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Menschen im digitalen Datenstrom.

"Aus dem Würgegriff der Experten befreit"

Die anderen für sich arbeiten zu lassen, ist ein altes Prinzip. Seit vier Jahren trägt es einen neuen schicken Namen: "Crowdsourcing". Es stammt von Jeff Howe, einem Redakteur des Magazins "Wired". Mittlerweile haben viele Unternehmen Gefallen an der Idee gefunden, die Macht der Masse für ihre Zwecke zu nutzen.

Kommunikationswissenschaft 13.09.2010

Medienunternehmen etwa sehen darin einen Weg, Kosten zu sparen und die Bindung zu ihren Konsumenten zu stärken, indem sie sie in den Produktionsprozess mit einbeziehen. Mit dem Ergebnis, dass sie Gefahr laufen, sich selbst überflüssig zu machen. Howe sieht es gelassen. Für ihn hat sich die Mehrheit damit aus dem Würgegriff einiger Experten befreit.

Im Interview mit science.ORF.at spricht er über die Zukunft der Medien und Freundschaften im Zeitalter sozialer Netzwerke.

Sie glauben dass der Begriff "Journalist" bald verschwinden wird. Ist das nicht etwas pessimistisch?

Porträtfoto des Wired-Redakteurs Jeff Howe

IPI

Jeff Howe arbeitet als Redakteur für das US-Magazin "Wired". Im Juni 2006 hat er einen Artikel mit dem Titel "The Rise of Crowdsourcing" veröffentlicht und damit den Begriff "Crowdsourcing" begründet. Er betreibt einen Blog zu dem Thema und hat im Jahr 2008 ein Buch mit dem Titel "Crowdsourcing - Why the power of the crowd is driving the future of business" veröffentlicht. Howe ist derzeit Gast des Weltkongresses des International Press Institute in Wien.

Jeff Howe: Sicher, das klingt schrecklich pessimistisch. Ich bin mir nicht mehr sicher ob der Begriff "Journalist" tatsächlich verschwinden wird. Was ich damals gemeint habe, ist folgendes: Im Moment haben wir eine sehr klare Vorstellung davon, was Journalisten tun. Mittlerweile ist diese Definition etwas verschwommen. Die Fachbezeichnung, die wir derzeit für Medienproduzenten benutzen, die Nomenklatur, wird sich mit Sicherheit ändern. Die Medienindustrie verändert sich und damit auch die Begriffe, die wir benutzen, um sie zu beschreiben. Sprache spiegelt auch immer einen Teil der Kultur wider.

Glauben Sie, dass Informationen die auf Crowdsourcing beruhen verlässlich sind? Man kann unter anderem beobachten, dass politisch heikle Wikipedia-Artikel immer wieder umgeschrieben werden.

Im Fall von Wikipedia gibt es immer noch "Wikipedianer" die sich um Neutralität von Artikeln kümmern. Meiner Meinung nach ist Wikipedia ein sich selbst korrigierendes System.

Nicht alle Ihrer Kollegen sind dieser Meinung. Der Internet Pionier Jaron Lanier kritisiert Wikipedia stark und vergleicht Wikipedias Schwarmintelligenz unter anderem mit dem Marxismus.

Unsinn. Dieser Begriff ist sehr provokant gewählt. Meiner Meinung nach gibt es große Umwälzungen, ganze Industriezweige verändern sich und befinden sich im ständigen Wandel. Ich sehe jedoch keine Anzeichen für eine Art von Cyber-Marxismus und glaube auch nicht daran, dass das Internet eine neue wirtschaftliche Ordnung einleitet.

Auch das Internet hat sich verändert. Durch Phänomene wie Crowdsourcing kam es zu einer Amateurisierung ganzer Berufssparten.

Ich denke, dass sich die Kulturindustrie langsam aus dem Würgegriff einiger Experten befreit. Das haben wir zu einem großen Teil dem Internet zu verdanken. Ich sage es immer wieder und ich habe es auch in mein Buch geschrieben: Ich halte diese Entwicklung für äußerst positiv. Natürlich gibt es eine Flut von schlechten, amateurhaften Produkten, eine Menge YouTube-Videos, die Müll sind. Dennoch glaube ich, dass das Internet Millionen von Leuten eine Stimme gegeben hat, die sie sonst nicht hätten.

Kritiker des Web 2.0 behaupten, dass die Flut an neuen Medien die Kommunikation zwischen Menschen derart verändert hat, dass sie nun fragmentiert und unpersönlich geworden ist.

Ich denke auch, dass sich zwischenmenschliche Beziehungen auf eine Weise verändert haben, die die besondere Vertrautheit, an die wir vor zehn oder 100 Jahren noch gewöhnt waren, bedroht. Begonnen hat das mit der Telegrafie, dem Telefon und dem Radio. Es ist ein laufender Prozess. Wir kommunizieren heute mit mehr Menschen als jemals zuvor - mit den meisten von ihnen allerdings nicht besonders umfangreich.

Verändert dieser Prozess die Gesellschaft? Werden wir oberflächlicher?

Das ist eine gute Frage, aber ich bin dagegen, Dinge zu verallgemeinern. Haben Leute eine geringere Bindung zu ihrer Familie als noch vor 50 Jahren? Ich halte das für eine vage Behauptung. Bei manchen ist es wohl so, bei anderen nicht. Sind Freundschaften weniger intim oder intensiv geworden weil Leute Facebook-Seiten haben? Auf manche Menschen kann das durchaus zutreffen, auf andere nicht. Ich selbst benutze Twitter und Facebook, allerdings nur für sehr spezielle Zwecke. Trotzdem versuche ich, genug Zeit mit meinen Freunden zu verbringen.

Sie arbeiten derzeit an einem journalistischen Projekt, bei dem Crowdsourcing benutzt wird, um Daten über das US-Gesundheitssystem zu erheben. In Österreich stecken diese Konzepte noch in den Kinderschuhen. Gibt es große Unterschiede zwischen Europa und den USA? Sind europäische Journalisten verschlossener gegenüber solchen Methoden?

Ich denke, dass es Unterschiede gibt. In den USA erwägen immer mehr Medienunternehmen Crowdsourcing zu verwenden. Bei meinem Projekt geht es darum, Daten von Radiohörern zu sammeln und sich die Kosten für ihre Gesundheitsvorsorge anzusehen. Die Situation in Österreich kenne ich leider zu schlecht, um etwas darüber sagen zu können. Es gibt allerdings einige europäische Länder, die Crowdsourcing relativ früh aufgegriffen haben. Kurz nachdem mein Artikel darüber erschienen ist, gab es ein Experiment in den Niederlanden. Die Regierung hat dort versucht, die Bevölkerung durch Crowdsourcing in den Gesetzgebungsprozess einzubinden. Es ist also von Land zu Land sehr verschieden. Aber auch in den USA gab es anfangs großen Widerstand. Man hat einiges ausprobiert. Manche Dinge haben gut funktioniert, andere weniger. Ich finde diesen Prozess ziemlich interessant.

Crowdsourcing scheint sehr gefragt zu sein. Gibt es derzeit eine Art Hype?

Sicher. Aber das betrifft nicht nur Crowdsourcing. Ich habe damals einen Begriff gebraucht, um ein aufkommendes Phänomen zu beschreiben. Viele Medienunternehmen schreiben diesen Begriff mittlerweile in ihre Presseaussendungen, um modern und innovativ zu wirken. Wenn diese Unternehmen es auf der anderen Seite schaffen, eine stärkere Bindung zu ihren Lesern herzustellen, würde ich das nicht als Hype bezeichnen - ich sehe es eher als eine wertvolle Ergänzung.

Crowdsourcing ist stark mit dem Web 2.0 Gedanken verknüpft, der auf Kooperation und Interaktion beruht. Nun sprechen manche Leute von Web 3.0 und dem semantischen Web, das kurz gesagt die Bedeutung von Information "verstehen" kann. Werden in Zukunft Computerprogramme Content produzieren?

Zu einem gewissen Grad passiert das bereits. Eine Firma in den USA hat einen Algorithmus programmiert, mit dessen Hilfe Artikel generiert werden können. Es funktioniert noch nicht perfekt, aber es ist mittlerweile möglich, eine Annäherung an eine richtige News-Story zu erzeugen. Ich glaube davon wird es in Zukunft noch mehr geben. Ich bin vielleicht ein Journalist der alten Schule, aber ich glaube, dass es trotz des Fortschritts immer ein Bedürfnis nach individuellen Meinungen geben wird.

Finden Sie diese Entwicklungen manchmal unheimlich?

Ja. Eine solche Zukunft fände ich sehr unheimlich. Das heißt jedoch nicht, dass wir einen Knopf drücken und das Rad der Zeit zurückdrehen können. Viele dieser Technologien sind noch in einer experimentellen Phase. Es gibt im Internet ständig Innovationen und Erfindungen, und nur wenige davon werden sich durchsetzen. Das menschliche Element des Erzählens wird immer gefragt sein.

Sebastian Schrottenbach

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