Standort: science.ORF.at / Meldung: "Die Ethik in Zeiten der Neurowissenschaft"

Gläserner Kopf

Die Ethik in Zeiten der Neurowissenschaft

"Was sollen wir tun?", hieß die Frage nach der Moral noch bei Immanuel Kant. Mit den Fortschritten der Hirnforschung wurde die Beantwortung der Frage noch ein bisschen komplizierter. Wenn das Ich ein Gehirnkonstrukt ist, braucht es eine neue Ethik, eine Bewusstseinsethik. Ihre Umrisse skizziert der Neurophilosoph Thomas Metzinger in einem Gastbeitrag.

Forum Alpbach 2010 19.08.2010

Er leitet beim Europäischen Forum Alpbach 2010 ein Seminar zu dem Thema.

Was ist ein guter Bewusstseinszustand?

Von Thomas Metzinger

Über den Autor:

Porträtfoto des Neurophilosophen Thomas Metzinger

Universität Mainz

Thomas Metzinger ist Professor für Philosophie und Leiter des Arbeitsbereichs Theoretische Philosophie an der Universität Mainz und Adjunct Fellow am Frankfurt Institute for Advanced Studies. Bei dem Text handelt es sich um einen Ausschnitt seines jüngsten Buchs "Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik", das im Berlin-Verlag erschienen ist.

Cover des Buchs "Der Ego-Tunnel"

Berlin-Verlag

Neuroethik ist wichtig, aber für sich allein genommen, ist sie nicht genug. Ich schlage einen neuen Arbeitsbegriff vor, sozusagen einen kleinen neuen Zweig der angewandten Ethik - "Bewusstseinsethik". In der traditionellen Ethik fragen wir: "Was ist eine gute Handlung?" Jetzt sollten wir außerdem fragen: "Was ist ein guter Bewusstseinszustand?" Ich bin mir der Tatsache vollkommen bewusst, dass an dieser Stelle eine Flut theoretischer Komplikationen auf uns zukommt.

Zwei Beispiele sollen genügen: Erstens könnte ein Naturalist immer dann, wenn ich [in diesem Buch] von "Autonomie" gesprochen haben - zum Beispiel wenn ich dafür argumentiert habe, das pure ideologische Ressentiment und eine rein defensive Haltung zu überwinden und die Erkenntnisse der Neurowissenschaft auch auf kreative und konstruktive Weise zur "Autonomieerhöhung" zu verwenden -, nur noch einen schwachen Autonomiebegriff voraussetze, der mit Flexibilität und Kontextsensitivität zu tun hat, aber nicht mehr mit einer starken Form von Willensfreiheit.

Zweitens gibt es natürlich die wesentlich tiefere Frage, wie man vor einem naturalistischen Hintergrund überhaupt noch sagen könnte, dass es so etwas wie Werte gibt, dass das "Gutsein" einer Handlung oder eines Bewusstseinszustands eine objektive Tatsache ist - und nicht nur etwas, das die Evolution in unser subjektives Wirklichkeitsmodell eingebaut hat, weil es sich als erfolgreich erwiesen hat. Anders gefragt: Drücken Sätze wie "Wir sollten bewusstes Leiden bei allen leidensfähigen Wesen minimieren!" überhaupt eine Erkenntnis über die Wirklichkeit aus, oder sind sie im Grunde weder wahr noch falsch?

Drei Bedingungen

Ich werde hier keine ausgedehnte Diskussion dieser Fragen präsentieren. Meine eigene Intuition besagt, dass ein wünschenswerter Bewusstseinszustand mindestens drei Bedingungen erfüllen sollte: Er sollte Leid minimieren, nicht nur bei uns Menschen, sondern auch bei allen anderen leidensfähigen Wesen; idealerweise sollte er ein epistemisches Potenzial besitzen (das heißt, dass er eine Komponente der Einsicht und der Erweiterung von Wissen haben sollte) - und er sollte Verhaltenskonsequenzen haben, die die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten weiterer wertvoller Bewusstseinszustände in der Zukunft erhöht.

In der Bewusstseinsethik geht es nämlich nicht nur um das phänomenale Erleben selbst. Es gibt einen größeren Zusammenhang.

Entwicklung einer Bewusstseinsethik

Seminar beim Forum Alpbach:

Thomas Metzinger leitet gemeinsam mit Olaf Blanke beim Europäischen Forum Alpbach 2010 das Seminar "What is a conscious self? Towards a theory of subjectivity and selfhood" (20.-25.8.2010). science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor.

Die Bewusstseinsethik würde die traditionelle Ethik ergänzen, indem sie sich auf all jene Handlungen konzentriert, deren primäres Ziel in der Veränderung des eigenen subjektiven Erlebens oder desjenigen anderer Personen besteht. Angesichts der vielen neuen Möglichkeiten für solche Handlungen und der mit ihnen verknüpften Risiken und angesichts des Versagens unserer eigenen moralischen Intuitionen in diesem Bereich besteht die Aufgabe darin, den ethischen Wert verschiedener Formen des subjektiven Erlebens als solchen zu untersuchen und einzuschätzen.

Man könnte dies auch als die rationale Suche nach einer normativen Psychologie oder als "normative Neurophänomenologie" bezeichnen. Wenn als Folge der naturalistischen Wende im Menschenbild neue Technologien der Bewusstseinsveränderung entstehen, dann müssen wir uns auch ernsthaft mit normativen Fragestellungen auseinandersetzen. Die Entwicklung einer Bewusstseinsethik würde es uns erlauben, die ethischen Debatten über das breite Spektrum unterschiedlicher Probleme, die sich aus dem begonnenen historischen Übergang ergeben, gleichsam unter einem Generalthema zu bündeln.

Sobald wir uns damit beschäftigen, was denn nun ein Mensch ist und was ein Mensch sein sollte, lässt sich der zentrale Punkt in einer einzigen Frage ausdrücken: Was ist ein guter Bewusstseinszustand?

Ein heutiger Begriff von Würde

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2010 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen (Freitag, 27.8., und Montag, 30.8, 19.06 Uhr) und bei der Kinderuni (Sonntag, 19.9. und 17.11).

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

[…] Viele befürchten, dass wir im Verlauf der naturalistischen Wende im Menschenbild unsere Würde verlieren werden. "Würde" ist ein Begriff, der bekanntlich sehr schwer zu definieren ist - und er taucht normalerweise genau in dem Moment auf, in dem seinen Vertretern die Argumente ausgegangen sind.

Es gibt jedoch mindestens einen klaren Sinn, der mit Selbstachtung und dem Respekt gegenüber anderen zu tun hat - nämlich dem bedingungslosen Willen zur Selbsterkenntnis, zur Wahrhaftigkeit und dazu, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

Würde besteht in der Weigerung, sich selbst zu erniedrigen, indem man einfach wegschaut oder in irgendein metaphysisches Disneyland flüchtet. Wenn wir tatsächlich so etwas wie Würde besitzen, dann können wir diese Tatsache genau jetzt durch die Art und Weise demonstrieren, in der wir den Herausforderungen der Zukunft begegnen.

Praktische und theoretische Herausforderungen

Wir könnten dem historischen Übergang in unserem Selbstbild kreativ und mit einem Willen zur Klarheit entgegentreten. Es ist auch klar, wie wir unsere Würde verlieren könnten: Indem wir uns an die Vergangenheit klammern, eine Kultur der Verdrängung entwickeln und in die verschiedenen Formen des Irrationalismus und des Fundamentalismus zurückfallen.

Bei den Arbeitsbegriffen "Bewusstseinsethik" und "Bewusstseinskultur" geht es genau darum, dass wir unsere Würde nicht verlieren - indem wir eine neue Ebene der Autonomie beim Umgang mit unserem eigenen bewussten Geist erreichen. Wir dürfen jetzt unsere Selbstachtung nicht verlieren, aber wir müssen auch realistisch bleiben und sollten uns keinerlei utopistische Illusionen machen: zumindest im großen Maßstab sind die Chancen dafür, den Tiger erfolgreich zu reiten, nicht sehr groß.

Aber wenn wir es doch schaffen sollten, dann könnte eine neue Bewusstseinskultur die Leere füllen, die entsteht, während die Bewusstseinsrevolution sich mit wachsender Geschwindigkeit zu entfalten beginnt. Es gibt praktische Herausforderungen, und es gibt theoretische Herausforderungen. Die größte praktische Herausforderung besteht darin, die Ergebnisse der jetzt aufkommenden ethischen Debatten auch tatsächlich zu implementieren.

Die größte theoretische Herausforderung könnte in der Frage bestehen, ob und wie angesichts unserer neuen Situation intellektuelle Redlichkeit und Spiritualität jemals miteinander vereinbart werden können. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mehr zum Europäischen Forum Alpbach 2010: