Geschichtsforschung würden diese Autoren in Anlehnung an den französischen Schriftsteller, Philosophen und Pädagogen Jean-Jacques Rousseau auch als "Gossen-Rousseaus" bezeichnet.

"Ein Monument von Lügen"

Nach ihrem Freitod waren viele der Autoren in den Skandalblättern der damaligen Zeit Spott und Hohn ausgeliefert. Man dramatisierte die Umstände des Todes und machte sich über das mangelnde künstlerische Können lustig. Dazu mag auch beitragen haben, dass manche der Grub-Street-Autoren zu Lebzeiten selbst anständig ausgeteilt haben. Sie schrieben oft Texte für mächtige Auftraggeber und bekannte Personen, in denen deren Widersacher öffentlich denunziert wurden.

Gelegentlich kamen die unrühmlichen Nachrufe auf jene Autoren auch aus der spitzen Feder eines ehemals konkurrierenden Literaten. Der Selbstmörder habe der Welt durch seine Tat einen Gefallen getan, hieß es mitunter.

Caradonna zitiert aus dem Text des Schriftstellers Simon-Nicholas Henri Linguet über seinen verstorbenen Kollegen Pidensat de Mairobert: Zunächst wird das Werk des Toten schlecht gemacht, dann wird dieser als Parvenü bezeichnet, schließlich als unverschämt und niveaulos. Mairobet sei ein "Monument von Lügen" und ein "Reservoir teuflischer Hochstapeleien" gewesen. Laut Caradonna dürfte Mairobet zu Lebzeiten durch seine eigenen Texte in einer Schriftenreihe mit dem Titel "Mémoires Secrets" möglicherweise zu viele und die falschen Leute beleidigt haben.

Wahrheit und Fiktion

Wie mit den selbstmörderischen Literaten in der Presse damals umgegangen wurde, unterschied sich von Land zu Land. In England etwa sei es den großen Tageszeitungen möglich gewesen, über das Thema frei zu schreiben. Drei Arten von Texten über Selbstmorde haben Historiker in der englischen Presse gefunden: trockene und moralisch neutrale Berichte, Briefe von Konservativen, die gegen die Toleranz des Selbstmordes anschrieben, und eine stark zunehmende Kategorie dramatisierender Texte, die Fakten und Erfindungen vermischten. Durch detailreiche Beschreibungen und literarische Stilelemente wollte man den Tod fremder Personen für die Leserschaft interessant machen.

In Frankreich hingegen hatte die Presse weniger Freiheiten. Die großen Zeitungen vermieden meist das damals aus moralischen Gründen heikle Thema. Umso sensationslüsterner und brutaler haben sich Caradonna zufolge Untergrundblätter auf die Materie eingelassen. Man machte sich über das Unglück der Toten lustig.

Die englische Krankheit

Statistiken über Selbstmordraten aus der damaligen Zeit gibt es Caradonna zufolge nicht. Man weiß jedoch aus vereinzelten Berichten von Chronisten der Zeit, dass in Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Fälle von Selbstmord stark zugenommen haben dürften. Als Ursache galten eine wirtschaftlich schwierige Lage, hohe Steuern und Spielschulden.

In Frankreich wurde Selbstmord damals auch als "englische Krankheit" bezeichnet. Dazu beigetragen haben dürfte David Humes Essay über den Selbstmord und die Tatsache, dass sich im 18. Jahrhundert gleich 22 Mitglieder des englischen Parlaments umbrachten.

Verstümmelt und durch die Straße geschleift

Das Interesse der Historiker an jenen unglücklichen Schriftstellern ergibt sich laut Caradonna aber auch aus einem zweiten Blickwinkel: In den letzten Jahrzehnten habe man begonnen, die Geschichte des Selbstmordes zu untersuchen, und genau in jener zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat sich auch das gesellschaftliche Bild des Freitods gewandelt. Aufklärung, Psychologie und neue Formen der Justiz führten zu einem liberaleren Umgang mit dem Thema.

Es kam zu einer Säkularisierung des Selbstmordes, er galt nicht mehr als verdammenswerte Sünde. Caradonna schreibt, dass in den 1770er-Jahren in Paris mit einer grausamen mittelalterlichen Tradition gebrochen worden sei: Die Leiche von Selbstmördern sei bis dahin vor Gericht gestellt, rituell verstümmelt, von einem Pferd durch die Straßen geschleift und dann in nicht gesegnetem Boden verscharrt worden.

Verrückt und krankhaft

Einen leichten Stand hatten Selbstmörder allerdings durch das weltlichere Bild noch nicht. Schließlich sei durch die Säkularisierung auch das Lachen über das Thema und damit jene für Frankreich typische Berichterstattung über sich selbst tötende Literaten möglich geworden.

Die Medizin der Zeit betrachtete das Unterfangen als krankhaft und verrückt. Das Thema sei allerdings dem Tabu und der Sünde entrissen worden und konnte dadurch in den Zeitungen diskutiert werden - auch wenn die Betroffenen dadurch sozusagen am Papier durch die Straßen geschleift wurden.

Mark Hammer, science.ORF.at

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