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Auf einem Siegertreppchen steht ein Männchen, das gesiegt hat.

"Wer schon ganz oben ist, bleibt es auch"

Die Qualitätssicherung von Wissenschaft und die Art und Weise, wie Suchmaschinen funktionieren, haben erstaunliche Parallelen: Beide bauen auf Zitaten auf; wer öfter zitiert bzw. verlinkt wird, gilt als besser. Ein System, das Vor- und Nachteile hat, wie der Internetexperte Alexander Halavais meint.

Technologiegespräche Alpbach 26.08.2010

Wer schon oben ist, bleibt es auch tendenziell, meint Halavais in einem science.ORF.at-Interview am Rande der Technologiegespräche in Alpbach. Die Gesellschaft der Gegenwart bezeichnet er als "Search Engine Society", und so heißt auch sein jüngstes Buch.

science.ORF.at: Was ist die Haupteigenschaft einer "Gesellschaft von Suchmaschinen"?

Alexander Halavais: Es gibt nicht nur eine Eigenschaft, sondern ein Kontinuum neuer Denkweisen. Etwas, das ich etwa heute oft von Studenten höre, ist: Ich muss mich an dieses oder jenes nicht erinnern, weil ich ohnehin nachschlagen kann. Das wurde in der Vergangenheit zwar auch schon öfter gesagt, manchmal sogar von berühmten Leuten. Einstein soll sich etwa so geäußert haben, heute trifft das aber natürlich in noch größerem Maße zu, man kann ja wirklich alles Mögliche in kürzester Zeit im Netz überprüfen. Die große Frage lautet: Was muss in unseren Köpfen sein, und was kann draußen bleiben?

Porträtfoto des Kommunikationswissenschaftlers Alexander Halavais

Quinnipiac University

Alexander Halavais ist Associate Professor an der School of Communications Quinnipiac University, Hamden. Er betreibt das Weblog "A Thaumaturgical Compendium" und twittert auch unter seinem Namen halavais. Bei den Technologiegesprächen in Alpbach hält er am Samstag einen Vortrag über die Zukunft der Internetsuche.

Haben Sie eine Antwort?

Jede neue Technologie hat diese Frage aufgeworfen, nicht erst das Internet und auch nicht das Buch. Schon Sokrates hat kritisiert, dass uns das Alphabet verdummen würde, weil wir mit der Schrift unsere Erinnerung verlieren und nicht mehr richtig denken würden. Er hatte aus der Perspektive seiner Zeit natürlich Recht gehabt, die Menschen sind danach in gewisser Weise "dümmer" geworden. Was nichts anders heißt, als dass sie danach anders gedacht haben. Das gilt auch für heute.

Wie würden Sie diese heutige Änderung beschreiben?

Wir denken heute in Bits und Bytes. Wie in den Computerwissenschaften ist die Idee zentral, dass Modularisierung etwas Positives ist. Unsere gesamten Informationen, unser ganzes Wissen kann in kleine Einheiten zerteilt werden.

Jean-Francois Lyotard hat das schon vor 30 Jahren vorausgesehen, als er meinte, dass unser Wissen in kleine Erzählungen heruntergebrochen würde, statt dass es die eine, große Erzählung gibt, auf die wir uns alle einigen können. In allen Geistes- und Naturwissenschaften ist dieses Phänomen heute zu beobachten. Unser Denken funktioniert zunehmend wie ein Lego-Baukasten.

Das gilt z.B. auch für das Lesen: Bei Büchern werden immer mehr einzelne Kapitel oder Absätze gelesen und nicht mehr das komplette Buch.

Halten Sie das persönlich für eher positiv oder negativ?

Positive und negative Folgen gehen Hand in Hand. Die Modularisierung und permanente Verfügbarkeit bedeutet auch eine starke Demokratisierung. Die Menschen glauben heute stärker, dass das Eine so gut wie das Andere ist. Das wird von manchen wiederum als Verschwinden von Exzellenz beklagt. Andere wie z.B. Google bestehen darauf, das Beste herauszufinden aus dem Netz, dieser riesigen Anzahl von Dokumenten und Dateien.

Technologiegespräche in Alpbach

Von 26. bis 28. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet "Entwurf und Wirklichkeit in Forschung und Technologie". Dazu diskutieren Minister, Nobelpreisträger und internationale Experten.

Beiträge zum Forum Alpbach 2010

Wie viele Menschen halten den ersten Google-Treffer für den besten?

Studien besagen, dass 80 oder 90 Prozent nur auf den ersten Treffer schauen, lediglich ein bis zwei Prozent registrieren Einträge jenseits des zehnten Treffers. Das heißt nicht, dass sie unbedingt alles glauben, was Google ausspuckt, aber so ist es einfach bequemer.

Was halten Sie davon?

Ohne dass wir es wissen, vertrauen wir Google in einem sehr hohen Maß, das Beste für uns herauszufiltern. Die wenigsten beschäftigen sich mit der Frage, wie die Rangliste der Suchmaschine zustande kommt. Und selbst jene, die sich damit beschäftigen, wissen es nicht, da es ja eine Geheimformel ist.

Das Prinzip der Google-Suche ist bekannt: Je mehr Links auf eine Seite verweisen, desto höher wird sie gereiht.

Das stimmt, daneben gibt es aber auch noch andere Kriterien, die genauso geheimnisumwittert sind wie das Rezept von Coca Cola. Nach einem Bericht sind es 60 Kriterien, die Google anwendet, am wichtigsten ist natürlich der Page-Rank-Algorithmus.

Ein System zur Qualitätssicherung, das auf Zitierungen basiert, gibt es schon viel länger als Google: das Impact-System in der Wissenschaft, das auch umstritten ist, für das es aber auch keine besseren Alternativen zu geben scheint. Was kann man aus der einen Diskussion für die andere lernen?

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2010 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen (Freitag, 27.8., und Montag, 30.8, 19.06 Uhr) und bei der Kinderuni (Sonntag, 19.9. und 17.11).

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Das ist für beide Richtungen fruchtbar. So wie Marketingstrategen versuchen, bei Google ganz oben zu stehen, wissen die Wissenschaftler auch, wie man das Spiel mit dem Impact Factor spielt.

Ein Kollege von mir ist sehr gut darin, andere zu überzeugen, seine Werke zu zitieren, durch kleine Geschenke etc. Wenn der Fokus so stark auf Zitierungen liegt, ist das auch kein Wunder. Es gibt sehr wichtige Studien, die jahrelang unterhalb des "Zitier-Radars" gelegen sind, die sich dann aber als wichtig herausgestellt haben. Sie wurden nicht zitiert, weil sie zuvor nicht zitiert worden waren. Das gleiche gilt auch für Google. Es gibt ein Wettrennen um die Spitzenplätze, und das führt auch zu einer Verengung.

Das Web ist ambivalent: Auf der einen Seite ist es ein mächtiges Mittel der Demokratisierung, auf der anderen Seite ist etwa Google ein ebenso mächtiges Instrument der Zentralisierung: gerade für jene, die wissen, wie sie an die Spitze kommen, oder für die, die schon an der Spitze sind. In beiden Fällen geht es offenbar nicht um die objektive Wertigkeit der Inhalte.

Ich habe Ihr Buch dem allgemeinen Trend gemäß natürlich nicht gelesen, aber immerhin zwei Besprechungen: Ihnen zufolge bezeichnen Sie Blogger als "Suchintellektuelle", die sich in einer Art Gegenbewegung zu Google befinden, weil sie sich auch um Themen kümmern, die nicht "topgelistet" sind.

Blogs sind recht ungewöhnlich, denn gleichgültig ob beabsichtigt oder nicht liegen sie im Google-Ranking recht schnell weit oben. Sie machen lauter Dinge, die Google gerne hat. Blogs, Twitter und andere soziale Kommunikationsformen filtern das Web auf eine andere Weise, vielleicht nicht transparenter als traditionelle Medien, aber anders.

Auf der anderen Seite sagen uns Studien, dass die Inhalte von Blogs sehr oft von den "alten", den abwertend "Mainstream" genannten Medien stammen …

Das stimmt für jene Blogs, die sich mit Nachrichten befassen. Wobei sie die dann kommentieren und mit Meinungen versehen, was in vielen traditionellen Medien nur unzureichend der Fall ist. Es gibt aber natürlich auch eine ganze Menge an Blogs, die mit News, Sport etc. gar nichts zu tun haben und dementsprechend ganz andere Inhalte bieten.

Sie haben die Frage in Ihrem Buch selbst gestellt: Wie lange wird die Herrschaft von Google im Internet bestehen?

Ehrlich gesagt würde ich heute in Google-Aktien investieren. Eines, was wir von seinem Ranking-System lernen können, ist: Wer schon ganz oben ist, bleibt es tendenziell auch. Dennoch hat Google überraschenderweise gerade zuletzt in manchen Bereichen der Innovation nicht ganz Schritt gehalten.

Bing und einige andere Mitbewerber haben Google in ihrem Kerngebiet der Suche angegriffen. Etwa bei lokalen Suchen, bei der elektronischen Vernetzung von Dingen des Alltags ("Internet of things"), bei Karten und bei sozialer Suche. In all diesen Gebieten war Google zuletzt nicht sehr erfolgreich - es sei denn, die Forschung dazu wird komplett im Geheimen betrieben.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Weitere Beiträge zu den Technologiegesprächen 2010: