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Ein Ortsschild Richtung "Fairness", das die "Ausbeutung" hinter sich lässt.

Social Entrepreneurship: Hype mit Substanz?

"Social Entrepreneurship" heißt ein Schlagwort der Ökonomie, das zuletzt starke Konjunktur hatte. Entsprechende Unternehmer wollen zu einer positiven Entwicklung der Gesellschaft beitragen. Ob es sich dabei um einen alten Wein in neuen Schläuchen handelt, wägen die Ökonomen Johanna Mair, Michael Meyer und Kollegen in einem Gastbeitrag ab.

Forum Alpbach 2010 20.08.2010

Sie leiten beim Europäischen Forum Alpbach 2010 ein Seminar zu dem Thema.

Unternehmertum und soziale Innovation

Von Johanna Mair, Michael Meyer, Reinhard Millner und Peter Vandor

Über die Autoren:

Die Ökonomen Johanna Mair, Michael Meyer, Reinhard Millner und Peter Vandor im Porträt.

privat

Johanna Mair ist Professorin für Strategisches Management an der IESE Business Schoolin Barcelona. Michael Meyer (r.o.) ist Universitätsprofessor für Betriebswirtschaftslehre und Leiter der Abteilung für Nonprofit-Management an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Reinhard Millner (l.u.)ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Nonprofit Management der WU Wien, Peter Vandor (r.u.) ist Research Assistant am Institut für Entrepreneurship und Innovation, WU Wien.

Social Entrepreneurship (SE) hat weltweit in den letzten zehn Jahren in der akademischen Debatte und sozialunternehmerischen Praxis große Aufmerksamkeit erfahren. So wurde der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus 2006 für sein Konzept des Microfinance und Wangari Maathai 2004 für ihren Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung, Demokratie und Frieden ausgezeichnet.

Zahlreiche Initiativen (z.B. Dialog im Dunkeln in Deutschland und Österreich) zeigen, dass Social Entrepreneurship nicht nur auf die Verbesserung der Lebensbedingungen in Entwicklungsländern abzielt, sondern auch in zahlreichen entwickelten Ländern Einzug findet.

SE wird generell als neuartiger Ansatz verstanden, soziale Probleme und gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Soziale Unternehmer bedienen sich dabei unorthodoxer, neuer Leistungs- und Geschäftsmodelle. Ein Beispiel ist das non-profit Pharmaunternehmen Institute of One World Health. One World Health entwickelt Medikamente für Krankheiten wie das Schwarze Fieber oder Calazar, von denen viele Millionen Menschen betroffen sind, die mangels zahlungskräftiger Kunden und effizienter Vertriebsstrukturen für etablierten Pharmafirmen jedoch unattraktiv sind.

Die Medikamentenentwicklung stütz sich dabei auf Wirkstoffe, die von Pharmaunternehmen zwar entwickelt, aber später aufgegeben wurden. Etablierte Pharmaunternehmen stellen dieses brachliegende Know-How gerne zur Verfügung, da es als Spende an eine NGO in vielen Ländern steuerlich absetzbar ist.

Social Entrepreneurship im Trend

Seminar beim Forum Alpbach:

Johanna Mair und Michael Meyer leiten beim Europäischen Forum Alpbach 2010 das Seminar "Social Entrepreneurship" (20.-25.8.2010). science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor.

Die steigende Bedeutung von sozialem Unternehmertum lässt sich an der Vielzahl der Strukturen ablesen, die in den vergangenen Jahren rund um SE geschaffen wurden. Verschiedenste Konzepte und neuartige Finanzierungsmodelle konnten sich etablieren.

Internationale Stiftungen, Philanthropen und Netzwerke wie das von Ashoka haben sich der Unterstützung von SE verschrieben. Ebenso haben die wissenschaftlichen Forschungsanstrengungen zugenommen. International renommierte Universitäten (wie Harvard, Stanford, Oxford, IESE, u.v.m.) arbeiten an Forschungsprojekten und Lehrprogrammen zu SE. Die Anzahl an akademischen Publikationen Thema Social Entrepreneurship ist in den letzten 20 Jahren um das Siebenfache gestiegen.

Angesichts dieses Interesses ist klar: Social Entrepreneurship liegt im Trend. Aber wird das Phänomen Social Entrepreneurship nachaltig bestehende Strukturen verändern oder beschränkt es sich lediglich auf ein kurzlebiges Gastspiel im öffentlichen Diskurs?

Viele Gesichter: Von Social Innovation…

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2010 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen (Freitag, 27.8., und Montag, 30.8, 19.06 Uhr) und bei der Kinderuni (Sonntag, 19.9. und 17.11).

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Social Entrepreneurship hat viele Gesichter. In der Politik ist Social Entrepreneurship besonders im angloamerikanischen Raum präsent. Als größter Verfechter der jüngeren Zeit gilt Tony Blair, unter dessen Regierung unternehmerisches Handeln im sozialen Sektor mit zahlreichen Gesetzen gefördert wurde.

In die Unternehmenswelt hat SE als "Social Intrapreneurship" und "bottom of the pyramid business" Einzug gehalten. Auf der Suche nach Wachstumsmärkten entdecken viele Unternehmen das Potential von Menschen mit niedrigem Einkommen, die in Entwicklungsländern zahlenmäßig die größten Märkte darstellen und entwickeln neue Geschäftsmodelle, um diese Menschen zu erreichen.

…bis Venture Philantrophy und Entwicklung

In der Philanthropie nähert man sich der Idee über "Venture philantropy". Diese nimmt starke Anleihen an der Gedankenwelt des Venture Capital und legt Wert auf die Innovativität und Skalierbarkeit sozialer Geschäftsmodelle.

Nicht zuletzt findet Social Entrepreneurship Widerhall in der Entwicklungszusammenarbeit. Die Weltbank legt zunehmend Wert auf die Unterstützung von lokalem Entrepreneurship durch Kleinunternehmen und "Grassroot"-Organisationen, die es der Bevölkerung ermöglichen, sich selbst aus der Armut zu helfen.

Vielfalt als Vorteil

Das Phänomen Social Entrepreneurship hat nicht nur viele Gesichter, sondern auch viele Unterstützer. Diese Vielfalt bereichert den Diskurs und zeigt seine Relevanz für verschiedene Bereiche der Gesellschaft auf. Zugleich erhöht sich damit aber auch die Vagheit der SE-Begriffswelt.

Diese Vagheit ist nicht nur inter-, sondern auch intradisziplinär: Im politischen Spektrum versagen beispielweise klassische Links-Rechts Schemata am Begriff Sozialunternehmertum: Manche kritische Geister verstehen SE als Versuch einer Vermarktwirtschaftlichung des Sozialen, zugleich sind es vor allem vermeintlich "linke" Regierungen (z.B. Blair, Obama), die das Thema auf ihre Agenden heben.

Applaus gibt es von allen Seiten. Darin offenbart sich eine der Stärken der Vagheit: Sie erlaubt das Andocken an verschiedene, konträre Weltsichten und ebnet Ideen aus verschiedenen Teilen der Gesellschaft den Weg in den Diskurs.

Weichenstellungen: Staat, Unternehmen & Gesellschaft

Ein weiterer Indikator dafür, dass es sich um mehr als einen kurzfristigen Hype handeln könnte, ist die Herausbildung dauerhafter Strukturen: Eine Reihe von Ländern wie Italien, England, Japan und die USA haben in den letzen Jahren rechtliche Rahmenbedingungen für neue Organisationsformen geschaffen. In Italien wurde der Rechtsstatus von sozialen Kooperativen neu geregelt, in England wurde der Titel der "community interest companies" ins Leben gerufen, von denen seit 2005 55.000 gegründet wurden.

Neben dem Staat sind es oft privatwirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Akteure, die langfristige Infrastruktur schaffen. So gibt es beispielsweise in Österreich viele Initiativen, die sich dem Thema des Social Entrepreneurship und Social Business widmen. Ideenwettbewerbe (z.B. Ideen gegen Armut, Social Impact Award, Essl Social Preis), Plattformen (The Hub Vienna), Kampagnen und Förderinstitutionen (Social Business Tour, Good Bee & Erste Stiftung) setzen Akzente und fördern soziales Unternehmertum.

In der Unterschiedlichkeit der Proponenten zeigt sich die weitere interessante Eigenschaft des Social Entrepreneurship-Diskurs: es verwischt in Inhalt wie Form die klassische Rollenverteilung der Gesellschaft, die Unternehmen die Wertschöpfung und Staat wie Zivilgesellschaft die Umverteilung zuschreibt. Friedmans "the business of business is business" wird darin ebenso zur Diskussion gestellt, wie die Idee eines "Vater Staats", der in allen Bereichen alleinige Verantwortung für seine Bürger übernimmt.

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Sind die Inhalte und Fragen, die das Phänomen SE aufwirft, neu? Ein Blick zurück zeigt, dass in Europa Unternehmen über viele Jahrhunderte Soziales und Ökonomisches nicht als Widerspruch gesehen haben. Unter Österreichs Traditionsbanken finden sich viele, die ihren Ursprung in Kooperativen und Mikrofinanzierungs-ähnlichen Modellen haben. Ist die Debatte also doch nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Aus wissenschaftlicher Sicht scheint die Antwort klar. Der Keim für Organisationsformen wie One World Health, der Grameen Bank und vielen anderen mag nicht neu sein - unser Verständnis dieser Akteure steht jedoch erst am Anfang.

Struktur, Entstehung und Wirkungen solcher Organisationen sind noch wenig verstanden, das Wissen, um Möglichkeiten und passende Rahmenbedingungen für soziale Unternehmer zu schaffen, ist begrenzt. Der Diskurs um Social Entrepreneurship bietet so die Chance, neue Antworten auf alte Fragen zu finden.

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