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Eine Chance für die Sozialwissenschaft

Die Sozialwissenschaft hat oft mit Imageproblemen zu kämpfen: Während sie sich meist mit kritischer Beobachtung der Wirklichkeit beschäftigt, liefern andere Disziplinen greifbare Ergebnisse und Produkte. Mit dem Konzept der "sozialen Innovation" könnte sich die Sozialwissenschaft jedoch nachhaltig verändern.

Soziale Innovation I 02.09.2010

Jürgen Howaldt, Direktor der Sozialforschungsstelle der Technischen Universität Dortmund, erklärte bei den Technologiegesprächen in Alpbach, wie das funktionieren könnte.

Paradigmenwechsel im Innovationssystem

Unter Innovation wird im weitesten Sinne meist eine technologische Neuerung verstanden, etwa die Erfindung des Autos, des PCs oder des Handys. Oftmals wird die soziale Komponente derartiger Innovationen hervorgehoben, wenn es um ihre Bedingungen oder Folgen geht. Soziale Innovation als eigenständiges Feld hingegen wird kaum wahrgenommen.

Der Wandel von einer Industriegesellschaft zu einer Wissensgesellschaft jedoch verlangt nach einem Paradigmenwechsel im Innovationssystem, um den modernen gesellschaftlichen Herausforderungen entgegentreten zu können, meint Howaldt.

Soziale Innovation - z.B. Weblogs

Technologiegespräche in Alpbach

Von 26. bis 28. August fanden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautete "Entwurf und Wirklichkeit in Forschung und Technologie". Dazu diskutierten Minister, Nobelpreisträger und internationale Experten.

Beiträge zum Forum Alpbach 2010

Was kann nun unter sozialer Innovation verstanden werden? Jürgen Howaldt gibt als Beispiel das Gebiet des Wissensmanagement an: Wenn etwa Mitarbeiter eines Unternehmens untereinander Informationen austauschen, geschieht dies immer häufiger über eigens angelegte Wikis oder Weblogs.

Wissensmanagement passiert zwar über derartige technologische Hilfsmittel, basiert jedoch in erster Linie auf dem Verhalten der am Austausch beteiligten Individuen. Im Mittelpunkt stehen also nicht Datenbanken, sondern die Kommunikations- und Kooperationsstrukturen.

Somit handelt es sich hierbei in erster Linie um eine soziale Innovation. Das Konzept darf jedoch nicht mit sozialem Wandel verwechselt werden - eine soziale Innovation basiert auf Intentionalität, kann also nicht zufällig passieren wie sozialer Wandel.

Von der Theorie zur Praxis

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2010 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen (Freitag, 27.8., und Montag, 30.8, 19.06 Uhr) und bei der Kinderuni (Sonntag, 19.9. und 17.11).

Alle Beiträge zu Alpbach 2010 in oe1.ORF.at

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Ende der 1980er Jahre verfasste der deutsche Soziologe Wolfgang Zapf in der Zeitschrift "Soziale Welt" einen Artikel, der zur Erforschung von sozialer Innovation aufrief. Zwei Jahrzehnte später ist Jürgen Howaldt einer der wichtigsten Advokaten der Forschungsrichtung, aus der er sich auch eine Aufwertung der Sozialwissenschaft erhofft.

Mittlerweile handelt es sich bei der sozialen Innovation nicht mehr nur um ein Konzept, sondern es ist auch mehrmals institutionalisiert worden. In Österreich sucht das Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) seit 20 Jahren nach Lösungen sozialer Herausforderungen. Ein Beispiel für die Arbeit des ZSI ist das Projekt "Access to Higher Eduction".

Durch die Analyse europäischer Universitäten soll erforscht werden, in welchen Ländern der Zugang zu höherer Bildung für einkommens- und bildungsferne Schichten besonders selektiv ist bzw. welche Bildungssysteme Barrieren am besten entgegenwirken. So sollen best-practice-Modelle identifiziert werden, die als Vorbilder dienen können.

Selbstabschottung und ihre Überwindung

Die Sozialwissenschaft ist eine Disziplin, die im Gegensatz zu anderen oftmals ihre Existenzberechtigung argumentieren muss. Nicht selten steht sie als stille Beobachterin auf der Seite, während die Naturwissenschaften in Forschung und Entwicklung brillieren.

"Die Sozialwissenschaft hält sich von praktischen Erwägungen oft fern und sieht ihre Aufgabe sehr stark im gesellschaftskritischen Kommentar. Das ist natürlich nicht durchgehend so, aber doch der Mainstream", beschreibt Jürgen Howaldt die Selbstabschottung der Sozialwissenschaft.

Das Konzept der sozialen Innovation stellt ihm zufolge hingegen eine Möglichkeit für die Sozialwissenschaft dar, als Gestalterin zwischenmenschlicher Beziehungen in verschiedensten Bereichen aktiv zu werden. Damit würden neue Berufsfelder eröffnet werden, insbesondere Beratungspositionen. Erkenntnisse über soziale Problemstellungen und deren Lösungen könnten sowohl in Unternehmen, also auch in staatlichen Institutionen oder NGOs genutzt werden.

Die Zukunft der Sozialwissenschaft

Das Konzept der sozialen Innovation und ihre Umsetzungsmöglichkeiten in die Praxis werden jedoch von den Sozialwissenschaften bisher wenig wahrgenommen. Es fehlt eine übergreifende Theorie, die Erfahrungen aus verschiedenen Anwendungsbereichen zusammenführt. Jürgen Howaldt sieht den Grund dafür u.a. im "sozialwissenschaftlichen Autismus", dem Unwillen, aus der selbstgewählten Beschränkung auf Beobachtung der sozialen Wirklichkeit herauszutreten. Aus dieser Gewohnheit müsse sie ausbrechen, um zur aktiven Gestalterin zu avancieren.

Soziale Gegebenheiten kritisch zu reflektieren, sei eine wichtige Aufgabe; das daraus gewonnene Wissen praktisch zu verwerten aber für die Sozialwissenschaften zentral für die Zukunft, nicht nur bezüglich ihres Images, sondern auch für ihre Relevanz. Das Konzept der sozialen Innovation schafft laut dem Experten die Möglichkeiten, das Berufsfeld der Sozialwissenschaft zu erweitern und mehr Praxisnähe zu gewinnen.

Jürgen Howaldt ist sehr optimistisch: "Ich bin überzeugt davon, dass sich das Konzept der sozialen Innovation durchsetzen wird und die Sozialwissenschaft ihre Rolle dadurch aufwerten wird. Das heißt natürlich nicht, dass das passieren muss. Wichtig ist jedenfalls intensive Diskussion zu diesem Thema, um das Konzept erfolgreich zu etablieren."

Über die Autorin

Therese Kaiser ist Mitarbeiterin am Fakultätszentrum für Methoden der Sozialwissenschaften und ab Oktober 2010 Doktoratsstudentin am Institut für Höhere Studien in Wien. Die Technologiegespräche in Alpbach besuchte sie als Stipendiatin für science.ORF.at.

Therese Kaiser

Weitere Beiträge zu den Technologiegesprächen 2010: