Standort: science.ORF.at / Meldung: "So frei forscht es sich bei Google"

Passant vor Wand mit Google-Logo

So frei forscht es sich bei Google

Bei Google dürfen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sehr frei entscheiden, wann und in welchen Forschungsprojekten sie mitarbeiten. Jeder kann dadurch Ideen einbringen und neue Produkte entwickeln. Diese Art des Forschungsmanagements von unten bietet Vorteile gegenüber Ansätzen, die von oben herab funktionieren.

Technologiegespräche 24.08.2010

Im Interview erklärt Thomas Hofmann, Forschungsleiter von Google Zürich und Gast bei den heurigen Technologiegesprächen beim Forum Alpbach, wie das funktioniert - ebenso, wie man das Internet als Quelle für automatische Übersetzungsprogramme nutzt und was Spracherkennungen können müssen, damit Menschen in Zukunft bei Telefonmenüs einfach frei ihre Wünsche formulieren können, statt eine Liste von Fragen durchzuarbeiten.

science.ORF.at: Google nutzt kreative Formen des Forschungsmanagements. Wie schauen die aus?

Porträt Thomas Hofmann.

privat

Thomas Hofmann leitet die Forschungsabteilung von Google in Zürich. Er hat Computerwissenschaften und Philosophie in Bonn studiert. Seine bisherigen Stationen waren unter anderem das Artificial Intelligence Laboratory am MIT und das International Computer Science Institute der Universität von Kalifornien in Berkeley. Er war Direktor am Institut für Integrierte Publikations- und Informationssysteme am Fraunhofer Institut und Professor für Computerwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt. Darüber hinaus ist der Mitgründer der Firma Recommind, die sich mit Suchtechniken beschäftigt.

Bei den diesjährigen Technologiegesprächen des Europäischen Forums Alpbach diskutiert Thomas Hofmann am 27. August im Arbeitskreis „Exzellente Forschung durch exzellentes Management – Die Bedeutung von Führung und Management in der kooperativen Forschung“.

Thomas Hofmann: Eines unserer Konzepte ist das der 20-Prozent-Zeit: Jedem Mitarbeiter wird zugestanden, sich einen Tag in der Woche mit einem Projekt oder mehreren zu beschäftigen, die frei gewählt werden können und außerhalb des eigenen Hauptprojekts liegen. Das ist eine Möglichkeit, längerfristige spekulativere und forschungsorientierte Projekte zu starten und eine breitere Belegschaft zu motivieren, innovativ tätig zu sein und sich an Forschungsfragen zu versuchen.

Man kann das ohne Zustimmung des Managements machen. Ich spreche zwar schon mit meinen Mitarbeitern darüber, was in dieser Zeit getan wird, aber am Ende liegt die Entscheidung beim Mitarbeiter selbst. Wenn er die Zeit gut nutzt, ist das ein Plus für den Mitarbeiter, wenn nichts dabei raus kommt, ist es im ungünstigsten Fall eine vertane Chance.

Vertrauen Sie darauf, dass dabei immer etwas heraus kommt?

Ideen können von unten herauf bis zu einer gewissen Reife, bis zum Prototypenstadium, kommen. Dann kann man einen Innovationsprozess draufsetzen, eine Initiative zu einem Forschungsprojekt starten und eine Investition tätigen. Aber auf der untersten Ebene hat man bereits einen riesigen Pool an Prototypen und Demos, an Dingen, die schon bis zu einem gewissen Punkt betrieben worden sind.

Müssen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen da mitmachen?

Das ist freiwillig. Man kann auch sagen, dass man das nicht will. Man kann die Zeit auch geblockt nehmen oder sich zu Gruppen zusammentun. Das ist Vereinbarungssache. Man kann seine 20-Prozent-Zeit auch für Publikationen nutzen, für die im normalen Projektdruck wenig Zeit bleibt. Man kann sie auch für soziales Engagement verwenden. Es gibt fast keine Grenzen. Man soll sich nur nicht frei nehmen und nichts machen. Man muss schon etwas Vernünftiges vorschlagen.

Durch diese Maßnahmen wird aber nicht die gesamte Forschung in Ihrem Unternehmen durchgeführt?

Technologiegespräche in Alpbach

Von 26. bis 28. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet "Entwurf und Wirklichkeit in Forschung und Technologie". Dazu diskutieren Minister, Nobelpreisträger und internationale Experten.

Davor erscheinen in science.ORF.at regelmäßig Interviews mit den bei den Technologiegesprächen vortragenden oder moderierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Weitere Beiträge zu den Technologiegesprächen 2010:

Beiträge zu allen Technologiegesprächen

Wir haben schon auch eine Forschungsabteilung als organisatorische Einheit mit verwalteten Budgets. Aber bei einer separaten Forschungsabteilung stellt sich immer die Frage des internen Forschungstransfers: Eine Gruppe von Leuten treibt ein Forschungsprojekt bis zu einem bestimmten Punkt voran und erklärt es dann für abgeschlossen.

Danach steht man vor der Schwierigkeit, wie man den Transfer in die Produktentwicklung garantiert. Dafür gibt es verschiedene Modelle: Ein Forscher könnte zum Beispiel in die Entwicklungsabteilung und dann wieder in die Forschungsabteilung wechseln. Bei uns ist der Transfer typischerweise nicht das Problem, weil viele Ideen von vornherein in enger Zusammenarbeit mit den Produkt- und Entwicklerteams entstehen.

Oder wir haben Forschungsprojekte, die von vornherein eine starke Produktkomponente haben. Zum Beispiel bei der maschinellen Übersetzung. Es wäre toll, wenn jede Internetseite von jeder Sprache in jede andere übersetzt werden könnte. Das würde das verfügbare oder verstehbare Web erweitern. Das setzt eine Technologie voraus, die die Übersetzung mit einer Qualität leistet, die für den Benutzer zufriedenstellend ist.

Wie kann man zu dieser Qualität kommen?

Wir haben das Web selbst als einen großen Korpus von Texten angesehen, die in verschiedenen Sprachen vorliegen, und haben daraus Daten in unsere maschinelle Übersetzung gefüttert. Dadurch haben wir erhebliche Verbesserungen in der Qualität der Übersetzung erreicht.

Wie hat das technisch funktioniert?

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2010 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen (Freitag, 27.8., und Montag, 30.8, 19.06 Uhr) und bei der Kinderuni (Sonntag, 19.9. und 17.11).

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Die heutigen Technologien basieren sehr stark auf statistischen Modellen, die unter Verwendung vieler Daten versuchen zu verstehen, welche Wörter, Phrasen und Satzstellungen vorkommen. Traditionellerweise hat man parallele Textkorpora verwendet: zum Beispiel aus Kanada oder der EU, wo zig Protokolle in mehreren Sprachen vorliegen. Wir haben uns darum bemüht, auch im Web solche Daten zu erschließen.

Kommerzielle Systeme zur maschinellen Übersetzung sind oft nicht echtzeitfähig. Wir wollen aber, dass in Sekunden die Übersetzung da ist. Da müssen wir auch die Rechenkapazität dazu haben. Die Nutzung der maschinellen Übersetzung ist in den letzten Jahren massiv angestiegen. Und wir wollen jede Sprache in jede andere übersetzen.

Bei 40 Sprachen sind das schon 1.600 Sprachpaare. Das ist eine ganz andere Herausforderung, als wenn man sich nur um einige wenige Sprachen kümmert. Da ergeben sich oft Forschungsfragen, an die man in der akademischen Community gar nicht denkt. Und wir wollen auch die Spracherkennung am Telefon verbessern.

Wie kann das gehen?

Hier gibt es automatisierte Services, wo man mit bekanntem Vokabular und Menüpunkten arbeitet. Wir wollen aber über den Punkt hinaus kommen, wo man immer "ja", "nein", "eins", "zwei" oder "drei" sagen muss, um sich durch Menüs durchzuarbeiten. Doch es ist noch ein weiter Weg, bis man einfach frei sprechen wird und das trotzdem erkannt wird.

Dazu muss man verstehen, was der Benutzer fragen könnte. Man braucht Sprachmodelle, die wissen, wie Sätze aufgebaut sind und was überhaupt eine sinnvolle Anfrage ist, welche Kombination von Anfragewörtern wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher ist.

Das Akustische ist oft sehr verrauscht und ein schwaches Signal. Es ist recht erstaunlich, wie wir Menschen Sprache verstehen. Wir nehmen viel über den Kontext auf. Rein vom akustischen Signal würden wir vieles, was gesagt wird, gar nicht verstehen.

Gibt es neben der 20-Prozent-Regel noch andere Formen des kreativen Forschungsmanagements bei Google?

Wir haben recht kleine Teams in denen Entwickler und Forscher zusammenarbeiten. Wir stellen ein Team zusammen, das dann relativ selbstbestimmt Ideen liefert. Das Gegenteil wäre, dass man ein bestimmtes Produkt vorgibt, und die Mitarbeiter werden vielleicht nur zur Problemlösung gefragt.

Bei uns sollen Mitarbeiter aber von vornherein einen offenen Blick dafür haben, was möglich ist. Wir haben natürlich auch Dinge, die top down funktionieren, wo wir sagen müssen, dass jetzt Fortschritte in einem Bereich gemacht werden müssen, zum Beispiel beim Energiemanagement der Rechnerzentren.

Welche Strategie ist besser?

Die Veränderung in unserem Bereich geht so schnell, dass es für das Management sehr schwer ist, alle Trends vorherzusagen und das Unternehmen darauf vorzubereiten. Eine Möglichkeit, sich darauf einzustellen, ist eine Mitarbeiterbasis, die von vornherein auf Innovation ausgerichtet ist. Das muss man entsprechend in der Unternehmenskultur verankern, auch mit finanziellen Anreizen, wie internen Preisen und Auszeichnungen. Und man muss bei der Einstellungspraxis die richtigen Mitarbeiter auswählen. Viel mehr gehört aber auch schon nicht dazu.

Diese Kultur führt vielleicht manchmal dazu, dass man zu viele Dinge ausprobiert, statt sich auf einige wenige zu konzentrieren. Es ist aber auch eine Stärke, dass eine große Bandbreite an Ideen im Umlauf ist. Dadurch entsteht vieles an Software und Infrastruktur, sogenannte Middleware, auf der man neue Dinge schnell aufsetzen kann. Das ermöglicht, dass innerhalb von einigen Wochen oder Monaten Prototypen entwickelt werden können. Das ist ein großer Vorteil, der auch für andere Unternehmen reproduzierbar wäre. Es ist eine langfristige Investition in Dinge, die man heute noch gar nicht versteht, aber morgen entwickelt.

Mark Hammer, science.ORF.at

Mehr zum Thema: