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Schädel eines Terrorvogels

Wie Terrorvögel töteten

"Terrorvögel" wird eine Gruppe flugunfähiger räuberischer Großvögel genannt, die vor Jahrmillionen in Südamerika lebten. Ein Vertreter dieser Gruppe erlegte seine Beute offenbar per Zermürbungstaktik, dem Motto folgend: Stete Schnabelhiebe sind besser als rohe Gewalt.

Paläontologie 19.08.2010

Ein Kopf als Waffe

Andalgalornis steulleti war nicht der größte seiner Klasse. Mit 1,4 Metern Höhe und 40 Kilogramm Masse rangierte er, körperlich gesehen, im Mittelfeld der Terrorvögel, die eine Größe von zwei Metern und mehr erreichten. Was seine Gestalt betraf, war Andalgalornis ebenfalls ein typischer Vertreter der geflügelten Raubtiere: Sein überdimensionaler Schädel maß 37 Zentimeter, den gebogenen, massiven Schnabel verwendete er als Waffe. Wie er das genau tat, haben nun fünf Forscher um den argentinischen Paläontologen Federico Degrange geklärt.

Degrange und seine Kollegen kamen der Jagd- und Kampftechnik des Terrorvogels durch CT-Scans und nachfolgende biomechanische Berechnungen auf die Spur. Analysen des Schädelknochens zeigten zunächst, dass dieser innerlich ganz und gar nicht wie jener eines Vogels aussieht.

Schädelknochen im Größenvergleich

Ohio University

Schädel von Andalgalornis steulleti im Größenvergleich mit Steinadler und Mensch.

"Die Knochen von Vogelschädeln sind an sich untereinander sehr beweglich. Sie sind fest, aber sehr leicht", sagt Lawrence Witmer von der Ohio University, einer der Co-Autoren. "Bei Andalgalornis sind die beweglichen Teile jedoch verwachsen. Das Tier hatte entlang der Längsachse einen extrem massiven Schädel - und einen kuriosen, ausgehöhlten Schnabel."

Kopfschütteln verboten

Witmers Kollege Stephen Wroe führte am Computer biomechanische Simulationen durch und bestätigte im Wesentlichen die Ergebnisse der CT-Scans: "Dieser Terrorvogel konnte zwar den Schnabel gut vor- und zurückbewegen. Aber bei schüttelnden Bewegungen leuchtete der Schädel am Bildschirm wie ein Christbaum. Für diese Belastung ist er offensichtlich nicht ausgelegt."

Die Beute zu schütteln ist unter Vögeln, speziell unter den heutigen Raubvögeln, eine weit verbreitete Tötungsstrategie - aber Andalgalornis war dazu nicht imstande.

Alieske Kampftechnik

Der Terrorvogel war den biomechanischen Analysen zufolge aber auch kein Kraftmeier, der seine Beute mit einem Schnabelhieb erledigte. Wie Federico Degrange und seine Kollegen schreiben, spezialisierte er sich auf eine Kampftechnik, die man wohl am ehesten als Zermürbung durch gesicherte Offensive bezeichnen kann: Fortgesetzte, gezielte Schnabelhiebe mit taktischen Rückzügen war wohl seine Strategie, um seine Beutetiere zur Strecke zu bringen, wie etwa pflanzenfressende Säugetiere von der Größe einer Katze.

Die Forscher vergleichen diesen Kampfstil gar mit dem "eleganten Stil von Muhammad Ali", der seine Gegner auf die Bretter schickte, weil er schnell und oft schlug, oft traf, aber selbst kaum getroffen wurde. Kurzformel: "Float like a butterfly, sting like a bee".

Den Vergleich ziehen die Forscher freilich nur in einer Aussendung, in der Studie lautet die entsprechende Aussage dann ein wenig nüchterner: "Andalgalornis verwendete multiple und gezielte sagittale Schläge mit dem Schnabel und bediente sich einer repetitiven Angriffs-Rückzugs-Strategie."

Robert Czepel, science.ORF.at

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